11. August 2020

Ohne Sehnsucht geht alles an uns vorüber

Der Lockdown rief manche Sehnsucht wach. Erwachsene träumten vom Meer; Kinder sehnten sich nach ihrer Schulklasse. Für beide gilt: „Ohne solche Träume kann keiner leben.“ Gedanken aus einem Bilderbuch, resümiert von Condorcet-Autor Carl Bossard.

Carl Bossard: Die Sehnsucht animiert

Sie ist sprichwörtlich, Goethes Sehnsucht nach dem Süden, nach dem „Land, wo die Zitronen blüh’n“. Dieses bittersüsse Gefühl der Sehnsucht kennen wohl alle. Sehnsucht hat viele Formen. Für manche spiegelt sich die Sehnsucht im weiten Meer – mit dem Blick in die unendliche Ferne, ins grenzenlose Nirgendwo. Dorthin, wo Himmel und Erde zusammenkommen. Antoine de Saint-Exupéry bezeichnete dieses Gefühl als „nostalgie de la mer vaste“. Wer anderseits in den Bergen wohnt und winters wochenlang im kalten Schatten lebt, wartet mit Sehnsucht auf die ersten Sonnenstrahlen und auf das wärmende Licht. Man nennt den Tag, man kennt die Zeit und mag sie kaum erwarten.

Die Sehnsucht nach den Sonnenstrahlen wächst

Stans beispielsweise, Wohnort des Autors dieser Zeilen, liegt am Fuss eines imposanten Aussichtsberges. Im Winter ist der kleine Flecken darum „überscheinig“. Erst vierzig Tage nach Weihnachten, am 2. Februar oder an Mariä Lichtmess, erscheint die Sonne wieder über dem schwarzen Bergkamm und beleuchtet den Dorfplatz im Talboden.

Die schattige Stanser Zeit dauert lange; für viele allzu lange. Die Sehnsucht nach den Sonnenstrahlen wächst. Man möchte aufbrechen, ausbrechen – aus dem dunklen Schatten in hellere Höhen. Sehnsucht, wir wissen es, ist der Anfang aller Entwicklung, allen Wandels. Ob sich unser Leben dadurch aber wandelt, hängt eben von der Sehnsucht ab. Ohne Sehnsucht geht wohl vieles an uns vorüber.[1]

Die Sehnsucht nach dem Meer

Sehnsucht – gehört das nicht auch zur Bildung? Neues entdecken, aufbrechen aus dem Gewohnten. Fortkommen. Weiterkommen und dabei innere Zweifel und äussere Widerstände überwinden. Davon berichtet das berührende Bilderbuch „Wo die Schaluppen glitzern“.[2]

Die Geschichte geht so: Der kleine Fuchs und der kleine Wolf leben zufrieden und glücklich im Tal. Sie wohnen in einem Häuschen, umgeben von Blumen, die im Dunkeln leuchten. Eines Tages kommt ein Fremder vorbei und erzählt vom hohen Turm: „Dort oben kann man die Sonne im Meer versinken sehen.“ „Ist das schön?“, wollen die beiden Freunde wissen. „Ja“, schwärmt der Fremde, „die Sonne leuchtet rot, und auf den glitzernden Wellen tanzen kleine Boote und weisse Segelschiffe.“ Von diesem Moment an sprechen die beiden nur noch vom Meer. Kleine Boote und weisse Segelschiffe, das muss etwas Wunderbares sein. „Wir müssen sie sehen“, sagt der eine. Der andere nickt und macht sich gleich ans Packen seiner Sachen.

Angst lähmt, Angst paralysiert

Gemeinsam brechen sie auf; der Weg ist weit. Kurz vor dem Ziel kommt ihnen die Angst in die Quere. „Wollt ihr wirklich auf den Turm?“, fragt die Furcht. Und sie fügt bei: „Dann müsst ihr mit dem Schlimmsten rechnen.“ Die beiden erschrecken fürchterlich, fliehen ins Tal und verstecken sich. Auf den hohen Turm getrauen sie sich nicht mehr. Aber im dunklen Tal möchte sie auch nicht bleiben. „Hier ist es düster“, klagt der kleine Fuchs. „Und es glitzern keine Schiffe“, ergänzt der kleine Wolf. Ihre Sehnsucht wächst von Tag zu Tag. „Wir sollten es wagen“, erklärt der eine und fügt beherzt bei: „Man sollte mutig sein und tapfer!“ – „Das ist zu schwer“, antwortet der andere. „Ich getraue mich nicht.“ „Dann müssen wir’s vergessen“, bemerkt der eine. Und der andere seufzt und nickt.

Wenn die Träume ausbleiben

Die Laternen leuchten nicht mehr, und die Blumen, die bloss im Dunkeln blühen, lassen die Köpfe hängen. Nur wenn die beiden vom Meer träumen, ist ihnen wohl. Zuletzt aber bleiben auch die Träume aus. Das ist das Schlimmste. „Komm!“, flüstert der kleine Wolf mit letzter Kraft. „Lasst uns mutig sein, sonst geh‘ ich ein.“ „Das stimmt“, bekräftigt der kleine Fuchs. „Ohne Träume kann keiner leben“, raunt er seinem Kollegen zu. Und sie nehmen sich bei den Händen, halten sie fest und brechen auf.

 

Ohne Träume kann niemand leben.

Bald erreichen die zwei kleinen Freunde den Turm. „Das Schlimmste haben wir hinter uns“, rufen sie tapfer. Da nickt die Angst und tritt beiseite. Die beiden stürmen auf den Turm. Oben erblicken sie das mächtige Meer; sie sehen, wie die kleinen Boote tanzen und die weissen Segelschiffe glitzern.

Auf nach Ithaka!

Die beiden Freunde hörten vom Meer. Das Wort animierte sie; das innere Bild belebte ihre Fantasie. „Ohne Träume kann keiner leben“, sagten sie zueinander. Der Traum weckte in ihnen das animierende Gefühl der Sehnsucht nach Neuem, Unbekanntem, Unbegangenem. Sie wollten weg. Doch da war auch die Angst vor dem weiten Weg, die Furcht vor dem trutzigen Turm – und die Rückkehr ins Altgewohnte, das Zurück ins dunkle Tal.

Hugo Loetscher, 1929 -2009:
“Wir sind, was wir bereit sind, aus uns zu machen!“

Fürs Fortkommen ist Loslassen ein notwendiger Schritt. Das fällt nicht einfach. Und es macht auch Angst. Sie zu überwinden braucht Kraft und Energie. Die Sehnsucht animierte den kleinen Fuchs und den kleinen Wolf. Wer diese Sehnsucht in sich spürt, wer, wie Odysseus im grossen griechischen Epos die innere Heimat, das innere Ithaka mit sich trägt, der bleibt nicht stehen. Der bricht auf und zieht weiter. Er überwindet Hemmnisse und bewältigt Rückschläge. Das erlebten auch der kleine Fuchs und der kleine Wolf. Die Sehnsucht stimulierte sie.

Wir sind, was wir bereit sind, aus uns zu machen

Diese Sehnsucht ist Energiequelle für lebenslanges Lernen und Weiterziehen. Die Sehnsucht als Teil des Mensch-Seins. Vielleicht es das, was der Schriftsteller Hugo Lötscher meinte, wenn er in seinem Abschiedsbuch „War meine Zeit meine Zeit“ schrieb: „Wie alle, bin ich ungefragt auf die Welt gekommen. Ich gehöre zu denen, die versuchten, daraus etwas zu machen. […] Mensch werden ist kein Entscheid – es ist etwas, das uns auferlegt wird – von der Zumutung bis zur Chance, ob zu unserem Glück oder Unglück.“[3] Mit Lötschers Worten: „Wir sind, was wir bereit sind, aus uns zu machen!“

 

 

[1] Werner Hegglin (2019), Menschsein ist schon ein Beruf. Hrsg. Christoph Schwyzer. Luzern, S. 13.

[2] Nele Moost, Jutta Bücker (2003), Wo die Schaluppen glitzern. Stuttgart: Thienemann Verlag.

[3] Hugo Lötscher (2009), War meine Zeit meine Zeit. Zürich: Diogenes Verlag, S. 5 u. 379.

 

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