9. März 2026
Starke Volksschule Zürich - Newsletter

Deutsch gehört zum Fundament unserer Kultur

Gute Kenntnisse der deutschen Sprache sind in der heutigen Zusammensetzung der Schweizer Bevölkerung alles andere als selbstverständlich. Rund ein Viertel aller Kinder in den Deutschschweizer Kantonen sprechen beim Eintritt in den Kindergarten nur sehr mangelhaft Deutsch und können einfachste Fragen kaum verstehen. Das überrascht nicht, wenn man weiss, dass mehr als die Hälfte aller in der Schweiz aufwachsenden Kinder zuhause mindestens eine Fremdsprache verwendet. Als Schwerpunktartikel im Newsletter der Starken Volksschule Zürich haben wir darum einen NZZ-Artikel ausgewählt, in welchem Sebastian Briellmann eindrücklich an die Bedeutung der deutschen Sprache für unsere Kultur erinnert.

 

Sich darüber zu beklagen, dass die aktuelle Ausländerintegration mancherorts nur mühsam vorankommt, hilft nichts. Vielen ist unterdessen bewusst geworden, dass Integration zu grossen Teilen eine Frage des Masses ist und auch bei beschränkter Zuwanderung eine Herausforderung für die ganze Gesellschaft bleibt. Zu Recht weist der Autor darauf hin, dass die Schule diese Aufgabe allein nicht bewältigen kann. Wer einen Blick auf französische Vorstädte wirft, kann sofort erkennen, dass Ghettobildungen mit abgekapselten Ausländerfamilien unbedingt verhindert werden müssen. Wo dies passiert, sinken Lebensqualität und Bildungschancen erheblich.

Die Förderung der deutschen Sprache geht die ganze Gesellschaft an

Sebastian Briellmann stellt keine Fragen zur Einwanderungspolitik an sich. Er setzt sich aber gründlich mit den aktuellen Studien zu den konkreten Fördermassnahmen auseinander. Offensichtlich hängt das Interesse, rasch Deutsch zu lernen, nicht zuletzt vom Bildungsstand der Quartierbewohner ab. Dies zeigt, wie komplex die Aufgabe ist, Ausländerkinder aus fremden Kulturen mit der deutschen Sprache vertraut zu machen.

Condorcet-Autor Hanspeter Amstutz

Mit der Förderung von Spielgruppen und günstigen Kita-Plätzen in ärmeren Quartieren wird vielerorts bereits einiges unternommen, um die Deutschkenntnisse der Kinder zu verbessern. Auch unterstützende Angebote für Erwachsene wie betreute Quartiertreffpunkte oder auf den Alltag fokussierte Deutschkurse können zu einer besseren Integration beitragen. Die stärkste Wirkung jedoch ginge wohl von einer Durchmischung der Wohnsiedlungen mit einer grösseren Anzahl deutschsprachiger Personen aus. Doch um dieses Ziel im Rahmen einer liberalen Gesellschaftsordnung zu erreichen, wären weitere umfangreiche Anstrengungen nötig.

Zu viele Aufgaben hat die Volksschule in den letzten Jahren übernommen, die nicht zu ihrem Kernbereich gehören. Nicht selten hat man den Eindruck, dass der Aufwand für das Deutschlernen unterschätzt wird.

 

Hoffnungsvoll stimmt, dass das jahrelange Wegschauen der grossen Parteien bei den mangelnden Deutschkenntnissen vieler Kinder offenbar vorbei ist. Jüngste bildungspolitische Initiativen von bürgerlicher Seite sehen vor, dass die Deutschkenntnisse aller Kinder vor dem Schuleintritt überprüft werden sollen. Wo grössere Sprachdefizite festgestellt werden, besteht die Absicht, Kinder in speziellen Deutsch-Förderklassen auf den Schuleintritt vorzubereiten. Andere Konzepte setzen in erster Linie auf eine gezielte Sprachförderung in sozialen Einrichtungen. Das sind bemerkenswert neue Töne. Endlich wird ein früher Zugang zur deutschen Sprache als zentrale Aufgabe der ganzen Gesellschaft erachtet. Dabei kann ein Wettbewerb konstruktiver Förderideen zu guten Lösungen führen. Diese müssen jedoch – anders als bei den Schulreformen – rechtzeitig auf ihre Wirksamkeit hin überprüft und dürfen erst bei nachgewiesenem Erfolg fest installiert werden.

Deutsch zu vermitteln ist ein unterschätzter Kernauftrag der Schule

Mit dem Rückenwind der Deutschförderung im Vorschulalter wird die Schule bessere Startbedingungen haben. Doch die Volksschule kommt nicht darum herum, die deutsche Sprache wieder stärker in ihrem Grundauftrag zu verankern. Zu viele Aufgaben hat die Volksschule in den letzten Jahren übernommen, die nicht zu ihrem Kernbereich gehören. Nicht selten hat man den Eindruck, dass der Aufwand für das Deutschlernen unterschätzt wird. Aufsätze schreiben lassen, die dann von den Lehrkräften korrigiert werden, gilt als veraltet. Dazu kommt, dass das Sprachtraining für einen sorgfältigen Aufbau von Wortschatz und Sprachformen generell gekürzt wurde.

Leider oft vergeblich hoffen unzählige Schüler auf spannende Geschichten, da die Erzählkunst von tonangebenden Fachdidaktikern als rückständige lehrerzentrierte Stoffvermittlung abqualifiziert wurde. Diese Einbusse an erlebter sprachlicher Gestaltungskraft eines Lehrers lässt einen enorm starken Antrieb für die Sprachentwicklung der Kinder verkümmern. Sprachpflege ist eine ganzheitliche Angelegenheit, die stark mit einer engagierten Kulturvermittlung verknüpft ist. Dieses tägliche “Sprachbad” muss in der Primarschule im Deutsch und nicht in den Fremdsprachen stattfinden. Nur so erleben die Kinder frühzeitig den ganzen Reichtum und die Schönheit der deutschen Sprache.

 

 

Häufig wird beklagt, dass sich vor allem Buben schwertun mit der deutschen Sprache. Sie lesen nicht gern und kümmern sich wenig um eine korrekte Sprache. Doch das ändert sich schlagartig, wenn Buben von einer Sache oder einem Geschehen fasziniert sind. Dann wollen sie darüber reden und zeigen, dass sie etwas verstanden haben. Sie lieben Diskussionen über geschichtliche Ereignisse. Sie wollen beweisen, dass sie bei einem physikalischen Experiment genau verstanden haben, was passiert ist. Doch zuerst braucht es den attraktiven “Stoff”, der von einer kompetenten Lehrperson einprägsam vermittelt wird.

Die Realienfächer sind eng mit dem Deutschunterricht verbunden

Die Lehrerbildung hat mit dem didaktischen Hype rund um die frühen Fremdsprachen falsche Akzente gesetzt. Wer den Schülern die Türe zur deutschen Sprache weit öffnen will, muss neben der Freude am Lesen unbedingt den Realienunterricht stärken. Ein lebendiger Geschichts-, Geografie- und Naturkundeunterricht ist eine Quelle für das Verstehen wichtiger Zusammenhänge und der Wortschatzerweiterung. Ein lebendiger Realienunterricht ist praktisch angewandtes Deutschlernen und schafft das wichtige Vorwissen für ein besseres Leseverstehen. Dafür braucht es jedoch Lehrpersonen, die für die Realienfächer begeistern können. Wo dies täglich geschieht, wächst das sprachliche Ausdrucksvermögen der Kinder und Jugendlichen kontinuierlich.

Eine offene Schulkultur, welche die kindliche Neugier als Bildungschance sieht, wird die Schüler an spannende Bücher und literarische Texte heranführen.

 

Selbstverständlich geht es beim Deutschlernen auch darum, den Kindern einen Zugang zu Büchern zu erschliessen. Eine offene Schulkultur, welche die kindliche Neugier als Bildungschance sieht, wird die Schüler an spannende Bücher und literarische Texte heranführen. Wie wichtig diese Aufgabe in unserem Zeitalter der Kurzfuttertexte ist, hat Klaus Zierer in unserem zweiten Beitrag überzeugend dargelegt.

Sprachförderung im Realienunterricht und eine breite Leseförderung verlangen didaktische Konzepte, die auf die Vorstellungswelten der Jugendlichen gut abgestimmt sind. Um eine schülergerechtere Ausrichtung der Fachdidaktiken zu erreichen, sind jedoch tiefgreifende Reformen der Lehrerbildung unumgänglich.

Grosser Mehraufwand aufgrund gestiegener Erwartungen an die Schule

Im Zürcher Kantonsrat waren die Lehrerlöhne in den vergangenen Wochen ein viel diskutiertes Thema. Dass Zürcher Lehrkräfte jährlich durchschnittlich acht Wochen unbezahlte Überstunden leisten und so den Berufsauftrag ad absurdum führen, ist zweifellos sehr stossend. Entsprechend forderten die Parteien von Links bis Mitte im Kantonsrat eine Lohnaufbesserung in Form eines höheren Lektionenfaktors (mehr Zeit für Vorbereitung und Korrekturen). Die überwiesenen Vorlagen sehen vor, dass dafür zusätzliche finanzielle Mittel in der Höhe von gut 80 Millionen Franken zur Verfügung gestellt werden. Da der Grossteil dieser Kosten auf die Gemeinden entfällt, war es keine Überraschung, dass der Gemeindepräsidentenverband bereits ein Referendum ankündigte. Entsprechend interessant dürften die kommenden Diskussionen werden.

 

 

Die vielen unbezahlten Überstunden sind auf Dauer nicht hinnehmbar. Die Frage ist nur, wie sie reduziert werden können. Unsere Gesellschaft hat sich daran gewöhnt, der Volksschule immer neue Aufgaben zu übertragen, ohne dabei nach den Kosten zu fragen. Das krasseste Beispiel sind die Forderungen nach einer weitgehenden Individualisierung des Unterrichts. Jedes Kind benötige für sich ein massgeschneidertes Lernprogramm, ist eine gängige Vorstellung. Doch diese Erwartungen gehen gewaltig ins Geld, da eine radikale Individualisierung sehr viel Lehrpersonal erfordert. Eine faire Ausmarchung muss deshalb den Zusammenhang zwischen den bestellten Aufträgen an die Schule und deren Kostenfolgen aufgreifen.

Dauerbrenner Gymi-Prüfungen und bemerkenswerte Kommentare

Wie immer um diese Zeit kommt die Frage aufs Tapet, wie fair die Aufnahmeprüfungen an die Gymnasien seien und ob sie nicht besser gleich ganz abgeschafft werden könnten. Diesmal kommt in einem NZZ-Interview auch eine Schülerin zu Wort, welche bereits die Gymi-Prüfung bestanden hat. Sie gibt nützliche Tipps für die Prüfungsvorbereitung und kommentiert zusammen mit einer Fachperson häufig gestellte Fragen zum gymnasialen Bildungsweg. Selbstverständlich gehören zu so einem Dauerbrenner wie den Gymi-Prüfungen auch Leserbriefe. Wir haben dazu zwei der scharfsinnigsten Texte bekannter Autoren ausgewählt.

Den Abschluss unserer Textsammlung bilden ein bemerkenswertes Interview über Förderklassen und ein erhellender Gastbeitrag aus der NZZ über die umstrittene Schulentwicklung seit der Jahrtausendwende.

Vortrag nicht verpassen: Ein Sekundarlehrer plaudert aus dem Nähkästchen

Unser eigentlicher Schlusspunkt aber ist ein Aufruf. Am kommenden 30. März hält der erfahrene Sekundarlehrer Régis Ecklin in Zürich einen Vortrag mit dem Titel “Ein Sekundarlehrer plaudert aus dem Nähkästchen”. Es lohnt sich, das Datum im Kalender zu reservieren. Die Details zum Vortrag finden Sie am Schluss unseres Newsletters.

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