26. Januar 2021

Zum Abschluss unserer Serie “Schule im Film”: 11 Tipps von His Masters Voice!

Pädagogen haben eine eigene Sicht auf Filme, die sie selbst bzw. ihr Metier betreffen. Deshalb haben wir den renomierten Filmkritiker Wolfram Knorr gebeten, uns seine Liste der besten Schulfilme vorzustellen. Freundlicherweise erklärte sich Herr Knorr sofort bereit, der LeserInnenschaft des Condorcet-Blogs exklusiv einige sehenswerte Filmtipps zu präsentieren.

Schulfime – ausgewählt von Wolfram Knorr

 

Fim 1: Zéro de conduite (Betragen ungenügend, Frankreich, 1933) von Jean Vigo

Permanente Bevormundung durch den  Lehrkörper führt in einem Internat zur Revolte der Schüler. Die surrealistisch überhöhte Darstellung (die Lehrer sind klein, mit bodenlangen, weissen Bärten) war den politischen Behörden zu respektlos und wurde in Frankreich sogleich verboten. Erst 1946 durfte die autobiographisch geprägte Satire öffentlich gezeigt werden.

 

Film 2: Blackboard Jungle (Die Saat der Gewalt, USA, 1955) von Richard Brooks

Durch die rasante Wohlstandsentwicklung in den Nachkriegsjahren, entwickelte sich in den USA eine Jugendrebellion, nicht politisch, sondern moralisch geprägt; ausgelöst durch den Rock’n’Roll und seine Erotik. Ein Kriegsveteran (!) versucht als Lehrer die Schüler und Schülerinnen unter Kontrolle zu bringen. Typische Hollywood-Dramaturgie: Patriot, der für die Freiheit durchs Feuer ging gegen verwöhnte Jugend, die nur ihre Triebe ausleben will. Trotz mancher Klischees hat er an Brisanz nicht verloren, eher wieder gewonnen.

 

Film 3: If (GB, 1968) von Lindsay Anderson

Sich direkt auf Vigo’s Film beziehend, gerät hier, allerdings martialisch überhöht, eine Schüler-Revolte in einem britischen Internat, vor dem Hintergrund später tatsächlich erfolgter Schul-Massaker, reichlich makaber. Zumal der Rache-Traum einiger Schüler (deshalb der Titel) als Mahnung gedacht ist: Wenn die rigiden Zucht-Methoden des Internats, die nur der Unterwerfung und Demütigung dienen, nicht menschlichem Umgang weichen, dann … Der Blick darauf ist ätzend, aber genau. Das Erscheinungsjahr ’68 spricht ohnehin Bände.

 

Film 4: Picnic at Hanging Rock (Picknick am Valentinstag, Australien, 1975) von Peter Weir

Schule als Mystery. In einem streng geführten Mädchen-Internat Australiens verschwinden bei einem Ausflug drei Schülerinnen – und werden nicht mehr gefunden. Immer mehr Eltern holen ihre Mädchen daraufhin von der Schule, die hart durchgreifende Chefin verfällt dem Alkohol. Wie ihre Vorstellung einer klar durchkontrollierten Erziehung mit der Wirklichkeit kollidiert, die sich eben nicht kontrollieren lässt, ist hochspannend.

 

Film 5: Au revoir, les enfants (Auf Wiedersehen, Kinder, Frankreich, 1987) von Louis Malle

Au revoir les enfants

Der Schulbetrieb spielt nur eine periphere Rolle, aber ist im Verhalten und der Stimmung der Schüler immer präsent. Es ist das Jahr 1944, unter deutscher Besatzung, und der Pater eines katholischen Internats hat klandestin jüdische Knaben unter falschen Namen aufgenommen. Ein Küchenjunge, der davon erfährt, denunziert den Pater. Im Mittelpunkt steht ein französischer 12jähriger, der sich in die Welt von Alexandre Dumas, Jules Verne und Co. flüchtet, die Realität auszublenden versucht. Autobiographisch.

 

Film 6: Dead Poets Society (Der Club der toten Dichter, USA, 1989) von Peter Weir

In einem Internat, das seine Schüler zu «echten Kerlen» zu erziehen versucht, unterrichtet ein Lehrer die Jungs in die Gegenrichtung: In die Welt der Poesie. Eine Gruppe lässt sich anstecken und wird vom Rest verspottet. Ein Schüler vor allem gerät dadurch in einen seelischen Konflikt mit seinem hartherzigen Vater. Sehr emotional, aber auch romantisch verklärend. Dank subtiler Charaktere eines leistungsbetonten Schulbetriebs nach wie vor bemerkenswert.

 

Film 7: Die Welle (Deutschland, 2008) von Dennis Gansel

Ein Lehrer verpflichtet seine Schüler zur Teilnahme an einem Sozialexperiment: Sie sollen an einer Bewegung namens «Die Welle» mitwirken, in dessen Mittelpunkt der unbedingte Gemeinschaftsgeist steht. Das Experiment droht aus dem Ruder zu laufen, je faschistoider sich die Schüler zu verhalten beginnen. Anschaulich, nie belehrend. Der Film geht auf ein US-Experiment zurück, das 1967 an einer kalifornischen Schule stattfand.

 

 

Film 8: Entre les murs (Die Klasse, Frankreich, 2008) von Laurent Cantet

Ein Einzelgänger, von seinen Kollegen sanft verspottet, der an einer Pariser Schule mit hohem Migrantenanteil unterrichtet, will mit Geduld und Toleranz die Schüler für den Unterricht gewinnen. Doch seine Nachsicht läuft ins Leere, und irgendwann ist auch seine Geduld am Ende. Der autobiographisch geprägte Stoff versucht fast naturalistisch die schier unüberwindbaren Probleme an Frankreichs Banlieu-Schulen zu vermitteln. Der dokumentarische Zugriff ist beklemmend: Die Kluft zwischen Lehrer und Schüler wird fast mit «Händen» greifbar.

 

 

Film 9: Fack ju Göthe (Deutschland, 2013) von Bora Dagtekin

Eine Groteske, die sich von den unsäglichen deutschen «Pauker»-Filmen aus den 1960ern dadurch unterscheidet, dass sie durchaus lustig ist, Verhaltensweisen und Situationen aufgreift, die es tatsächlich verdienen, auf die Schippe genommen zu werden, und aufgrund des Erfolgs unter Pennälern sowieso einen wunden Punkt getroffen hat. Das Urteil trifft allerdings nur auf das Original zu. Die Sequels 2 und 3 kann man getrost vergessen.

 

 

Film 10: Das schweigende Klassenzimmer (Deutschland, 2018) von Lars Kraume

Abiturklasse 1956 in Ost-Berlin. Zwei Schüler gehen im Westen ins Kino und sehen in der Wochenschau Bilder des Ungarn-Aufstandes, die sich von denen in der DDR diametral unterscheiden, organisieren darauf im Unterricht eine Schweigeminute für die Opfer des Aufstands. Es kommt zum Eklat. Die Anstifter sollen zur Rechenschaft gezogen werden. Die Klasse schweigt, das Abitur wird ihnen verweigert. Nach einer wahren Geschichte. Überzeugend ist vor allem der Konflikt mit den Eltern, die Opportunismus für die Ratio schlechthin halten, um es in der Zukunft zu etwas zu bringen.

 

Film 11: Frau Müller muss weg (Deutschland, 2015) von Sönke Wortmann

Schule mal von der anderen Seite: Von der der Eltern, besonders der Helikopter-Eltern, die um die Zeugnisse ihrer Sprösslinge mehr besorgt sind als die Betroffenen selber. Eine bestimmte Lehrerin, der Titel sagt es, soll von der Schule entfernt werden. Der Mittelstand wird hier aufs Korn genommen. Das ist oft treffend, witzig und böse. Hält den Ton leider nicht bis zum Schluss.

Wolfram Knorr, Filmpublizist, Buchveröffentlichungen: „Monster, Movies, Macht und Massen“ (Haffmans), „Geschmack im Film“ (Echtzeit). Mitarbeiter der Weltwoche. 

Verwandte Artikel

1 Kommentar

  1. Hier noch ein Blick in unser Nachbarland Italien. Meine Empfehlung: “Il rosso e il blu” von Giuseppe Picconi, nach einem Roman von Marco Lodoli, 2012
    Interessanter Einblick in den “Begegnungsort Schule” einer römischen Staatsschule. Ein gealterter, illusionsloser Kunstlehrer, steht einem idealistischen, engagierten Aushilfslehrer gegenüber. Die strenge Direktorin komplettiert das Lehrkörpertrio. Mikrokosmos Schule al meglio!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.