Das wollte die Bildungssenatorin dann doch klarstellen: Die Gewalt, die man an Berliner Schulen sehe, sei kein Hauptstadtphänomen. Diese Einordnung war Katharina Günther-Wünsch wichtig, als sie am Montag die Ergebnisse des Berliner Konflikt- und Gewaltbarometers präsentierte. Einer groß angelegten Befragung von Berliner Schülern und Lehrkräften, die die CDU-Politikerin in Auftrag gegeben hatte. Die Ergebnisse klingen alarmierend: Für mehr als die Hälfte der Lehrerinnen und Lehrer ist Gewalt “ein großes bis sehr großes Problem” an ihrer Schule. Fast zwei Drittel beobachten, dass die Auseinandersetzungen unter Schülerinnen und Schülern zunehmen. Neun von zehn Berliner Neuntklässlern sagen, sie hätten im vergangenen Jahr Gewalt erlebt. Gemeint ist damit alles von Beleidigungen, Cybermobbing, Bedrohungen bis hin zu körperlicher und sexualisierter Gewalt. Auch Lehrer werden von Schülern attackiert.
Erschreckend: Schon an Grundschulen geht es ruppig zu, in Berlin reichen sie bis Klasse sechs. Besonders krass ist die Lage in sozialen Brennpunkten. Die überwiegende Mehrheit der Lehrkräfte an den Schulen dort berichtet, dass die Konflikte so viel Zeit und Kraft kosten, dass der Unterricht nur noch eingeschränkt stattfinden könne.


An der Befragung nahmen 14’000 Schüler und 2600 Lehrkräfte teil, freiwillig. Was bedeuten kann: Betroffene melden sich eher. Es ist die bisher umfassendste empirische Erhebung zu Gewalt an Schulen in einem Bundesland. Forscher des Instituts für Demoskopie in Allensbach, das die Studie durchgeführt hat, sprechen von einer “Normalisierung von Gewalt”. Als “deutliches Warnsignal” bezeichnet die Bildungssenatorin die Ergebnisse. Ein Warnsignal nur für Berlin? Oder für die ganze Republik? Steigt die Gewalt tatsächlich, oder hat sich die Wahrnehmung verändert? Kurz: Wird es immer schlimmer mit der Jugend?
Schaut man auf die Schlagzeilen der vergangenen zwei Jahre, scheint die Antwort klar: Da ist etwas aus den Fugen geraten.
“Gewalt an Schulen steigt” (Welt, Januar 2025). “Brutalität an Schulen entgleitet” (Focus, November 2025). Auch Fachpublikationen wie das Deutsche Schulportal melden: “Polizei-Statistik: Gewalt an Schulen nimmt bundesweit zu” (März 2026).

Doch Gewalt ist vielschichtig. Mancher Einzelfall macht Schlagzeilen, während alltägliche Auseinandersetzungen fast unbemerkt bleiben. Deshalb hat die ZEIT Studien und Statistiken durchforstet, bei den Bildungs- und Innenministerien der Bundesländer nachgefragt, mit Kriminologen, Lehrkräften und Schulpsychologen gesprochen – um einen Gewaltreport zusammenzustellen, der ein differenziertes Bild der Lage im ganzen Land zeichnet.
Alle 16 Landesministerien haben auf die ZEIT-Anfrage zur Gewalt an Schulen geantwortet. Und auch wenn sie die Fälle auf unterschiedliche Art dokumentieren, lässt sich doch ein länderübergreifender Trend feststellen: ein teils deutlicher Anstieg von Gewalt unter Schülern nach den Coronajahren, der sich nun wieder abschwächt.
Bayern schreibt: Die aktuellen Daten würden “gegen eine zunehmende Brutalisierungstendenz unter jungen Menschen” sprechen. Nach einem sprunghaften Anstieg der Fälle von vorsätzlicher leichter Körperverletzung zwischen 2022 und 2024 sei es 2025 erstmals zu einem Rückgang seit der Covid-19-Pandemie gekommen.
Länderübergreifender Trend: ein teils deutlicher Anstieg von Gewalt unter Schülern nach den Coronajahren, der sich nun wieder abschwächt…(…)…. aber die ausgiebige Berichterstattung über extreme Einzelfälle führt nach Ansicht von Kriminologen dazu, dass die wahrgenommene Bedrohung und die statistische Realität auseinanderklaffen.
Hamburg berichtet: Im Schuljahr 2024/25 wurden 208 Gewaltvorfälle gemeldet – bei 260’000 Schülerinnen und Schülern. Gewalt sei ein Thema, eine überproportionale Zunahme aber nicht zu verzeichnen. Sachsen-Anhalt meldet einen leichten Anstieg der Fälle und ergänzt: Durch die Berichterstattung in der Presse sei nicht auszuschließen, “dass Schulen zunehmend sensibler reagieren und eine Häufung von Meldungen stattfindet”. Auch Rheinland-Pfalz nennt das als einen möglichen Grund für gestiegene Zahlen.
Schleswig-Holstein schreibt: Die Auswertung des aktuellen Gewaltmonitors des Schuljahrs 2024/25 zeige, “dass Gewaltvorkommnisse nach einem Anstieg in den davorliegenden zwei Schuljahren erstmals wieder zurückgegangen sind”.
Ähnlich die Antwort aus Baden-Württemberg: Die Anzahl der Fälle von Gewalt an Schulen gehe 2025 im Vergleich zum Vorjahr um knapp sieben Prozent zurück. Eine Umfrage des Kultusministeriums unter Lehrkräften bestätige den positiven Trend. Auch in NRW, wo die Gewaltvorfälle deutlich über das Vor-Coronaniveau hinaus angestiegen waren, zeigt sich ein leichter Rückgang.
Extreme Einzelfälle beherrschen die Schlagzeilen
Ist damit alles geklärt? Nicht ganz. Denn die meisten Bundesländer greifen bei ihren Erhebungen vor allem auch auf die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) zurück, die jährlich veröffentlicht wird. Sie erfasst Jugendgewalt unabhängig davon, ob die Taten auf dem Pausenhof oder sonst wo begangen wurden. Nach diesen Zahlen steigt die Gewalt von Kindern und Jugendlichen zwar bundesweit seit einigen Jahren wieder an. Besonders stark 2023, nämlich um 14 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Und damit auch über das Vor-Coronaniveau von 2019 hinaus. Als Gründe nannte Holger Münch, der Präsident des Bundeskriminalamts, bei der Vorstellung der Daten vor allem die Folgen der Einschränkungen während der Pandemie: Mangel an sozialen Kontakten, Stress innerhalb der Familien, gestiegene psychische Belastungen.
Die PKS liefert jedoch kein exaktes Bild der Kriminalitätsentwicklung. Sie zeigt lediglich die Zahl der von der Polizei erfassten Straftaten. Diese ist davon abhängig, wie viele Taten angezeigt werden, wie intensiv die Polizei ermittelt – und auch davon, ob sich die Definition von Gewalt erweitert. Trotzdem ist die PKS zumindest eine Annäherung an die Realität. Ihre Wahrnehmung wird auch von Fällen extremer Gewalt an Schulen geprägt, über die Medien berichten:
- Berlin-Spandau: Im Mai 2025 sticht ein 13-Jähriger mit einem Messer auf seinen Mitschüler ein. Er verletzt diesen so schwer, dass der Junge für zwei Wochen im Krankenhaus bleiben muss.
- Friedberg in Bayern: An einer Mittelschule greift im vergangenen Herbst ein 15-Jähriger zwei Mitschüler mit einem Hammer an. Sie müssen im Krankenhaus behandelt werden.
- Ludwigshafen: In diesem Schuljahr schafft es eine Realschule über Monate nicht aus den Schlagzeilen. Es kommt zu Reizgas- und Messerattacken. Schüler wie Lehrkräfte müssen ärztlich behandelt werden, Schlägereien auf den Gängen sind alltäglich.
Diese Liste ließe sich um viele Beispiele verlängern, aus fast jedem Bundesland, für jedes Jahr. Und Gewalt in der Schule heißt manchmal auch: Gewalt gegen Lehrkräfte (ZEIT Nr. 31/24). So wurden 2024 mehr als 1280 Fälle vorsätzlicher leichter Körperverletzung durch Schüler (und Eltern) erfasst.
Untermauert all das also den in der Polizeistatistik verzeichneten Anstieg von Jugendgewalt?
Fachleute sagen: Nein. In Deutschland gibt es über 30’000 Schulen und mehr als elf Millionen Schüler. Natürlich bedeutet jeder einzelne Fall Leid. Doch die ausgiebige Berichterstattung über extreme Einzelfälle führt nach Ansicht von Kriminologen dazu, dass die wahrgenommene Bedrohung und die statistische Realität auseinanderklaffen.
Plötzlich sind auch Mädchen immer öfter gewalttätig
Aussagekräftiger sind die Statistiken der Unfallversicherer. Dort gibt es die Kategorie “Raufunfälle”, die Verletzungen erfasst, egal ob Anzeige erstattet wurde. Hier bewegen sich die Zahlen stabil auf niedrigem Niveau und sinken sogar leicht: 2004 gab es 11,7 Raufunfälle je 1000 Versicherte, 2023 waren es 7,5. Das gilt über alle Schultypen hinweg, geringere Fallzahlen gibt es an den Gymnasien, höhere an Haupt- und Realschulen und Sonderschulen.
Um Entwicklungen in der Jugendkriminalität besser einschätzen zu können, setzen Kriminologen auf sogenannte Dunkelfeldbefragungen. Dabei werden Heranwachsende anonym danach befragt, wie viele Delikte sie in einem bestimmten Zeitraum, meist ein Jahr, begangen haben. Im Gegensatz zu Statistiken von Landesministerien, Polizei und Versicherern sind sie zwar nicht so umfassend, schließen dafür aber verzerrende Faktoren wie das Anzeigenverhalten aus.
Der Sozialwissenschaftler Clemens Kroneberg lehrt an der Universität Köln und forscht seit Jahren zu Jugendgewalt und Jugendkriminalität. Im vergangenen Herbst veröffentlichte er eine Dunkelfeldstudie, in der 3800 Jugendliche der Jahrgangsstufen sieben und neun befragt wurden, an 27 Schulen in Nordrhein-Westfalen, in Gelsenkirchen, Herten und Marl. An denselben Schulen hatten die Forscher bereits zehn Jahre zuvor eine Umfrage durchgeführt. Der Vergleich zeigt einen Anstieg der Gewaltdelikte: unter Siebtklässlern von 20 auf 27 Prozent, bei den Neuntklässlern einen Anstieg von knapp 5 auf 22 Prozent. Was Kroneberg zum ersten Mal beobachtete: Jungen begehen zwar nach wie vor mehr Delikte und Gewalttaten als Mädchen – aber der Abstand zwischen den Geschlechtern ist kleiner geworden.

Fragt man den Forscher nach den Gründen für diese Zunahme, nennt er verschiedene mögliche Ursachen: einen Rückgang der Selbstkontrolle, weit verbreitete psychische Belastungen, Jugendliche fühlten sich nach Corona weniger an Regeln gebunden; einen Nachholbedarf bei der Entwicklung sozialer und emotionaler Kompetenzen. Diese würden im direkten Kontakt mit Gleichaltrigen erlernt – der während der Coronapandemie aber stark eingeschränkt war. Zur geringeren Impulskontrolle könnte auch die intensive Nutzung sozialer Medien beitragen. Zudem ist der Anteil der Jugendlichen, die körperliche Gewalt durch ihre Eltern erfahren haben, gegenüber 2014 deutlich gestiegen – bei den Siebtklässlern etwa von knapp 15 auf rund 23 Prozent. Auch das kann eine wichtige Rolle spielen.
In den 1990er-Jahren war es schlimmer
Eine weitere Dunkelfeldstudie hilft, die Entwicklungen der Jugendkriminalität einzuschätzen: der “Niedersachsen-Survey”, den das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) seit 2013 alle zwei Jahre erstellt. 2024 nahmen mehr als 9200 Neuntklässler daran teil. Der Vergleich zu 2015 zeigt einen Anstieg. Damals gaben 15 Prozent der Jugendlichen an, Opfer mindestens einer Gewalttat geworden zu sein, im vergangenen Jahr waren es 20 Prozent. Die Täterquote blieb allerdings gleich, bei rund sieben Prozent. Die Diskrepanz erklären sich die Forscher unter anderem durch Mehrfachtäter.
Alles in allem spricht der Sozialwissenschaftler Kroneberg von einer “gewissen Trendumkehr, wenn auch auf historisch relativ niedrigem Niveau”. Den Anstieg müsse man ernst nehmen, er warnt aber vor einer allzu alarmistischen Sicht. In den 1990er-Jahren nämlich seien Jugendkriminalität und -gewalt noch deutlich weiter verbreitet gewesen als heute.
Wie man die aktuelle Lage bewertet, hängt eben auch davon ab, wie weit man zurückschaut. Gina Wollinger ist Professorin für Soziologie und Kriminologie an der Hochschule für Polizei und Öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen. Jüngst ist ihr Buch True Criminology erschienen, in dem sie mit einer Kollegin Kriminalität im Spannungsfeld von Statistik und Wahrnehmung beschreibt.
“Aus einer langfristigen Perspektive betrachtet wurde es mit der Jugend nicht immer schlimmer, sondern besser.”
Gina Wollinger, Professorin für Soziologie und Kriminologie
“Nach zwei, drei Jahren kann man noch keinen Trend ausmachen”, sagt Wollinger, da seien immer kleine Ausschläge nach oben oder unten dabei. Um Entwicklungen wirklich festmachen zu können, müsste man auf längere Zeiträume von fünf, besser zehn Jahren schauen. Blickt man noch etwas weiter zurück, ergibt sich ein anderes Bild: Anfang der 2000er-Jahre war das Niveau der Jugendgewalt laut Statistiken wesentlich höher als heute. Zwischen 2007 und 2015 gab es einen starken Rückgang, die Jugendgewalt halbierte sich fast. Wollinger sagt: “Aus einer langfristigen Perspektive betrachtet wurde es mit der Jugend nicht immer schlimmer, sondern besser.” Nur 0,4 Prozent der Kinder zwischen 10 und 14 Jahren wurden etwa 2024 einer Gewalttat verdächtigt und nur ein Prozent der Jugendlichen. Auch das spricht gegen eine Dramatisierung.
Natürlich gebe es punktuell auch andere Entwicklungen, sagt Wollinger. Stark steigende Gewalt in bestimmten Städten, in bestimmten Vierteln, an einzelnen Schulen. Sei es in Nordrhein-Westfalen, in Rheinland-Pfalz oder eben in der Hauptstadt.
Religiöser Anpassungsdruck auf dem Schulhof
Die aktuelle Berliner Studie zeigt das deutlich: Hier hängt das Ausmaß an Gewalt stark von der Schulform ab. An Gymnasien betrachten 15 Prozent der Lehrer Gewalt als ein großes oder sehr großes Problem. An Integrierten Sekundarschulen ohne Oberstufe und Gemeinschaftsschulen sind es bis zu drei Viertel. Schulen in sozialen Brennpunkten sind viel stärker von Gewalt betroffen. Je ärmer und benachteiligter die Familien sind, umso häufiger hätten es die Lehrer mit aggressiven Kindern zu tun, sagt Ullrich Bauer. Der Bildungsforscher von der Universität Bielefeld hat an der Studie mitgewirkt.
Bundesweit lässt sich auch beobachten: Jugendliche mit Migrationshintergrund üben häufiger Gewalt aus. Wie kommt das? Die Kriminologin Wollinger erklärt das so: Allgemeine Risikofaktoren, die Gewalt begünstigen, kämen bei Jugendlichen mit Migrationsgeschichte häufiger vor. Das gilt vor allem für soziale Risikofaktoren. Dazu gehören Armut, geringe Bildung, Perspektivlosigkeit, Gewalterfahrung in der Familie, Gewalt legitimierende Einstellungen.
Rund 30 Prozent der Neuntklässler halten religiöse Regeln für wichtiger als schulische Regeln.
Die Berliner Studie ergab noch einen alarmierenden Befund: Rund 30 Prozent der Neuntklässler halten religiöse Regeln für wichtiger als schulische Regeln. Unter denen, die das so sehen, sind 41 Prozent muslimisch und 33 Prozent christlich, 19 Prozent bezeichnen sich als konfessionslos. Ungefähr 30 Prozent der Lehrkräfte schätzen, dass religiöser Anpassungsdruck ein großes oder sehr großes Problem sei. “Wir kennen Berichte von Schulen, in denen im Ramadan Schüler vor und in den Toiletten überwachen, dass kein Wasser aus dem Hahn getrunken wird”, sagt Ullrich Bauer. Dieser Konformitätsdruck ist auch eine Form von Gewalt. In der Berlin-Studie zeigt sich, dass er – wie andere Gewalttaten – meist von kleineren Gruppen an Schülern ausgeübt wird.
Wie geht es jetzt weiter in Berlin? Der Umgang mit Gewalt in der Schule müsse sich dringend verändern, sagt Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch, dafür sei die Studie ein Startpunkt. Sie kündigte verstärkte Kooperationen mit Polizei, Jugendhilfe, Sozialarbeit und Schulpsychologie an. Um Kindern und Jugendlichen klarzumachen, dass es nicht normal ist, zu mobben und gemobbt zu werden, zu prügeln und geprügelt zu werden.
Legende Beitragsbild: 90 Prozent der Neuntklässer gaben an, sie hätten im vergangenen Jahr Gewalt in der Schule erlebt. (© Max Slobodda für DIE ZEIT)

