Aufhorchen lässt ein neues Forschungsergebnis[1] des Leibnitz-Instituts für Bildungsverläufe in Bamberg, publiziert als Interview in der Wochenzeitung DIE ZEIT 12/2026. Die Analyse zeigt, dass die sozialen Bildungsungleichheiten bei den Kompetenzen sehr früh einsetzen und dann lange stabil bleiben. In der neunten Klasse sei der Abstand bei den schulischen Basiskompetenzen angeblich so gross wie am ersten Schultag. Äussere Behinderungen – Leistungsbeurteilungen durch Lehrpersonen und Elterneinflüsse – scheinen unter anderem zu diesem gleichbleibenden Gap zu führen. Oder anders formuliert würden Kinder aus unterprivilegierten Familien unten, während Kinder aus privilegierten Familien oben gehalten werden.
Die dazugehörende Frage lautet, weshalb es die Schulen nicht schaffen, Ungleichbehandlungen der Kinder im Grundschulsystem zu verringern. Die Gründe der unfairen Bildungssteuerung liegen in Prägungsfaktoren, die sich gegenseitig ergänzen resp. aufschaukeln.
- Das Verhalten der Lehrpersonen

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Notenvergabe. – Die Studie weist nach, dass es auch im Jahr 2026 an vielen deutschen Schulen parteiische Pädagogen und Pädagoginnen gebe. Kinder aus sozial benachteiligten Familien bekämen schlechtere Noten als Klassenkolleginnen und -kollegen privilegierter Herkunft – und zwar, das sei eben wichtig – für die gleichen Kompetenzen. Eine Erklärung hierfür sei, dass Lehrpersonen die Kinder aus gehobenen Schichten per se für intelligenter und anstrengungswilliger ansehen. In der Folge zeige sich diese Haltung auch in den häufigeren Gymnasialempfehlungen. Es scheine allerdings kein neuer Befund zu sein, dass die «Notenfalle» immer wieder und nachweislich zuschnappe.
- Die Einflussstärke der privilegierten Eltern
Kognitive Förderung.– Man weiss, dass gut ausgebildete Eltern[2] ihre Kinder stärker fördern als solche, die weniger privilegiert sind. Erstere erzählen ihnen Geschichten, geben ihnen (Bilder-)Bücher, lesen ihnen häufiger vor, reden und diskutieren mit ihnen. Mit einem Kind sprechen heisst, ihm die Chance zum Spracherwerb[3] zu geben. Einer Studie der Universität Kansas/USA zufolge sprechen manche Eltern rund 3’000 Wörter pro Stunde mit ihren Kindern, wohingegen andere lediglich auf 300 Wörter kommen[4]. Bilbao (2022) weist darauf hin, dass sich ein Kind im Alter von zwei bis fünf Jahren täglich 50 neue Vokabeln aneignen kann, wenn ihm das familiäre Milieu dies bietet; dies unabhängig von der sozialen Herkunft.
Materielle Förderung. – Privilegierte Eltern verfügen meist auch über mehr finanzielle Mittel. Dies ermöglicht ihnen die ausserschulische Förderung ihrer Kinder: Museums- und Theaterbesuche, teurere Sportaktivitäten, kostenintensiver Musikunterricht, etc. – Diese Optionen zeigen die sozialen Unterschiede.
Laufbahnentscheide.– Eltern mit einer guten Bildungsbiografie bringen sich in der Schule stärker ein. Das zeigt sich beispielsweise bei Übertrittsentscheidungen und -empfehlungen. Neben dem, dass Lehrpersonen sich wie erwähnt bei der Notenvergabe unbewusst «instrumentalisieren» lassen und meinen, Kinder aus privilegierten Familien müssten besser sein, wirkt sich auch das Elternverhalten auf die Laufbahn ihres Sprosses aus. Dabei stehe der Elternwille häufig über dessen Leistungsvermögen. Druck auf die Schule sei dabei ein Mittel, das oft zur Anwendung käme.
Statuserhalt. – Für die so genannt oberen Schichten der Gesellschaft[5] spiele das Ansehen eine grosse Rolle. Wenn die Eltern studiert haben, scheint eine familiär geprägte Bildungsbiografie vorprogrammiert zu sein. Gelingt die erwartete Fortsetzung nicht, führt dies zu grossen Enttäuschungen.
- Was ist die Schlussfolgerung – oder: Ist das deutsche Schulsystem für Kinder aus unterprivilegierten Familien chancenlos?
Man muss zunächst festhalten – und dies im Gegensatz zur Schweiz[6] –, dass der Königsweg für die Kinder in Deutschland zum Gymnasium führt. Die durchschnittliche Übertrittsquote beträgt 40 bis 45%, teilweise über 50%, und in der Tendenz[7] steigend.
Am Beispiel der Mathematik-Kompetenzen[8] zeigt die Untersuchung, dass am Ende der Grundschule nur 12% der Kinder aus einer niedrigen sozialen Schicht zu den leistungsstärksten[9] Schülern gehören, während dies auf knapp 40% der Kinder aus hohen sozialen Schichten zutrifft. Daraus lässt sich immerhin positiv schliessen, dass es für die erstgenannten Kinder trotz der genannten Ungleichbehandlungen während der Schulzeit möglich ist, zu den Besten zu gehören; oder umgekehrt, dass es bei der zweiten Kategorie mehr als die Hälfte trotz der für sie existierenden Förderfaktoren nicht schafft, zu den Besten aufzuschliessen.
- Lassen sich die Studienergebnisse auf die Schweiz übertragen?
Partiell muss man die Frage bejahen. Auch hierzulande lassen sich deutliche Laufbahnunterschiede zwischen den sozialen Schichten erkennen. In einem Beitrag zum Thema «Die Illusion der Fairness unseres Bildungssystems» erwähnt Stamm[10], dass wir stets von der hochgelobten Offenheit des schweizerischen Bildungssystems sprechen, doch würden wir vergleichbare Phänomene wie in Deutschland erleben. Als Beispiel zur hier vorgestellten Studie führt sie an, dass Kinder aus Akademikerfamilien fast drei Mal häufiger studieren als Kinder aus nicht-akademischen Familien. Sie nennt das nicht Durchlässigkeit, sondern Reproduktion.
- Was kann man gegen diese Bildungsungleichheiten tun?
Für die Schule. – Die unfaire Notenvergabe bei Prüfungen – geprägt und geblendet durch den Elternstatus – müsste aufhören. Es ist nicht nachvollziehbar, dass diese Praxis an den Schulen nach wie vor existiert. Andererseits müssen Lehrpersonen durch die Schulleitung geschützt werden, wenn sie bei Laufbahnentscheiden dem Pressing von Eltern[11] ausgesetzt sind.
Für viele Lehrpersonen in Deutschland hat – wie vorgängig erwähnt und im Vergleich zur Schweiz – die Berufliche Grundbildung mit einer 2-, 3-, oder 4-jährigen Berufslehre eine untergeordnete Bedeutung. Die Begründungen liegen zum einen bei der eigenen Berufsbiografie, zum zweiten beim fehlenden Wissen über diesen Weg mit seinen Aufstiegsmöglichkeiten und zum dritten mit dem ebenso erwähnten Image in der Gesellschaft.
Aufklärung und Kooperation mit der Wirtschaft könnten hier einen Beitrag zur Verbesserung leisten. Letztlich braucht auch Deutschland gut ausgebildete Fachkäfte.
Für die Eltern. – Die frühe Förderung des Kindes im Vorschulalter ist trotz der aufgezeigten Bildungsungleichheiten eine Lebensinvestition. Im Zentrum stehen der Spracherwerb sowie das spielerische Erkunden, welches später der Mathematik zugutekommt. Und dazu sollten insbesondere analoge statt digitaler Möglichkeiten zur Anwendung[12] gelangen. Wenn Eltern – unabhängig von ihrem sozialen Status – wollen, dass ihr Kind in einem anregungsreichen Umfeld aufwächst und dies auch fördern, dann haben die daraus entstehenden, kognitiven Kompetenzen Bestand und verschwinden auch über die Schulzeit hinweg nicht.
Die Befunde der Studie widersprechen zudem dem merokratischen[14] Grundgedanken, wonach Bildungsweg-Entscheidungen auf der Basis eigens erworbener schulischer Kompetenzen gemacht werden sollten. Armut in der Familie dürfte keinen Einfluss haben. Dieser negativen Aushebelung müsste aktiv entgegengewirkt werden.
Die Schule kann nicht aufholen, was im Kleinkindesalter verpasst werde. Diese Erkenntnis ist deshalb bedeutsam, weil es falsch ist, stets reflexartig an der Schule schrauben zu wollen und Anforderungen zu stellen, um unter anderem die Sprachkenntnisse der Schüler zu verbessern. Der Staat kann wohl über gute Kitas, Kindergärten und Schulen die sozial ungleichen Ausgangsbedingungen ein Stück weit ausgleichen. Trotzdem bleibt es in der Verantwortung der Erziehungsberechtigten, ihre Kinder soweit möglich auf die Schule – im Sinne einer bewussten und aktiven Frühförderung[13] – vorzubereiten.
Fazit
Soziale Unterschiede in der Gesellschaft wird es immer geben. Doch dürfte es nicht sein, dass Kinder in ihrer Bildungsentwicklung behindert werden. Insbesondere müsste über die unrühmlichen Begleitfaktoren wie die Notenhandhabung durch Lehrpersonen und das Zulassen der Einflussnahme privilegierter Eltern nachgedacht werden. Die Befunde der Studie widersprechen zudem dem merokratischen[14] Grundgedanken, wonach Bildungsweg-Entscheidungen auf der Basis eigens erworbener schulischer Kompetenzen gemacht werden sollten. Armut in der Familie dürfte keinen Einfluss haben. Dieser negativen Aushebelung müsste aktiv entgegengewirkt werden.
[1] Helbig, M., et al., 2026. Von der Kita bis zur Uni: Wie soziale Ungleichheiten unseren Bildungsweg beeinflussen.
[2] Zu dieser Gruppe können auch weniger privilegierte Eltern gehören, denen die Frühförderung ein bewusstes Anliegen ist.
[3] Bilbao, A., Kluge Köpfchen. 2022. S.249ff.
[4] Stamm, M., Professorin für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft an der Universität Freiburg/CH, zitiert hierzu eine andere
Studie: Betty Hart und Todd Risley zu «Meaningful Differences in the Everyday Experience of Young American Children» wie folgt: Der Wortschatz
von 3-jährigen Kindern beträgt in Akademikerfamilien: 1’100 bis 1’200 Wörter; in Arbeiterfamilien: 700 bis 750 Wörter; in Familien, die Sozialhilfe
beziehen: 500 bis 550 Wörter.
[5] Im Kanton Zürich finden jährliche Aufnahmeprüfungen für das Gymnasium statt. Kinder aus privilegierten Familien – oder eben solche aus den so
genannt oberen Schichten – investieren viel Geld in Prüfungsvorbereitungskurse. Bleibt der Erfolg aus, führt dies unter anderem zu Statusverlust.
[6] In der Schweiz ist die Übertrittsquote ins Gymnasium deutlich niedriger. Sie liegt aktuell bei ca. 23%. Dies liegt vorallem an der sehr hohen
Bedeutung und dem Ansehen der Berufsbildung, die für rund zwei Drittel der Jugendlichen nach der obligatorischen Schulzeit der gewählte Weg
ist.
[7] In den 1950er Jahren lag die Gymnasialquote noch unter 15%. Heute ist das Gymnasium die meistbesuchte weiterführende Schulform.
[8] Das wird anzunehmenderweise auch bei den sprachlichen Fähigkeiten so sein.
[9] Hierzu wurde die oberste Quartile der Stichprobe resp. die besten 25% der Schüler*innen analysiert.
[10] Quelle: https://tinyurl.com/4duc2evh
[11] Gerber, N., 2025: https://condorcet.ch/2025/04/uebergriffe-von-eltern-an-volksschulen-oder-wie-kann-reagiert-werden/
[12] Gerber, N., 2026: Digital Detox für Kleinkinder – oder: Die bindungsrelevante Aufmerksamkeit.
https://www.nord-waerts.com/denkmomente-bildung/
[13] Gerber, N., 2026: https://condorcet.ch/2026/03/elternzeit-statt-handyzeit-oder-fokussierte-elternbildung-als-praeventionsbeitrag/
[14] Grundgedanke ist die Chancengleichheit resp. verdienstvoll nach dem schulischen Leistungsprinzip.


Empfohlen sei die Lektüre von “Education, Social Background and Cognitive Ability. The decline of the social.” von Gary N. Marks (2014). Er zeigt auf, dass
1. die soziale Mobilität gemessen an der Veränderung des beruflichen Status zwischen Eltern und Kindern zwischen 1960/1970 und 2010 in den europäischen Ländern (auch in Deutschland und in der Schweiz) um mehrere Prozentpunkte gestiegen ist. Die Schulbildung hat daran Anteil.
2. Untersuchungen zeigen, dass nicht nur die frühe Betreuungsqualität für den schulischen Erfolg eine Rolle spielt, sondern die vererbten kognitiven Anlagen (was in den zitierten Untersuchungen nicht berücksichtigt wird). Dies geht vor allem aus Zwillingsstudien hervor: Kinder mit den gleichen kognitiven Anlagen, die in sozial unterschiedlichen Familien aufwachsen, erreichen annähernd gleiche schulische Resultate. Insbesondere schneiden Kinder aus sozial prekären Verhältnissen, die von Akademikereltern aufgenommen und bestens gefördert wurden, in der Schule schlechter ab als die eigenen Kinder dieser Eltern.
Die Erkenntnisse von Marks sind aufgrund von vielen internationalen Studien bestens belegt. Es ist bezeichnend, dass seine Studie bei uns unter dem Deckel gehalten wird. Es herrscht bei uns immer noch die Meinung vor, alle Kinder seien eigentlich gleich ausgestattet, sie müssten nur richtig gefördert werden.