22. Oktober 2020

Forschung in Gefahr

Fast die Hälfte der Hochschulforschung wird über Drittmittel finanziert. Der Großteil der wissenschaftlichen Mitarbeiter hat befristete Arbeitsverhältnisse. Diese Kombination behindere die Forschungsfreiheit, denn abhängige Wissenschaftler neigen zur Selbstzensur. Dies ist die Schlussfolgerung einer Analyse von Dr. Sandra Kostner von der PH-Schwäbisch-Gmünd, die zuerst im Deutschlandfunk erschienen ist. Condorcet-Autorin Regula Stämpfli hat ihn uns zugeschickt.

Dr. Sandra Kostner: Forschungsfreiheit ist in Gefahr. Bild Homepage PH-Schw. Gmünd

Seit über 70 Jahren garantiert Artikel fünf des Grundgesetzes die Freiheit von Wissenschaft, Forschung und Lehre. Man sollte daher denken, dass an den Hochschulen ein Klima der Freiheit vorherrscht. Und dass Selbstzensur für Wissenschaftler ein Fremdwort ist. Leider ist das nicht so!

Der wichtigste Grund lautet: Abhängigkeit. Denn Abhängigkeit ist eine der größten Feindinnen der Freiheit. Und wenn es an etwas im Wissenschaftsbetrieb nicht mangelt, dann sind das Abhängigkeitsverhältnisse. Paradoxerweise sind es gerade die neoliberal inspirierten Hochschulreformen der letzten 20 Jahre, die zu mehr statt zu weniger Abhängigkeiten geführt haben.

Hochschulreformen haben Abhängigkeit verstärkt

Der Grundgedanke der vor allem von der Schröder-Regierung forcierten Reformen war: Konkurrenz belebt das Geschäft. Um diese Konkurrenz sowohl zwischen Wissenschaftlern als auch zwischen Hochschulen anzuheizen, wurden Leistungsindikatoren eingeführt. Die wichtigsten sind: die Höhe der eingeworbenen Drittmittel und die Anzahl an Publikationen in angesehenen Fachzeitschriften.

Ex-Bundeskanzler Schröder. SPD: Konkurrenz belebt das Geschäft.

Zugleich wurde die Grundfinanzierung der Hochschulen zurückgefahren. Damit stehen weniger Gelder aus der Quelle zur Verfügung, aus der unbefristete Beschäftigungsverhältnisse finanziert werden können. Folglich sind immer mehr Wissenschaftler darauf angewiesen, Drittmittel einzuwerben, um ihre Stelle weiter zu finanzieren. Drittmittelgeber halten große Macht in ihren Händen, da sie durch ihre Förderprogramme die Erkenntnisrichtung vorgeben können. Wer erfolgreich Drittmittel einwerben will, muss darauf achten, dass er den richtigen Ton trifft. Vor allem sollte er keine Fragestellungen wählen, die das Missfallen der Gutachter erregen.

Gutachter haben große Macht

Wer eine der wenigen unbefristeten Stellen ergattern möchte, kann sich auch dem Druck, möglichst viele Publikationen in speziellen Fachzeitschriften unterzubringen, nicht entziehen. Dieses sogenannte Peer-Review-Verfahren soll der Qualitätssicherung dienen. Insofern ist es begrüßenswert.

In der Praxis hat es aber erhebliche freiheitsfeindliche Nebenwirkungen. Denn veröffentlicht werden nur Artikel, die vorher das Okay der Gutachter bekommen haben. Die Gutachter verfügen also über Macht, und es erfordert Charakterstärke, den Verlockungen des Machtmissbrauchs zu widerstehen. Umso mehr, wenn man Texte zur Begutachtung bekommt, die eigene Thesen infrage stellen oder gar widerlegen.

Die meisten Wissenschaftler haben befristete Verträgen

Vor allem Nachwuchswissenschaftler – das heißt in Deutschland bis Mitte 40 – müssen sich deshalb permanent überlegen: Wie komme ich weiter? Welche Themen helfen mir dabei? Und welche Themen schießen mich ins Abseits, weil sie gegen die Dogmen derjenigen verstoßen, von denen ich abhängig bin?

Der Anpassungszwang ist gross.

Der Konformitätsdruck, der sich aus diesen Abhängigkeiten ergibt, ist in einem System, in dem über 80 Prozent der Wissenschaftler befristet beschäftigt sind, enorm. Solange Wissenschaftler fürchten müssen, dass unabhängiges Denken ihre Karrierechancen massiv einschränkt, werden viele – allzu viele – davor zurückscheuen, intellektuell etwas zu riskieren. Es ist aber genau diese intellektuelle Risikobereitschaft, aus der Innovation erwächst und die Kreativität freisetzt.

Ein Klima der Freiheit schaffen

Wer ernsthaft und nicht nur in Sonntagsreden einen innovativen Wissenschaftsbetrieb will, der muss Abhängigkeiten auf ein Minimum reduzieren. Dabei sollten wir nicht warten, bis die Politik tätig wird. Jeder kann selbst etwas dafür tun, damit Abhängigkeit nicht in Konformität mündet.

Ein wichtiger Anfang wäre gemacht, wenn vor allem diejenigen in Machtpositionen es sich zur Aufgabe machten, ein Klima der Freiheit zu schaffen. Das dadurch freigesetzte Innovationspotenzial käme allen zugute.

 

Sandra Kostner studierte Geschichte und Soziologie an der Universität Stuttgart und promovierte an der University of Sydney. Seit 2010 ist sie als Migrationsforscherin an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd tätig. Zuletzt veröffentlichte sie den Debattenband „Identitätslinke Läuterungsagenda. Eine Debatte zu ihren Folgen für Migrationsgesellschaften“.

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