28. Oktober 2020

Frühfranzösisch ist und bleibt der grösste und teuerste Witz der Schweizer Schulgeschichte!

Gastbeitrag eines Vaters und Lehrers aus der Nordwestschweiz.

Wie konnte man sich nur so einen Blödsinn ausdenken?
Passepartout: 4 Jahre lang absolut nichts gelernt und immer eine 6.

Diesen Sommer ist unser Sohn an die Sek P übergetreten. Innerhalb weniger Wochen wurde ihm schmerzlich und in aller Deutlichkeit bewusst, dass er in 4 langen Jahren Französischunterricht mit dem Lehrmittel «Mille feuilles» an der Primarschule von dieser Sprache rein gar nichts mitbekommen hatte. Die Realität hat ihn eingeholt.

Sein Vater hatte ihm zwar immer wieder einmal angedeutet, dass es um seine Französischfähigkeiten – trotz durchgehender Zeugnisnote 6 in allen 4 Jahren! – eher trübe bestellt sei. Aber so richtig nachvollziehen kann er es erst jetzt, wo er zum ersten Mal so etwas wie einen strukturierten Französischunterricht erlebt. Und wo von ihm erwartet wird, dass er gewisse sprachliche Strukturen mündlich und schriftlich anwenden kann.

Dieses Lehrmittel beginnt in Französisch wieder bei null: Mit «avoir» und «être», mit den Personalpronomen und basalem Wortschatz.

Cours intensif – Klett-Verlag.

Bezeichnend ist, dass an der Sek P nun mit dem Lehrmittel «Le Cours intensif 1» (Klett-Verlag) gearbeitet wird. Dieses Lehrmittel beginnt in Französisch wieder bei null: Mit «avoir» und «être», mit den Personalpronomen und basalem Wortschatz. Ein klareres Eingeständnis, dass die 4 Jahre Frühfranzi an der Primar zu 100% wirkungslos verpuffen, gibt es nicht.

Die bittere Wahrheit sieht nämlich so aus: Den allermeisten Schülerinnen und Schülern ist nach 10 Jahreslektionen (= knapp 400 Einzellektionen!) Französisch an der Primar z.B. nicht bekannt, …

  • … dass (und wie) «je» und «j’ai» verschieden ausgesprochen werden und etwas Unterschiedliches bedeuten;
  • … was es mit «un/une» respektive «le/la» auf sich hat;
  • … wie «le» und «les» korrekt ausgesprochen werden;
  • … wie man ein -e-Verb konjugieren könnte;
  • … was allereinfachste Unterrichtsanweisungen wie «Ouvrez les livres» oder «Lis la phrase» meinen könnten;
  • … wie elementarste Smalltalk-Formulierungen wie «Comment tu t’appelles?» usw. gebildet/ausgesprochen/beantwortet werden müssen.

Ich habe mich mit zahlreichen Eltern, deren Kinder teilweise dieselbe oder andere Sekundarschulen besuchen, unterhalten. Die Aussagen sind überall ähnlich oder identisch. Und dabei geht es noch um jene Schülerinnen und Schüler, welche angeblich am meisten können sollten in Französisch!

Das mit vollkommen unrealistischen Verheissungen eingeführte Frühfranzösisch ist kolossal gescheitert und kann verlustlos wieder gestrichen werden.

Das mit vollkommen unrealistischen Verheissungen eingeführte Frühfranzösisch ist kolossal gescheitert und kann verlustlos wieder gestrichen werden. Den Primarschulkindern wäre mit einem zusätzlichen freien Nachmittag pro Woche sicher mehr gedient. Und mit dem Geld würde man lieber die Schulbauten verbessern. Oder gute Leseförderung in Deutsch betreiben.

Übrigens: Innerhalb von 4 Tagen habe ich – und das ganz ohne das Hirngespinst «Didaktik der Mehrsprachigkeit» – unserem Sohn nach Feierabend das beigebracht, was er benötigte, um im ersten Französischtest bestehen zu können (dafür hätte er allerdings 4 Jahre lang Zeit an der Schule gehabt…). Aber was ist mit jenen Kindern, die zuhause niemanden haben, der ihnen so helfen kann? Die lässt man im Stich.

Das Schulfach Französisch wurde langfristig ruiniert.

Das Schulfach Französisch hatte immer schon einen schweren Stand. Aber nun wurde es langfristig, womöglich endgültig ruiniert. Es ist bei den Schülerinnen und Schülern noch unbeliebter als je zuvor. Die PH-Studenten wählen es grossmehrheitlich ab. An den Unis findet man kaum noch Romanistik-Studentinnen.

Wer übernimmt die Verantwortung?
BIld: AdobeStock

Leider muss damit gerechnet werden, dass dieser Wahnsinn noch 10-15 Jahre so weitergehen wird – erst dann werden alle verantwortlichen Personen von den PHs und aus der Politik in Rente gegangen sein. Bis dahin wird selbstmörderisch weiter «erfolgreich» gescheitert auf der ganzen Linie. Und Verantwortung dafür übernehmen muss sowieso niemand.

Nicht zu beantworten bleibt angesichts der eklatanten Misere diese Frage: Warum gibt es nicht längst einen flächendeckenden Aufstand von Eltern und Lehrkräften gegen diese gewaltige Geld- und Zeitvernichtungsmaschine? Aus dem politischen Milieu ist das nicht zu erwarten, denn sonst müsste man ja über die Verantwortlichkeiten sprechen.

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2 Kommentare

  1. Noch im Ohr habe ich die Primarschulleiterin, überzeugte Verfechterin von Passepartout, an einem Hearing mit Herrn Regierungsrat Pulver in Bern: “Die Kinder lernen jetzt eben etwas Anderes in Französisch”. Bis heute rätsle ich, was dieses Andere eigentlich sei. Wofür bekommen Lernende eine Sechs im Zeugnis? Offensichtlich lernen sie nicht, Französisch zu verstehen oder sich auf Französisch auszudrücken. Was denn aber sonst? Antwort: “Strategien”. Wozu dienen Strategien, wenn sie ihnen nicht zum Verständnis der Sprache verhelfen? Oder: “Freude am Französisch und an der französischen Kultur zu haben.” Die Absicht in Ehren, wie erklärt sich jedoch der Frust nach 4 Jahren Unterricht, wenn die Didaktik auf alles Geisttötende verzichtet hat, um sich nur auf angeblich “motivierende Kompetenzen” zu konzentrieren? Eigentlich müsste man in der Pädagogik auf eine Art “Produktehaftpflicht” drängen. Wie bei jedem untauglichen Fernseher, Staubsauger, Beatmungsgerät, etc. sollten die Verursacher zur Rechenschaft gezogen werden. Sie sollten für die 400 nutzlosen Lektionen eine finanzielle Wiedergutmachung an die Geschädigten leisten müssen.

  2. Eigentlich müsste man mit neuem didaktischen Material gleich umgehen wie mit neuen Impfungen: an Ratten testen, dann an Primaten und zuletzt an Menschen. Im übertragenen Sinne: mit einer Testklasse und einer Kontrollklasse. So wurde damals der Typus M eingeführt. Mit Mille Feuilles wurde der kolossale Fehler begangen, gleich eine ganze Generation zu testen, ohne Rücksicht auf Verluste. Mit einer Testklasse wäre das Unding schon nach einem Semester aufgeflogen, es hätte nicht 80 Millionen gekostet und wir wären davon verschont geblieben. Nun wäre die Zeit da, Namen zu nennen und Konsequenzen zu ziehen.

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