19. Februar 2026
Riesige Defizite

Diese frühzeitige Intervention soll Vorschulkinder aus der Bildungsmisere holen

Etwa ein Drittel der Vorschulkinder hat so gravierende Deutsch-Defizite, dass keine aktive Teilnahme am Unterricht möglich ist. Ein Plan im deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen (NRW) setzt eineinhalb Jahre vor der Einschulung an. Ein Schulleiter erklärt die Erfahrungen mit entsprechenden Tests. Dieser Beitrag ist zuerst in der WELT erschienen.

 

Mit welchem Laut fängt das Wort Maus an? Emma überlegt nicht lange und entscheidet sich für das “M”. Aber kann die Fünfjährige die Frage der Computerstimme auch bei hoher Geräuschkulisse hören? Emma ist abgelenkt und zögert.

Was derzeit bereits an den Grundschulen im Raum Krefeld für künftige Schulanfänger erprobt wird, soll es ab dem Jahr 2028 in ganz Nordrhein-Westfalen geben: Eine digitale Testung aller Kinder eineinhalb Jahre vor der Einschulung. Diejenigen mit sprachlichem Förderbedarf sollen anschließend verpflichtend zweimal die Woche von Grundschullehrern oder Sozialpädagogen in sogenannten ABC-Klassen unterrichtet werden.

“In bestimmten Stadtteilen kommen an einzelnen Grundschulen deutlich mehr Kinder zusammen, die zusätzliche Unterstützung benötigen, während andere Schulen davon kaum betroffen sind.”

Johannes Winters, Leiter der Josefschule Krefeld

 

So soll der Übergang in die Schule besser gelingen und letztendlich der Leistungsabfall unter Grundschülern aufgehalten werden, der seit einigen Jahren kontinuierlich zu beobachten ist – vor allem bei Kindern aus bildungsfernen Familien, viele mit Migrationshintergrund.

WELT-Journalistin Freia Peters

“Die Ergebnisse der jüngsten Schuleingangsuntersuchungen zeigen, dass etwa ein Drittel der Kinder nicht über hinreichende deutsche Sprachkenntnisse verfügt, um später aktiv am Unterricht teilzunehmen”, sagt NRW-Bildungsministerin Dorothee Feller (CDU). “Zu viele Kinder bringen nicht alles mit, was für einen erfolgreichen Start in der Schule erforderlich ist, und benötigen deshalb vorab eine gezielte Vorbereitung auf den Schulstart.” 1600 Stellen sollen für die Förderung der Vorschulkinder geschaffen werden, das Land will die Kosten für die Kommunen übernehmen – so wichtig sei diese Aufgabe.

Startchancen-Programm für Grundkompetenzen

Johannes Winters, Leiter der Josefschule in Krefeld, bestätigt das. Er koordiniert in seiner Region die Umsetzung des Startchancen-Programms, mit dem der Bund die Grundkompetenzen in Lesen, Schreiben und Rechnen in sozial schwachen Gebieten fördert. “Die Voraussetzungen, mit denen Kinder in die Schule kommen, sind heute insgesamt deutlich heterogener”, sagt Winters WELT AM SONNTAG.

Seit 2025 laden alle Krefelder Schulen ein Jahr vor der Einschulung sämtliche Kita-Kinder ein, um mit einem digitalen Screening den Stand ihrer Fähigkeiten zu testen und auszuwerten. “Auffällig ist dabei, dass sich der Förderbedarf innerhalb einer Schullandschaft sehr ungleich verteilt”, sagt Winters. “In bestimmten Stadtteilen kommen an einzelnen Grundschulen deutlich mehr Kinder zusammen, die zusätzliche Unterstützung benötigen, während andere Schulen davon kaum betroffen sind.”

Die Rückstände lägen dabei keinesfalls nur im sprachlichen Bereich. Auch das mathematische Grundverständnis sei vielfach nicht ausgeprägt, zudem gebe es oftmals Förderbedarf in motorischen Fähigkeiten oder bei der Konzentration. “Wenn wir uns die Auswertungen der Screenings anschauen, sehen wir, dass Vorläuferfähigkeiten insgesamt sehr unterschiedlich ausgeprägt sind und sich nicht auf einen einzelnen Entwicklungsbereich reduzieren lassen”, sagt Winters. “Eine reine Sprachstandserhebung greift deshalb zu kurz. Schulisches Lernen beruht auf mehreren grundlegenden Entwicklungsbereichen, die zusammenspielen.”

“Grundlegende Voraussetzungen für schulisches Lernen”

Winters arbeitet mit dem digitalen Screening “Edulog”, das neben sprachlichen auch motorische, visuelle und auditive Vorläuferfähigkeiten erfasst. Dazu gehört die Fähigkeit, Laute differenziert wahrzunehmen, auch bei einer Geräuschkulisse, die 28 Grundschulkinder im Klassenzimmer unter Umständen verursachen.

“Diese Fähigkeiten sind grundlegende Voraussetzungen für schulisches Lernen. Wenn wir hier frühzeitig Entwicklungsbedarfe erkennen, können wir gezielt pädagogisch reagieren.” Winters nutzt die Ergebnisse etwa, um die neuen Klassen im Sommer entlang der Fähigkeiten sinnvoll zusammenzustellen. Außerdem will er Trends auswerten, um seine Lehrer entsprechend fortzubilden.

Screenshot von einem digitalen Test auf der Plattform „Edulog“ (Quelle: Volker Sassenberg)

Die benachbarte Krefelder Regenbogenschule geht bereits den nächsten Schritt: Sie lädt ihre kommenden Schulanfänger nun alle drei Wochen zu sich ein. So lernen sie sich nicht nur bereits gegenseitig kennen, sondern die künftigen Lehrer arbeiten schon jetzt mit den Vorschulkindern in den Bereichen, die sie noch nicht so gut beherrschen. An die Test-Software gekoppelt ist nämlich die Förder-App “KönnerKids”. Sie passt sich an die Bestandsaufnahme des Kindes an und stellt passende Aufgaben zum Trainieren.

Ob dieselbe Software künftig in ganz NRW zum Einsatz kommt, ist ungewiss. Derzeit läuft eine Ausschreibung. “Das Ziel muss es sein, dass ein Großteil der Klasse beim Schulstart nicht nur die sprachlichen, sondern auch die räumlichen, motorischen und emotionalen Fähigkeiten besitzt”, sagt Schulleiter Winters. Die neuen Daten müssten auch genutzt werden, um den Lehrplan anzupassen und mit der Kita enger zusammenzuarbeiten. “Wir müssen uns auch unsere eigene schulische Arbeit hinterfragen, um uns an die neue Situation anzupassen.”

 

Politikredakteurin Freia Peters berichtet für WELT über Familien- und Gesellschaftspolitik sowie Bildung.

 

Quelle Titelbild: Getty Images/Jose Luis Pelaez Inc

image_pdfAls PDF herunterladen

Verwandte Artikel

Früher Fremdsprachenunterricht • Wissenschaftliche Erkenntnisse zum Thema

Die Grundlage des geltenden Sprachenkonzepts mit zwei Fremdsprachen auf der Primarstufe bildet die EDK-Sprachenstrategie aus dem Jahr 2004. Diese wurde mit folgenden Argumenten untermauert: “Frühes Lernen ist aus neuropsychologischen Gründen namentlich für den Erwerb von Sprachen besonders wichtig und profitabel: frühes Sprachenlernen ist effizienter, schafft günstige Voraussetzungen für das Erlernen weiterer Sprachen und fördert das […]

Ein Kommentar

  1. Zwei Stichworte im Artikel, nämlich “digitale Testung” und “Regenbogenschule”, und dann ist für mich ein Scheitern der Übung klar. Die Ideologie muss weg. Kinder können nur über Beziehung wirklich gefördert werden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert