Großmeister Robert Rabiega sitzt vor einer 30-köpfigen Schar Zehnjähriger und erklärt den nächsten Schachzug. “Was ist denn das Allerwichtigste beim Schach?”, fragt er. “Der Gegner hat gezogen. Was macht ihr dann? Theo?” Ein kleiner blonder Junge antwortet. “Ich überlege mir, was der Gegner als Nächstes tun würde!” Rabiega freut sich. “Sehr gut! Ihr denkt nicht über euren eigenen Zug nach. Normalerweise denken Menschen immer als Erstes über sich selbst nach. Aber ein guter Schachspieler oder eine gute Schachspielerin denkt immer darüber nach: ‘Was macht mein Gegner?'”

Wer diese Regel beherzige, werde die meisten Partien gewinnen, verspricht Rabiega. Im kommenden Jahr werden die Kinder bei den Schulschachmeisterschaften teilnehmen. “Wir sind im Schulschach so wie Bayern München im Fußball”, erklärt er nach der Stunde. “Die Schüler gewinnen viele Turniere, auch auf Bundesebene.”
Die Glasvitrinen im Flur des Berliner Käthe-Kollwitz-Gymnasiums sind voller Pokale. Schach ist hier für alle fünften und sechsten Klassen ein obligatorisches Fach. Zwei Tage die Woche unterrichtet Rabiega Kinder und Jugendliche. “Es trainiert das logische Denken und das Gedächtnis”, sagt er. “Die Schüler entdecken die Langsamkeit, manche müssen sich die Hand unter den Po legen, um sich zu zwingen, nicht sofort auf ihrem Tablet den nächsten Zug zu machen.”

Dass die Schüler im denkmalgeschützten Backsteinbau im Berliner Norden viel über Eröffnungen, Züge und Verteidigung lernen, ist Teil eines besonderen Konzepts. Diese Schule will nicht nur Wissen in den klassischen Fächern vermitteln, sondern auch jene Fähigkeiten, die junge Menschen im späteren Leben dazu befähigen, die Gesellschaft mitzugestalten: vorauszudenken, Entscheidungen zu treffen, keine Angst zu haben vor Fehlern.
“Wir versuchen, das individualisierte Lernen mit der regulären Stundentafel zu verknüpfen”, erklärt Schulleiterin Simone Ley, die in den vergangenen zwölf Jahren immer wieder am Konzept gefeilt, Angebote hinzugenommen, Stellen umgewidmet hat, alles mit dem Ziel, ihren Schülern ganzheitlich gerecht zu werden. Es gibt viele Projekte an dieser Schule, eine Menge Möglichkeiten für Schüler, selbst zu entscheiden, was sie lernen wollen. Aber es gibt ebenso Frontalunterricht und klassische Wissensvermittlung.

Mit diesem Konzept steht das Käthe-Kollwitz-Gymnasium nun in der Endauswahl für den Deutschen Schulpreis, den Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) am kommenden Dienstag überreichen wird. Denn die Schule ist erfolgreich: Von Jahr zu Jahr werden die Abiturnoten der Schüler besser. In diesem Jahr lag der Durchschnitt bei 1,65. Damit gehörte das Gymnasium zu den besten Berlins. 17 Schüler hatten einen Abi-Schnitt von 1,0, zwei einen von 0,8. Damit waren sie Spitzenreiter in der Hauptstadt.
“Bei uns steht die Begabtenförderung sehr im Fokus”, sagt Ley. Das Gymnasium hat einen mathematisch-naturwissenschaftlichen Schwerpunkt und nimmt Fünftklässler nach einer Wissensprüfung auf. Auch wenn fast alle Schüler mit einer Eins in Mathematik von der Grundschule kommen, ist das Leistungsniveau doch oft sehr unterschiedlich. Daher hat Ley das “Drehtür-Prinzip” entwickelt. Besonders leistungsstarke Schüler werden aus dem Regelunterricht geholt und dürfen etwa an speziellen Projekten arbeiten, die an bundesweiten Wettbewerben teilnehmen. Andere gehen mit ihrem Tablet in die Bibliothek und verfolgen einen Kurs des Junior-Studiums der Uni Rostock, die mit dem Gymnasium kooperiert.
“Sollten wir auch auf den Bundeskanzler eingehen?”
Der klassische Unterricht erfolgt in 80- statt 90-Minuten-Blöcken. “Indem wir zehn Minuten abschneiden, gewinnen wir pro Woche zwei Blöcke, die die Schüler für individuelle Projekte nutzen, die sie frei wählen können”, sagt Ley. Benotet werden diese Forschungen nicht. So soll die Lernfreude der Schüler erhalten bleiben. “Intrinsische Motivation ist so wichtig. Schüler wie Bildungswissenschaftler kritisieren immer wieder, dass in der Schule der Lerneifer verloren geht, weil alle im gleichen Schritt lernen müssen. Für uns ist es wichtig, dass wir den Ansporn fördern, der von tief innen kommt.”
Lore, Jonna und Veronika aus der zehnten Klasse stecken die Köpfe zusammen. Sie arbeiten gerade an einem Konzept für ihr selbst gewähltes Wissenschaftsprojekt. “Wir möchten untersuchen, wie die Teilung von Deutschland die Sicht auf die Politik verändert hat”, erklärt Lore. “Im Hinblick auf die Ergebnisse der Landtagswahlen finden wir das echt interessant.” Die drei Mädchen wollen Menschen aus Ost und West, aus Stadt und Land befragen. Nun brüten sie über die richtigen Fragen. “Sollten wir auch auf den Bundeskanzler eingehen?”, fragt Jonna. Alle drei arbeiten mit ihren Tablets im selben Dokument, das sie miteinander teilen. Parallel checken sie, ob alle Kriterien für eine gute Forschungsfrage erfüllt sind. Ist sie theoriebasiert? Konkret und komplex?

Recherchieren und forschen dürfen die Schüler selbstständig, aber sie müssen dabei wissenschaftlich fundierte Methoden einsetzen, die gemeinsam eingeübt werden. Mithilfe eines Leitfadens definieren sie bestimmte Aufgabenpakete, um an ihr Ziel zu kommen. Am Ende jedes Unterrichtsblocks notieren sie, was sie bereits geschafft haben. “Wir möchten, dass die Schüler Projektmethoden aus der Arbeitswelt kennenlernen und verschiedene Selbstorganisationstools, die sie auch später im Berufsleben für sich anwenden können”, erklärt Lehrerin Maria Alms, zuständig für die Begabtenförderung.
In der freien Lernzeit sind schon viele Projekte entstanden, die Preise beim “Jugend forscht”-Wettbewerb gewonnen haben. Zwei Zehntklässler wurden jüngst ausgezeichnet für die Erfindung einer Kühlschrank-Sensorik, die scannt, welche Lebensmittel in den Regalen lagern. In einem zweiten Schritt wollen die Schüler nun daran arbeiten, dass das System Rezepte ausspuckt für die Lebensmittel, die kurz vor dem Verfallsdatum stehen.
50 der rund 850 Schüler brauchen Unterstützung, oft gehen Diagnosen wie Autismus oder ADHS mit einer Hoch- oder Inselbegabung einher. Ley möchte diese Kinder integrieren und ihre Eltern ermutigen, sie ihrer Schule anzuvertrauen.
“Kinder können nur gut lernen, wenn sie sich wohlfühlen bei uns”, sagt Ley und skizziert eine weitere Säule ihres Konzepts: ein Team aus drei Schulpsychologinnen, einer Medienpädagogin, vier Sozialarbeitern und einer Inklusionspädagogin. Dafür hat die Schulleiterin klassische Lehrerstellen umfunktioniert. “Das ist keine Kuschelpädagogik, das ist ein ganz wichtiger Baustein. Wir haben Kolleginnen und Kollegen mit vielfältigen Kompetenzen, damit wir auf alle Kinder eingehen können, auch wenn sie einen besonderen Bedarf haben.”
50 der rund 850 Schüler brauchen Unterstützung, oft gehen Diagnosen wie Autismus oder ADHS mit einer Hoch- oder Inselbegabung einher. Ley möchte diese Kinder integrieren und ihre Eltern ermutigen, sie ihrer Schule anzuvertrauen. Da hält sie es mit dem Motto der Künstlerin Käthe Kollwitz: Eine Gabe ist eine Aufgabe. “Das ist unser Leitsatz. Wir wollen sämtliche Begabungen fördern.”
Legende Beitragsbild: Unterricht im Berliner Käthe-Kollwitz-Gymnasium (Foto: Marlene Gawrisch/WELT)
Politikredakteurin Freia Peters berichtet für WELT über Familien- und Gesellschaftspolitik sowie Bildung.

