31. Oktober 2020

Vom Abferkeln zu diophantischen Gleichungen – Lehramtsstudium gestern und heute

Ein weiterer Artikel unserer jungen Lehramtsstudentin, die unter dem Pseudonym Anna Stahl schreibt. Dieses Mal nimmt sie für unseren Condorcet-Blog ihre eigene Ausbildung aufs Korn.

Anna Stahl schreibt unter einem Pseudonym.

Ich sitze bei einer Geburtstagsfeier. Um mich herum Freunde und Verwandte. Ihre Fragen: Wie ist denn das Leben als Lehramtsstudentin? Was lernst du im Studium? Meine Antworten stossen bei den Zuhörern oft auf Verwunderung oder Erheiterung. Als ich an die Uni kam, dachte ich, dass ich nun die Dinge lerne, die ich für meinen Traumberuf brauche und nicht mehr die Reaktionsgleichungen irgendwelcher galaktischer Neutralisationsreaktionen. Ich habe mich getäuscht. Der Gipfel war erreicht, als ich mit dem Skript für Bauingenieure im 4. Semester die Mathevorlesung nacharbeitete und dabei lachend auf dem Sofa saß, berauscht von dieser Absurdität. Oder als ich en Detail die komplette Musikgeschichte der westlichen Welt – von Mönch Notkar aus dem Mittelalter bis zur Neuzeit – auswendig lernte. Wann ich je in der Grundschule die verschiedenen Motettenformen und deren Merkmale vermitteln sollte, während wir den Schneeflockentanz durchführen oder mit Boomwhackers rhythmisch unsere Oberschenkel malträtieren, diese Frage stelle ich mir lieber nicht.

Wenn Lehramtsstudenten dann merken, dass sie ihr fachliches Können in der Schule kaum nutzen können und ihre restlichen Fähigkeiten unter den Tisch fallen, ist es nicht verwunderlich, dass eine beachtliche Zahl von Studenten noch vor Praxisbeginn ihr Studium abbricht.

Gewiss, ich finde Musikgeschichte unglaublich spannend und persönlich bereichernd. Doch bleibt es bei der Erweiterung meines Geistes, eine Verbindung zum Beruf ist kaum zu erkennen. Die intellektuellen Anforderungen und das fachliche Können werden derart hoch geschraubt; wenn Lehramtsstudenten dann merken, dass sie ihr fachliches Können in der Schule kaum nutzen können, ist es nicht verwunderlich, dass eine beachtliche Zahl noch vor Praxisbeginn ihr Studium abbricht. Denn welche Relevanz hat dieses fachlich anspruchsvolle Studium für die Grundschule ? Ich rede nicht von Theorien des Schriftspracherwerbs oder wichtigem theoretischen Wissen, sondern von englischen Literaturanalysen aus dem 18. Jahrhundert, von induktiven Beweisen, diophantischen Gleichungen und Modulo-Rechnungen. Auf der Strecke bleibt die fachdidaktische Ausbildung, die irgendwo mit nur 1 bis 2 Modulen dazwischen geschoben wird. Kein Wunder, dass mir die fachwissenschaftliche Ausbildung so wenig erfüllend und sinnlos vorkam und dass so viele Studenten aufgeben. Erwartet man von uns Studenten, dass wir die notwendigen Verbindungen zwischen Fachwissenschaft und Fachdidaktik selbst herstellen? Von Seiten der Lehre passiert dies definitiv nicht.

Die Lehrerausbildung in der ehemaligen DDR als aberwitziges Gegenbeispiel

Meine ehemalige Kunsterziehungslehrerin folgte meinen Beschwerden interessiert und schilderte, wie in der DDR die Lehrerausbildung ausgesehen hat. Sie studierte 1959 am Institut für Lehrerbildung in Neuzelle (Ostbrandenburg). In diesen Einrichtungen absolvierten die Studenten schon nach dem Abschluss der 10. Klasse eine 3-jährige Ausbildung zum Unterstufenlehrer. Aufgrund eines Mangels an Landlehrern wurde in dem neu aufgestellten Fachstudium in Neuzelle und Magdeburg spezialisierte Unterstufenlehrer für die Landschulen ausgebildet. Die besondere Zielsetzung des Fachschulstudiums bestand nun darin, den Lehramtsstudenten im 1. Studienjahr einen vielseitigen Einblick in das Landleben, die landwirtschaftliche Arbeit und die sozialistische Produktion zu gewähren. Deshalb startete ihre Ausbildung auf dem Kartoffelacker – und nicht wie bei mir mit der Uni-Einführungswoche zum wissenschaftlichen Arbeiten und dem Verfassen von Hausarbeiten. Bis November ernteten die zukünftigen Lehrer gemeinsam mit den landwirtschaftlichen Lehrlingen Kartoffeln und Rüben.

Nach drei Jahren “Sozialistischer Landlehrer”

Anfang Dezember begann nach einer kurzen Einweisung durch den Lehrmeister die Arbeit im Kuh- und Schweinestall, wo Frau S. – noch minderjährig und ganz auf sich selbst gestellt – Tag für Tag in Begleitung zahlreicher Ratten das Schweinefutter anrührte. Eines Tages wurde die Geburt neuer Ferkel erwartet und sie musste mutterseelenallein Geburtshelferin für 12 Ferkel spielen. Auch wenn 5 Ferkel die laienhafte Geburtshilfe nicht überlebten, hatte sie diese Herausforderung zu meistern. Zudem stand zweimal täglich das Melken der Kühe (per Hand!) auf dem Programm. Ach ja, sie wollte doch eigentlich Lehrerin werden – doch daran erinnerte sie nur die am Mittwoch und Samstag stattfindenden Seminare in Deutsch, Mathe, Zeichnen, Instrumentalunterricht, Russisch und Pädagogik. Im Frühjahr startete die Ausbildung in der Industrie: Im Kalk-, Zement- und Betonwerk arbeiteten die angehenden Lehrer in der Elektrowerkstatt, der Ziegelei und der Schlosserei, um im Sommer eine militärische Grundausbildung anzuschliessen inklusive Schießübungen mit Kleinkaliber. Nach diesem „berufsnahen“ Ausbildungsabschnitt begann im 2. Studienjahr endlich der pädagogische Teil: Pädagogik, Psychologie und Didaktik sowie die Fächer Biologie, Werken, Musik, Sport, Kunsterziehung, Pionierarbeit und natürlich Marxismus/Leninismus. Nach Beendigung des 2. Studienjahres stand für die gerade mal 18 Jahre alt gewordenen Lehramtsanwärter der einjährige Vorbereitungsdienst mit eigenständiger Klassenlehrertätigkeit an.  Nach 3 Jahren „Studium“ war Frau S. schließlich „Sozialistische Landlehrerin“.

Viel gelernt und trotzdem unvorbereitet

Lernen für die Prüfung

Diese Erzählung steht fast schon im aberwitzigen Gegensatz zu meinem 5-jährigen Studium mit anschließendem anderthalbjährigen Referendariat. Während die DDR-Lehreramtsstudenten noch eine halbe Ausbildung in Landwirtschaft und Industrie absolvieren mussten und die Pädagogik nebenbei lief, können wir uns zunächst auf unser fachliches und und dann auf das pädagogische Studium konzentrieren. Dies tönt wie ein unglaubliches Privileg. Jedoch fühle ich mich gerade ein wenig wie Frau S.: Ich lerne viel, doch oft nur für die Prüfung. Auf meine eigentlichen Aufgaben fühle ich mich ungenügend vorbereitet. Und während die einen das intellektuelle Studium als erfüllend erleben und dann den Praxisschock durchleben, scheitert manch ein pädagogisch bewanderter junger Mensch an den sinnlos erscheinenden fachlichen Inhalten. Natürlich benötigen wir eine fundierte akademische Ausbildung, aber in richtigem Maß, und gerade im Grundschulbereich sollte sich die Psychologie nicht nur auf zwei Module beschränken.

Zwischen der allumfassenden Akademisierung sollte nicht vergessen werden, dass wir spätestens nach 6,5 Jahren wieder von dieser Insel der Wissenschaft in die Realität entlassen werden. Und dort gelten ganz andere Regeln als das richtige Zitieren oder das ordentlich erarbeitete Quellenverzeichnis. Schließlich sollen wir den Kindern ein umfassendes Allgemeinwissen vermitteln. Vielleicht würde dem Lehramtsstudium ein bisschen mehr Lebensnähe gut tun. Wie gestalte ich einen Elternabend? Wie bewerte ich Leistungen? Wie gehe ich mit Konflikten um? Wie erziehe ich Kinder zu selbstständigen Menschen? Wie gestalte ich Gruppenprozesse? Wie gehe ich richtig mit Störungen um? Welche Maßnahmen sind wann gerechtfertigt? Wie unterrichte ich Schüler, deren Muttersprache nicht Deutsch ist?  

Viel zu hohe Abbrecherquote

Zum Umdenken sollte auch die hohe Studienabbrecherquote anregen, die Bundesländer dazu veranlassen, nun neue Pläne für das Lehramtsstudium vorlegen zu wollen. Das Fachwissen soll praxistauglicher werden, heißt es. Ein wenig Fachwissen zu streichen, erscheint mir aber der falsche Weg. Wichtiger wäre, dass Fachwissenschaft und Didaktik nicht getrennt voneinander unterrichtet werden, sondern zu einer sinnvollen Einheit verschmelzen. Das Auswendiglernen von Basis- und Orthographemen ergibt Sinn, wenn man versteht, wie der Schriftspracherwerb abläuft. Diophantische Gleichungen können damit erklärt werden, dass man so Probierprobleme, die schon in Grundschulbüchern auftauen, schnell ausrechen kann. Und Musikgeschichte wird relevant, wenn auch darüber gesprochen und erarbeitet wird, wie man diese Inhalte in der Grundschule vermitteln kann. Welche methodischen Möglichkeiten gibt es dafür? Ein viel gehörtes Argument ist der Mangel an Zeit. Doch Fachwissen liesse sich auch aus Büchern selbst erarbeiten, praxisrelevante Erfahrungen, Erfolge sowie Misserfolge erfahrener Lehrer samt ihrer Methoden erschliessen sich mir dagegen aus keinem Buch.

Es ist meines Erachtens der falsche Weg, Grundschullehrer erst ein paar Semester lang ein Fachstudium in ihren Fächern absolvieren zu lassen.

Mehr Verständnis für didaktische Reduktion

Es ist meines Erachtens der falsche Weg, Grundschullehrer erst ein paar Semester lang ein Fachstudium absolvieren zu lassen. Mehr oder weniger mühsam quält man sich dann durch die Inhalte, ohne deren Relevanz und Nutzen wirklich durchdrungen zu haben. Nach der Klausur ist alles wieder vergessen. Fangen die fachdidaktischen Module an, ist kaum jemand mehr in der Lage, sinnvolle Verknüpfungen zu ziehen. Dabei ist gerade das Verständnis von didaktischer Reduktion und dem, was man Kindern an Inhalten und Abstraktion zutrauen kann, so unglaublich wichtig.

Auch wenn viele Argumente dafür sprechen, dass Grundschullehrer ein wissenschaftliches Studium absolvieren, sollte dabei nicht vergessen werden, dass die betreute Praxis wahrscheinlich die beste Vorbereitung auf den selbstständigen Unterrichtsalltag ist.

Integrierte und betreute Praxisphase im Studium als gelungenes Modell

Ich komme auf mein DDR-Beispiel zurück und ziehe die Parallelen zu heute: Sowohl nach einer halben Facharbeiterausbildung damals als auch nach einem wissenschaftlichen Studium heute fühlen sich Lehramtsanwärter ungenügend auf ihre eigentliche Aufgabe vorbereitet. Unabhängig von den jeweiligen Lehrinhalten erfolgt die eigentliche Bewährungsprobe im praktischen Schulalltag. Auch wenn viele Argumente dafür sprechen, dass Grundschullehrer ein wissenschaftliches Studium absolvieren, darf dabei nicht vergessen gehen, dass die betreute Praxis die beste Vorbereitung auf den selbstständigen Unterrichtsalltag ist. Aus diesen Erfahrungen begrüsse ich, dass an meiner Uni nun eine betreute Praxisphase ins Studium integriert wurde, die sich über ein ganzes Jahr erstreckt. Ich hoffe, dass sich noch mehr Universitäten in Zukunft für solche Projekte entscheiden. Nicht die Kürzung von Inhalten sollte die Lösung sein, sondern die Vermittlung von Inhalten und deren Verknüpfung mit dem späteren beruflichen Handeln. Der Praxisbezug darf nicht erst im Referendariat beginnen.

 

 

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