3. Februar 2026
Strebertum stirbt aus

“Es ist egal geworden, ob sich ein Kind anstrengt” – ein Lehrer rechnet ab

Jonas Schreiber unterrichtet an einer bayerischen Realschule. Er beobachtet besorgniserregende Trends: Kinder strengen sich weniger an als früher, die Gesamtleistung verschlechtert sich. Auch Forscher sagen: Das deutsche Schulsystem steht vor großen Herausforderungen. Wir bringen einen Beitrag, der zuerst auf Focus online erschienen ist.

 

Jonas Schreiber erinnert sich sehr genau. Früher, als er noch zur Schule ging, gab es nur ein Fach, für das er sich begeistern konnte. Sport, da wollte er immer eine Eins haben, sagt er. Ansonsten war Schreiber ein eher fauler Schüler. Warum er diese Anekdote erzählt?

“Wenn es darauf ankam, habe ich mich in den anderen Fächern aufgerafft und so viel getan, dass ich es geschafft habe. Dieses eigene Aufraffen vermisse ich bei heutigen Schülern zunehmend.” Schreiber, 31 Jahre alt, blonde, kurze Haare, freundliches Gesicht, unterrichtet Sport, Wirtschaft und IT an einer Realschule in Bayern.

Focus online-Redaktorin Anna Schmid

Eigentlich mag er seinen Job, sagt er. Sogar sehr. Aber es gibt auch viele Tage, an denen Schreiber seine Arbeit ratlos zurücklässt. Der 31-Jährige möchte, dass sich seine und die Situation vieler Lehrer, Jugendlicher und Eltern verbessert. Dass wieder mehr Leistungswille, mehr Motivation in die Schulen einkehrt.

Studie liefert “besorgniserregende” Ergebnisse 

Denn dass wenig Lust aufs Lernen zu schlechten Noten und düsteren Zukunftsaussichten führen kann, liegt auf der Hand. Eine bundesweite Erhebung des Berliner Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) zeigt, dass die Kompetenzen deutscher Schüler nachgelassen haben.

Die Ergebnisse der Studie sind, so steht es in der Pressemitteilung, “besorgniserregend”. Neuntklässler erreichen Regelstandards in den Fächern Mathematik, Biologie, Chemie und Physik seltener und verfehlen Mindeststandards häufiger als noch vor einigen Jahren.

Ähnlich fallen andere Erhebungen aus. Marcel Helbig, einer der bekanntesten deutschen Bildungsforscher, verweist im Gespräch mit FOCUS online auf einen “Rückgang der Kompetenzen”. Konkret: die PISA-Daten (PISA steht für “Programme for International Student Assessment”).

Helbig: “Wir sehen ungünstige Entwicklungen”

In der PISA-Studie 2022 erzielten deutsche Schüler in Mathematik und Lesen ihre bislang schlechtesten Ergebnisse. Auch in den Naturwissenschaften kam es zu einem deutlichen Leistungsknick. “Mittlerweile sehen wir außerdem bei den Zertifikaten, also etwa der Abi-Quote, einen Rückgang und bei Jugendlichen ohne Abschluss einen Anstieg”, so Helbig.

Zurückzuführen sei das teilweise auf eine veränderte Schülerschaft, also beispielsweise mehr geflüchtete Kinder, die im schulpflichtigen Alter nach Deutschland kamen. “Allerdings sehen wir auch ungünstige Entwicklungen bei Kindern ohne Migrations- oder Fluchterfahrungen”, sagt der Forscher. Das könne an Faktoren wie Lehrermangel verbunden mit mehr Ausfallstunden oder exzessiver Mediennutzung liegen.

“Wir passen Standards nach unten an. Konsequenzen bei Fehlverhalten bleiben aus. Leistung wird nicht mehr gewürdigt, persönlicher Fortschritt nicht mehr sichtbar gemacht.”

 

Wenn man mit Schreiber über leistungsstarke Schüler und “Strebertum” spricht, kommt er genau wie Helbig schnell auf die PISA-Ergebnisse zu sprechen. “Deutsche 15-jährige Schüler sind unter die Werte vom Jahr 2000 gefallen”, sagt er.

“Es wird zunehmend egal, was ein Kind macht” 

Haben Kinder und Jugendliche also schlicht keine Lust mehr, sich anzustrengen? Es wäre zumindest eine Erklärung für die miesen StudienergebnisseSchreiber sieht das Problem an anderer Stelle. Er glaubt, dass unser “System fairer Rückmeldungen” sukzessive zusammenbricht.

Das klingt abstrakt. Deswegen wird Schreiber konkreter. “Wir passen Standards nach unten an. Konsequenzen bei Fehlverhalten bleiben aus. Leistung wird nicht mehr gewürdigt, persönlicher Fortschritt nicht mehr sichtbar gemacht”, sagt der 31-Jährige.

Anders formuliert: “Es wird zunehmend egal, was ein Kind macht – in beide Richtungen: ob es sich anstrengt oder eben nicht.” Dann schildert der Lehrer Situationen, die er immer wieder erlebt. Schüler würden sich – ohne mit der Wimper zu zucken – eine Note Sechs eintragen lassen.

 

 

“Sie probieren die Prüfung nicht einmal”, sagt der 31-Jährige. Zu seiner Schulzeit ein Tabu. Heute sei es gängige Praxis. Der Lehrer, der ein Buch über seine Erfahrungen geschrieben hat, findet das traurig. Denn eigentlich liege es in der Natur von Kindern und Jugendlichen, neugierig zu sein und sich anzustrengen. So sieht er es zumindest.

Schüler verlieren zunehmend an Motivation

Dass das, was Schreiber beschreibt, keine Einzelfälle sind, glaubt auch Helbig. Er ist am Bamberger Leibniz-Institut für Bildungsverläufe auf Strukturen und Systeme spezialisiert. “Die Situation an den Hauptschulen – Herr Schreiber kommt ja aus Bayern – sollte noch prekärer sein”, meint er.

Wie hoch der Anteil von Schülern mit geringer Motivation genau ist, kann der Bildungsforscher nicht sagen. “Es ist aber ein Befund, den es schon seit vielen Jahrzehnten gibt.”

Demnach sind Kinder in den ersten Schulklasse noch relativ motiviert. Dann aber verlieren leistungs- und sozial schwache Schüler “überproportional an Motivation, weil sie schlechte Noten bekommen und ihnen bereits mit zehn Jahren gesagt wird, dass sie nur für weniger anspruchsvolle Schulen geeignet sind”.

Für den Lehrer ist die Antriebsschwäche ein Spiegelbild der Gesellschaft, in der Leistung nicht mehr belohnt und Faulheit ohne Konsequenzen toleriert wird.

 

Helbig führt das auf unser gegliedertes Schulsystem zurück. Kinder besuchen in der Sekundarstufe 1 verschiedene Schulformen, manche gehen zum Beispiel auf die Mittelschule, andere aufs Gymnasium.

Realschullehrer Schreiber begründet die Antriebsschwäche vieler Kinder und Jugendlicher anders. Für den Lehrer ist sie ein Spiegelbild der Gesellschaft, in der Leistung nicht mehr belohnt und Faulheit ohne Konsequenzen toleriert wird.

Doch egal, welche Erklärung man nun heranzieht. Das Ergebnis bleibt das gleiche: Schüler, die sich immer weniger ins Zeug zu legen scheinen. Und miese Resultate in verschiedenen Bildungsstudien.

Schreiber wünscht sich kleinere Klassen 

Für Schreiber ist klar: Es muss sich einiges ändern. “Wir sollten wieder mehr Wert auf konsequentes Verhalten legen. Genauso sollten wir unsere Standards nicht nach unten anpassen, sondern auf den gewollten Stand zurückheben”, sagt der Lehrer. Dabei seien nicht nur die Schulen, sondern auch die Eltern gefragt.

“Bei Missachtung von Pünktlichkeit und respektvollem Umgang sollten schneller Sanktionen erhoben werden”, sagt Schreiber. Darüber hinaus hält er es für sinnvoll, individuelle Förderbedarfe zu ermitteln und Kinder entsprechend zu unterstützen.

 

 

“Gleichzeitig sollten Vereine stärker in Schulen eingebunden werden, damit jedes Kind die Möglichkeit hat, beispielsweise ein Musikinstrument zu lernen oder direkt in einem Bereich Sport zu machen.”

Langfristig wünscht sich der Lehrer Klassengrößen von maximal 15 Schülern, um besser auf jeden Einzelnen eingehen zu können. Und mehr Menschen aus dem “praktischen” Leben, die ihr Wissen in den Unterricht einbringen.

Das sind die größten Herausforderungen im Schulsystem

Bildungsforscher Helbig sieht vor allem in sozialen Ungleichheiten zentrale Herausforderungen. “Gerade bei sozial benachteiligen Kindern schlummern große Potentiale”, sagt er. “Wenn man die hebt, würde das auch insgesamt das Leistungsniveau steigern.”

Der Fokus muss sich in seinen Augen stärker auf den vorschulischen Bereich verschieben. Denn: “Wir wissen, dass sozial benachteiligte Kinder – oft mit Migrationshintergrund – vom Kita-Besuch am meisten profitieren, sie dort aber am wenigsten beziehungsweise kürzesten zu finden sind”, so Helbig.

Das deutsche Schulsystem produziert seiner Einschätzung nach soziale Ungleichheiten – und mittelmäßige Schüler. “In Bayern zeigt sich das unter anderem daran, dass beim Startchancen-Programm (SCP) im Sekundarschulbereich keine einzige Realschule, geschweige denn ein Gymnasium, zusätzlich gefördert wird.”

Am Ende findet auch Helbig, dass Kinder von Natur aus neugierig sein und Lernen ihnen Freude bereiten sollte. Das heißt: Sie sollten motiviert sein, zu lernen – “also Streber”. Das sei leider nicht der Fall. Dann beruft er sich noch einmal auf Forschungsergebnisse. Einige Studien würden nahelegen, dass der “Druck, dass die Kinder sich bis zur 4. Klasse bewiesen haben sollen”, eine Rolle spielt.

 

Anna Schmid ist Politik- und Panorama-Redakteurin bei FOCUS online. 

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