28. Oktober 2020

„Mainstreaming“ in den USA

Die Entwicklungen der schulischen Integration in den USA werden politisch ernst gemeint, aber selten tatsächlich in dessen Geist umgesetzt (Jülich 1996). Sie wurden erstmals 1975 mit dem „Education for All Handicapped Children Act“ (EHA) festgeschrieben und 2001 mit dem „No Child Left Behind Act“ weiter präzisiert: Mit der „Least Restrictive Environment“ (LRE) wurde die Entscheidungsrichtlinie für die zu wählende Schulform vorgeschrieben, wobei integrative und separierende sonderpädagogische Systeme (Klinik, staatliche Institution, private Tagesschule, öffentliche Sonderschule, Regelschule) nebeneinander bestehen. Ein weiteres spannendes Kapitel aus der Geschichte von unserem “hauseigenen” Bildungshistoriker Peter Aebersold.

Education for All Handicapped Children Act (EHA) von 1975

Mehr als eine Million Kinder ausgeschlossen

Vor der Verabschiedung des „Education for All Handicapped Children Act“ (EHA) im Jahr 1975 wurde in den öffentlichen Schulen der USA nur eines von fünf Kindern mit Behinderungen ausgebildet. Es gab einige Staaten (wie Massachusetts), die gute Sonderschulprogramme für insgesamt fünf bis sechs Millionen Kinder hatten. Etwa 200.000 Kinder mit Behinderungen wie Taubheit oder geistiger Behinderung lebten in staatlichen Einrichtungen, die nur begrenzte oder gar keine Bildung oder Rehabilitation anboten. Mehr als eine Million Kinder waren von der Schule ausgeschlossen. Weitere 3,5 Millionen Kinder mit Behinderungen besuchten die Schule, erhielten aber nicht die Bildung, die sie benötigten. Viele dieser Kinder wurden in speziellen Gebäuden oder Programmen ausgesondert, die ihnen weder die Interaktion mit nichtbehinderten Schülern erlaubten, noch ihnen auch nur grundlegende intellektuelle Fähigkeiten vermittelten.

Viele Eltern und Pädagogen forderten jedoch, Schülern mit Behinderungen die Möglichkeit zu geben, zusammen mit ihren nichtbehinderten Altersgenossen in den gleichen Klassenräumen zu sein.

Schülerinnen und Schüler mit relativ geringfügigen Behinderungen wurden in die regulären Klassenzimmer integriert

Anfänglich wurden Kinder mit Behinderungen oft in heterogenen Sonderschulklassenzimmern untergebracht, was es schwierig machte, auf alle ihre Schwierigkeiten angemessen einzugehen. In den 1980er Jahren wurde das Mainstreaming-Modell immer häufiger angewandt, da die Kinder in der am wenigsten restriktiven Umgebung untergebracht werden mussten (Clearinghouse, E. 2003). Schülerinnen und Schüler mit relativ geringfügigen Behinderungen wurden in die regulären Klassenzimmer integriert, während Schülerinnen und Schüler mit größeren Behinderungen in getrennten Sonderklassenzimmern blieben und die Möglichkeit hatten, bis zu einigen Stunden pro Tag zu den normalen Schülerinnen und Schülern zu gehören. Viele Eltern und Pädagogen forderten jedoch, Schülern mit Behinderungen die Möglichkeit zu geben, zusammen mit ihren nichtbehinderten Altersgenossen in den gleichen Klassenräumen zu sein.

Torey Lynn Hayden „Meine Zeit mit Sheila”: Ich unterrichtete eine “Abfallklasse”.

Separate spezialisierte Sonderklassen

Die ausgebildete Psychologin und Pädagogin für verhaltensgestörte und geistig behinderte Kinder und Jugendliche, Torey Lynn Hayden, berichtet in ihrem Buch „Meine Zeit mit Sheila“ über die Schulpraxis vor der Einführung des „Mainstreaming“:

„Ich unterrichtete die „Abfallklasse“, wie wir in unserem Schulbezirk durchaus liebevoll zu sagen pflegten. Es war das letzte Jahr vor der gesetzlichen Einführung des sogenannten „Mainstreaming“, das gemeinsamen Unterricht behinderter Kinder mit nichtbehinderten verlangte. Wir hatten also in unserem Bezirk noch die zahllosen kleinen Unterrichtsräume, von denen jeder einer bestimmten Gruppe behinderter Kinder zur Verfügung stand. Es gab Sonderklassen für körperlich Behinderte, für geistig Behinderte, für Verhaltensgestörte, für Sehbehinderte, um nur einige zu nennen.

Nicht einzuordnen

Meine acht Schüler waren die Übriggebliebenen, Kinder, die sich nicht einordnen liessen. Alle litten sie an emotionalen Störungen, aber die meisten waren ausserdem geistig oder körperlich behindert. Von den acht Kindern in der Gruppe – drei Mädchen und fünf Jungen – konnten drei nicht sprechen, eines konnte zwar sprechen, weigerte sich aber, es zu tun, und ein anderes sprach nur echoartig die von anderen gehörten Worte nach. Drei brauchten noch Windeln, und bei zweien war regelmässig mit „Unfällen“ zu rechnen.

Man teilte mir einen mexikanisch-amerikanischen Wanderarbeiter namens Anton zu, den man aus der Liste der örtlichen Sozialhilfeempfänger herausgepickt hatte.

Da ich in meiner Gruppe die gesetzlich höchstzulässige Zahl behinderter Kinder hatte, bekam ich gleich zu Beginn des Schuljahres einen Helfer; aber es wurde nicht, wie ich erwartet hatte, eine der aufgeweckten, einsatzfreudigen Hilfskräfte, die bereits an der Schule angestellt waren. Man teilte mir einen mexikanisch-amerikanischen Wanderarbeiter namens Anton zu, den man aus der Liste der örtlichen Sozialhilfeempfänger herausgepickt hatte“.

Individuals with Disabilities Education Act (IDEA) von 1990

Die EHA, die 1990 in „Individuals with Disabilities Education Act“ (IDEA) umbenannt wurde, verlangte von den Schulen die Bereitstellung spezieller Bildungsdienste für Kinder mit Behinderungen. Das letztendliche Ziel war es, diesen Schülern zu einem unabhängigeren Leben in ihren Gemeinden zu verhelfen, vor allem durch die Vorschrift des Zugangs zu den allgemeinen Bildungsstandards des öffentlichen Schulsystems.

1997 wurde IDEA modifiziert, um die Anforderungen für die „richtige“ Integration von Schülern mit Behinderungen zu verstärken. Die Individuellen Lernprogramme (IEP) der Sonderschüler müssen sich klarer auf den allgemeinbildenden Lehrplan beziehen, Kinder mit Behinderungen müssen in die meisten staatlichen und lokalen Beurteilungen, wie z.B. die Abiturprüfungen, einbezogen werden, und den Eltern müssen regelmäßige Fortschrittsberichte vorgelegt werden. Alle öffentlichen Schulen in den USA tragen die Kosten für die Bereitstellung einer kostenlosen, angemessenen öffentlichen Bildung, wie vom Bundesgesetz vorgeschrieben.

„Mainstreaming“ oder Einbeziehung in die regulären Unterrichtsräume, bei Bedarf mit zusätzlichen Hilfsmitteln und Dienstleistungen, sind jetzt die bevorzugte Unterbringung für alle Kinder. Kinder mit Behinderungen dürfen nur dann in einer eingeschränkteren Umgebung untergebracht werden, wenn es aufgrund der Art oder Schwere der Behinderung nicht möglich ist, eine angemessene Bildung im regulären Klassenzimmer anzubieten.

No Child Left Behind Act (NCLB) von 2002

“No Child Left Behind Act”: Neoliberales Gutscheinmodell von Milton Friedman inspiriert

2002 trat unter George W. Bush der “No Child Left Behind Act” (NCLB) in Kraft, der die Qualität der öffentlichen Schulen der USA verbessern sollte. Dazu wurden flächendeckende Schulleistungstests eingeführt und den Eltern die freie Schulwahl mit Bildungsgutscheinen (neoliberales Gutscheinmodell nach Milton Friedman) ermöglicht. Ausserdem wurden die Schulen in diesem Programm verpflichtet, ihre Schülerlisten den Rekrutierungsbüros des Militärs zu übermitteln.

„Mainstreaming“ in der Schulpraxis

Torey Lynn Hayden erlebte die Zeit des „Mainstreaming“ und der Auflösung aller Sonderschulen hautnah in ihrem Klassenzimmer:

„Meine Klasse sollte am Ende dieses Schuljahrs aufgelöst werden. Das „Mainstreaming“-Gesetz, das vorschrieb, dass jedes behinderte Kind in Zukunft mit nichtbehinderten Kindern zusammen zu unterrichten sei, war die Hauptursache. Die meisten Sonderschulen wurden aufgelöst, und Lehrkräfte wie ich sollten als „Hilfskräfte“ eingesetzt werden, um den regulären Lehrkräften, die von nun an behinderte Kinder unter ihren Schülern haben würden, Hilfestellung zu geben. Mir behagte diese Veränderung nicht sonderlich. Gern hätte ich das neue Gesetz aufgrund der vorgegebenen Begründung – dass diese Regelung die Gleichstellung behinderter Kinder fördere und ihnen mehr Entwicklungsmöglichkeiten biete – akzeptiert, aber dazu war ich zu sehr Zynikerin. Der weit naheliegendere Beweggrund war in meinen Augen, dass sich auf diese Weise eine Menge Geld sparen liess.

Was mich betraf, so eignete sich mein Unterrichtsstil am besten für die unabhängige, in sich geschlossene Gruppe. Unter solchen Vorrausetzungen konnte ich meine Fähigkeiten am wirksamsten einsetzen. Ich konnte so eine Atmosphäre schaffen, die inzwischen zu meinem Markenzeichen geworden war – geprägt von engem und die Kinder fördernden Kontakt. Ich ging davon aus, dass ich so am meisten zum positiven Wachstum meiner Schützlinge beitragen konnte. Es ist verständlich, dass mir unter diesen Umständen natürlich davor graute, eine ambulante Hilfskraft zu werden, die nur noch mit einer Liste pädagogischer Problemfälle zu tun hatte, für deren Bearbeitung ihr jeweils zwanzig Minuten pro Woche zugestanden wurden. Das schwierigste für mich jedoch war die Einengung durch strenge theoretische Vorgaben. Ich war eine Praktikerin, die nicht auf ein bestimmtes System festgelegt war.

Im Rahmen des neuen Gesetzes sollten wir uns jedoch in unseren Arbeitsmethoden auf eine Form der Verhaltenskonditionierung (Behaviorismus) beschränken. Ich war durchaus qualifiziert, mit diesem Ansatz zu arbeiten, aber ich fand, dass man die Methode weit überschätzte, und hielt die Therapie für nicht ungefährlich“.

Zurück zur Kleinklasse, die man nicht so nennen durfte

Torey Hayden: Sollte mich auf Verhaltenskonditionierung (Behaviorismus) beschränken

Torey Hayden beschreibt in ihrem Buch „Bo und die anderen“ wie es dazu kam, dass man heimlich wieder zum alten System zurückkehrte, weil sich das „Mainstreaming“ nicht bewährte hatte:

„Zu Beginn des Schuljahres im August arbeitete ich als Nachhilfelehrerin. Die schwächsten Kinder aller Elementarklassen kamen einzeln, zu zweit oder dritt für etwa eine halbe Stunde täglich zu mir. Ich sollte sie so weit fördern, dass sie in ihren Klassen mitkamen, vor allem im Lesen und Rechnen, manchmal auch in anderen Fächern. Ich führte also keine eigene Klasse. Ich arbeitete bereits sechs Jahre in diesem Schulkreis. Vier Jahre hatte ich eine Klasse mit einem eigenen Klassenzimmer, deren Kinder keinen Kontakt mit den andern Schülern im Schulhaus hatten; sie waren alle seelisch schwer geschädigt.

Dann kam ein neues Schulgesetz, wonach Sonderklassenschüler in einem möglichst normalen Rahmen geschult werden sollten, indem ihre Schwächen mit zusätzlichem Nachhilfeunterricht angegangen wurden. Jede Absonderung sollte aufgehoben werden. Welch schönes, idealistisches Gesetz! Und da war die Wirklichkeit: ich und meine Kinder. Als das Gesetz in Kraft trat, wurde meine Klasse aufgelöst. Meine elf Schüler wurden in die Normalklassen verteilt, zusammen mit vierzig anderen schwer geschädigten Kindern des Schulkreises. Nur noch eine Sonderklasse für die Schwerstbehinderten, die weder gehen, sprechen noch allein die Toilette benützen konnten, blieb übrig. Ich selbst wurde als Nachhilfelehrerin in einem anderen Schulhaus eingesetzt. Das war vor zwei Jahren. Wahrscheinlich hätte ich spüren können, wie sich das Vakuum während dieser Zeit bildete, und hätte nicht überrascht zu sein brauchen, als es offenbar wurde.

Nach dem Debakel mit Edna wurde mir Bo für den ganzen Nachmittag zugeteilt. Tim und Brad, meine beiden anderen Nachhilfeschüler, wurden auf den Morgen verlegt, und so konnten Nicky, Bo und ich fast drei Stunden täglich ungestört miteinander verbringen. Offiziell war ich zwar eine Nachhilfelehrerin und die beiden Kinder nichts weiter als meine Nachhilfeschüler, aber wir wussten alle, dass ich wieder eine Klasse hatte“.

Quellen:

Torey L. Hayden: „Meine Zeit mit Sheila“. Erste deutsche Auflage 1995, amerikanisches Original 1995: „Ich hätte nicht überrascht zu sein brauchen“

Torey L. Hayden: „Bo und die anderen“. Erste deutsche Auflage 1982, amerikanisches Original 1981: „Es war eine Klasse, die sich von selbst ergab“.

https://en.wikipedia.org/wiki/Mainstreaming_(education)

https://en.wikipedia.org/wiki/Education_for_All_Handicapped_Children_Act

https://de.wikipedia.org/wiki/No_Child_Left_Behind_Act

 

 

 

 

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