2. August 2021

In den USA gefragt, in Deutschland unbekannt: Das Ehepaar Grossmann

Das Ehepaar Grossmann und andere internationale Bindungsforscher haben die Erziehung revolutioniert. Mit ihren aufwändigen, international beachteten Langzeitstudien hat sich die Bindungsforschung als wissenschaftliche Disziplin etabliert. Zu aktuellen Fragen, die die Volksschule beschäftigen, hat sie wissenschaftliche Grundlagen für wirksame korrigierende und präventive Massnahmen erarbeitet. Ein Beitrag von Peter Aebersold.

Die deutschen Bindungspioniere Karin und Klaus Grossmann absolvierten ihr Studium anfangs der 1960er Jahre in den Vereinigten Staaten, wo auch ihr erstes Kind geboren wurde. 1965 kehrten sie nach Deutschland zurück, wo sie weiter studierten.

Durch die Vorarbeiten am Buch «Verhaltensbiologie des Kindes» (1973) von Bernhard Hassenstein, an denen Karin mitwirkte, kam das Ehepaar in Berührung mit den Bindungskonzepten von John Bowlby und Mary Ainsworth. Durch die Bekanntschaft mit der Entwicklungspsychologin Mary Ainsworth, die sie 1973 in den USA besuchten, und ihrer Schülerin Mary Main fanden Karin und Klaus Grossmann ihre berufliche Ausrichtung:

Mary Ainsworth

Ein Jahr nach dem Besuch bei Mary Ainsworth begannen die Grossmanns ihre entwicklungspsychologische Längsschnittforschung mit dem Ziel, auf der Grundlage der Bindungstheorie die Entwicklung gesunder Kinder von ihrer Geburt bis ins Erwachsenenalter von 22 Jahren zu untersuchen. Sie erforschten unter Einbeziehung der Eltern die Entwicklung der psychischen Sicherheit der Bindung und des Erkundungsverhaltens (Exploration), schlossen Untersuchungen in anderen Kulturen ein sowie die Rolle des Vaters und weiterer Betreuungspersonen für die sozial-emotionale Entwicklung des Kindes. Die Resultate ihrer Forschungstätigkeit setzten sie für die praktischen Anwendungen der Bindungstheorie im Alltag (Ausbildung von Krippenerzieherinnen, öffentliche Vorträge an Fachtagungen über Bindung in der kindlichen Entwicklung usw.) und in klinisch/beratender Arbeit um.

Die Publikationsliste mit Büchern in fünf Sprachen, die das Ehepaar Grossmann mit eigenen Werken und denen ihrer Mitarbeiter zusammenstellte, legt Zeugnis von dem beruflichen Schaffen der Forschergruppe ab.

2004 fassten die Grossmanns in ihrem Standardwerk «Bindung – das Gefüge psychischer Sicherheit» (6. Auflage 2014) die Resultate ihre eigenen Langzeitforschungen und diejenigen anderer Bindungsforscher zusammen (hier werden diejenigen im Zusammenhang mit der Volksschule aufgeführt):

Bindung und Bindungsverhalten

Bindung entwickelt sich im Laufe der ersten Lebensmonate, bei der Geburt besteht noch keine Bindung. Sie entsteht aus der Art und Weise, wie der Säugling die Nähe und den Kontakt zu einem Erwachsenen herstellt und weiterführt. Diese emotionalen Bindungsverhaltensweisen sind genetisch für eine soziale Umwelt vorbereitet (Sozialnatur des Menschen), mit der der Säugling kommunizieren kann und die für seine Bedürfnisse sorgt.

Die Mutter oder eine andere Beziehungsperson, die den Säugling verantwortlich versorgt, regelt seine Ernährung, sorgt für Wärme, gestaltet seinen Schlaf-Wach-Rhythmus und bemüht sich ihn vor Krankheit und Verletzungen zu schützen. Die psychischen Zustände des Säuglings, sein Wohlbefinden oder Missbehagen, seine Entspannung oder sein Distress hängen von der Güte der Versorgung ab und wirkt sich auf die Qualität des Interaktionsangebotes des Säuglings aus.

Zentraler Teil der Kooperationsbereitschaft ist die Fähigkeit, sich in die Lage des Kindes zu versetzen und dies beim Handeln in verantwortlicher Weise zu berücksichtigen.

Das zentrale Konzept der empirischen Bindungsforschung, die Feinfühligkeit der Mutter gegenüber den Signalen des Säuglings, wurde von Mary Ainsworth formuliert (Befindenswahrnehmung, richtige Interpretation der Säuglingsäusserungen, prompte Reaktion auf diese, Angemessenheit der Reaktion). Die Skala von Kooperation (Zusammenspiel) bis Beeinträchtigung erfasst die mütterliche Bereitschaft und Fähigkeit, mit dem Baby in Richtung auf ihre gemeinsamen Ziele zu kooperieren. Zentraler Teil der Kooperationsbereitschaft ist die Fähigkeit, sich in die Lage des Kindes zu versetzen und dies beim Handeln in verantwortlicher Weise zu berücksichtigen. Das Konzept der Annahme oder Akzeptanz zeigt auf, ob die Mutter ihr Baby in seiner Eigenart annehmen kann oder ob bei ihr die negativen Gefühle ihm gegenüber überwiegen.

Die Bindungsqualität eines Kleinkindes kann mit einem standardisierten Ablauf von Episoden, der «Fremden Situation» (FS) von Ainsworth und Main, beurteilt werden.

Fremde-Situations-Test: Der sicher gebundene Typ trauert, der ambivalente protestiert, der vermeidende bleibt gleichgültig und der desorganisierte apathisch in der Ecke sitzen. (FAZ

Im zunächst unbekannten Klassenverband braucht es Aufmerksamkeit und Lernmotivation sowie Frustrationstoleranz.

Übergang zur Institution Schule und psychische Sicherheit

Für den Schulbeginn werden vom Kind neue Kompetenzen gefordert: Im zunächst unbekannten Klassenverband braucht es Aufmerksamkeit und Lernmotivation sowie Frustrationstoleranz. Kinder mit unverständlicher Sprache, wenig Vorstellungskraft und mangelndem Interesse an den vorgegebenen Themen riskieren in der Schule zu versagen. Für den Umgang mit den Klassenkameraden braucht es soziale Fertigkeiten, um Kooperationen anzubahnen und Konflikte zu lösen.

Der Kindergarten spielt eine grosse Rolle.

Die Einstellung zum Lernen und die soziale Kompetenz bringen Kinder normalerweise aus der Vorschulzeit mit. Die Beziehungen zu Mutter und Vater und die Erfahrungen im Kindergarten spielen eine grosse Rolle für einen erfolgreichen Schulübergang. Reagieren die Eltern feinfühlig auf Frustrationen und unterstützen sie die Erkundungsfreude, sind wichtige Voraussetzungen dafür gegeben. Durch die gefühlsmässige Beziehung zu den Eltern wird ein jüngeres Kind das für wichtig erachten, was die Eltern selbst für wichtig und erstrebenswert halten. Angemessene Unterstützung und gute Anleitung im Kindergarten und der Tagesbetreuung wirken sich auf die Freude beim Lernen positiv aus.

Bei einer Studie mit Achtjährigen erreichten bindungssichere Kinder höhere Werte bei den sozialen Kompetenzen (Kommunikation, kognitives Engagement, Motivation). Bindungsdesorganisierte Kinder leisteten vielfach weniger, als aufgrund der gemessenen Intelligenz erwartet würde.

Trifft ein Kind mit erhöhtem Risiko für Schulversagen auf einen Lehrer, der die Vergangenheit und das Umfeld des Kindes versteht und es mit hilfreicher Kommunikation und beständig fördert und unterstützt, können auch diese Kinder die Schule erfolgreich bewältigen.

Lehrerinnen und Lehrer können den Schulerfolg stark beeinflussen

Trifft ein Kind mit erhöhtem Risiko für Schulversagen auf einen Lehrer oder eine Lehrerin, der die Vergangenheit und das Umfeld des Kindes versteht und es mit hilfreicher Kommunikation und beständig fördert und unterstützt, können auch diese Kinder die Schule erfolgreich bewältigen. Voraussetzung ist, dass die Lehrperson bereit ist, mit den schwachen Schülern eine Art von Bindung aufzunehmen, die nicht auf die Schule beschränkt bleibt (Integration von Bindung und Bildung).

Bereit sein, mit schwachen Schülerinnen oder Schülern eine Bindung einzugehen.

Ein Training in Feinfühligkeit von Lehrerpersonen und Erziehern ist besonders bei Kleinkindern erfolgversprechend. Eine feinfühlige Anleitung hilft jedem Schüler, Interesse, Wissensdurst und Lernbereitschaft selbst dann zu erhalten, wenn negative Gefühle aufkommen. Gegenseitiges Vertrauen, ein Element sicherer Bindung, zwischen Lehrern und Schüler ist ein Schlüssel zum Erfolg der Vermittlung von Bildung.

Für die mittlere Kindheit (zwischen Zahnwechsel und Pubertät) werden folgende Entwicklungsaufgaben genannt, die altersgemäss sicher bewältigt werden müssen, um den Erfolg auf der nächsten Stufe zu ermöglichen:

  1. Soziale Kompetenz im Umgang mit Gleichaltrigen (Freundschaften, Kooperation in Spiel und Sport, Arbeiten im Team, eigenständiges Denken und Handeln),
  2. Geschlechtsrollenbewusstsein, Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl,
  3. Fleiss, Tüchtigkeit und Erwerb von Kulturtechniken (Lesen, Schreiben, Sprachen)

Lebenslaufforschung

In den 1930er Jahren wandten sich die Wiener Psychologen Charlotte und Karl Bühler den individuellen Entwicklungsaspekten zu und formten ein Konzept, um den menschlichen Lebenslauf als Gegenstand der Psychologie zu betrachten. Lotte Schenk-Danzinger fasste dieses Denken in einem Lehrbuch zusammen. Dieser lebensnahe Ansatz fand nach dem Zweiten Weltkrieg in der akademischen Psychologie wenig Widerhall während er in der LehrerInnenausbildung noch bis heute fortwirkt. Die Bindungsforschung griff die Untersuchung von Lebensläufen mit der Erforschung der Risiko- und Schutzfaktoren im Leben des Menschen und in der prospektiven Lebenslaufforschung wieder auf.

Schutzfaktoren ermöglichen Hochrisikokindern eine positive Entwicklung

«Kauai-Studie» von Emmy Werner: grösste und längste vorrausschauende Untersuchung über die Bedingungen der Entwicklung von Kindern.

Die von der US-amerikanischen Entwicklungspsychologin Emmy Werner und ihrem Team durchgeführte «Kauai-Studie» gilt als die grösste und längste vorrausschauende Untersuchung über die Bedingungen der Entwicklung von Kindern. Werner begleitete den kompletten Jahrgang 1955 (698 Kinder) auf der Hawaii-Insel Kauai 40 Jahre lange forschend.

Im besonderen Fokus waren Kinder, die durch eine risikoreiche familiäre und soziale Umwelt am verletzlichsten (Hochrisikokinder) waren, das betraf rund 30% aller Kinder. Die Forscher suchten nach den Schutzfaktoren («Resilienz»), die einem Drittel der Hochrisikokinder half, die Schwierigkeiten zu Beginn ihres Lebens im Verlauf ihrer Entwicklung zu bewältigen und was sie widerstandsfähig machte. Dieses Drittel der Hochrisikokinder entwickelte sich trotz allem zu kompetenten, selbstsicheren und fürsorglichen Erwachsenen ohne spätere ernsthafte Lern- oder Verhaltensprobleme. Sie hatten erfolgreich die Schule durchlaufen, kamen gut mit ihrem sozialen und häuslichen Leben zurecht und verfolgten realistische Erziehungs- und Berufsziele.

2/3 dieser Hochrisikokinder (129) waren schon im Alter von 10 Jahren verhaltensauffällig. 1/3 dieser Hochrisikokinder (72) konnten, trotz erheblicher Risiken ihr Leben positiv gestalten.

Die Schutzfaktoren, die die Forscher um Emmy Werner besonders in der frühen Kindheitsjahren für die positiven Entwicklungen fanden, waren: mit dem Säugling/Kleinkind positiv interagierende Bindungspersonen, eine Mutter mit besserer Bildung trotz Armut, wenig Kinder in der Familie, viel emotionale Unterstützung durch die Mutter und/oder Betreuungspersonen während den ersten Jahren und ein positives Temperament (Lebensmut) sowie später weitere günstige Umstände.

Die Langzeitforscher haben übereinstimmend festgestellt, dass diese Frauen und Männer nicht passiv, gedanken- und tatenlos auf widrige Lebensumstände reagierten, sondern hilfsbereite andere Menschen aktiv aufsuchten, die ihnen halfen, konstruktiv mit den Problemen umzugehen und die ihre Bemühungen und ihre Kompetenzen dabei anerkannten und verstärkten. Sie bekamen Hilfe beim Klären ihrer Gefühle und Motive und beim Finden angemessener Lösungen. Diese durch die Entwicklungsanalysen der Bindungsforschung beschriebenen Fähigkeiten bilden die psychische Sicherheit eines Menschen auf der Basis verlässlicher, hilfreicher Beziehungen und eines schon früh erkennbaren gewinnenden Wesens.

Während das Interesse in den USA stets gross gewesen sei, habe man hierzulande lange nichts von Bindungsforschung wissen wollen.

Im Tagesspiegel von 2012 beschrieb Verena Friederike Hasel die Arbeit der Grossmanns:

„Für die meisten ist ein Spielplatz nur eine Ansammlung von Spielgeräten. Den Psychologen Klaus und Karin Grossmann dagegen präsentiert sich ein Labor, ganz ihrem Lebensthema gewidmet, nämlich dem Verhältnis zwischen Eltern und ihren Kindern. Wie es darum bestellt ist, weiss wohl kaum einer in Deutschland so genau wie sie. Rund zwei Jahrzehnte lang hat das Ehepaar, er 77, sie 70 Jahre alt, an die 100 deutsche Familien begleitet und seine Erkenntnisse in ein Konzept übersetzt, das weithin bekannt geworden ist. Bindung heisst es oder auch Bonding und bezeichnet das affektive Band, das Eltern mit ihren Kindern verbindet, und taucht heute in fast jedem Erziehungsratgeber auf. Doch obwohl die Grossmanns das Familienleben in Deutschland, die herrschenden Vorstellungen und Werte, stark geprägt haben, kennt ausserhalb der Fachwelt kaum einer ihren Namen.“

 sowie deren Resultate:

„In ihrer Studie waren die sicher gebundenen – diejenigen, die weinten, wenn die Mutter ging – auf lange Sicht im Vorteil. Als Vierjährige spielten sie konzentrierter im Kindergarten, in der Pubertät konnten sie besser mit Zurückweisungen umgehen und als Erwachsene leichter Unsicherheit in Liebesdingen eingestehen. Mit anderen Worten: Wem es als Kind gestattet war, abhängig zu sein, wurde später innerlich umso unabhängiger. Das zu verinnerlichen, sagen die Grossmanns, sei den Deutschen schwergefallen. Während das Interesse in den USA stets gross gewesen sei, habe man hierzulande lange nichts von Bindungsforschung wissen wollen. ‚In Deutschland dominiert die preussische Offiziersfamilie‘, sagt Klaus Grossmann und Karin Grossmann fügt hinzu: ‚Unabhängigkeit wird gefördert, für Schwäche hat man kein Herz.‘“

Peter Aebersold

Quellen:

Homepage von Karin und Klaus Grossmann:  https://www-app.uni-regensburg.de/Fakultaeten/PPS/Psychologie/Grossmann/?Home

https://de.wikipedia.org/wiki/Klaus_Grossmann

https://de.wikipedia.org/wiki/Karin_Grossmann

https://de.wikipedia.org/wiki/Bindungstheorie

 

Verwandte Artikel

Der alljährliche Irrsinn

Die Lehrkräfte des OSZ-Orpund blickten bei der Kaffemaschine auf ein Bild, das der Materialverantwortliche in den Ferien gemacht hatte. Condorcet-Autor Alain Pichard erstellte daraufhin eine Rechnung!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.