23. Januar 2026
Didaktik

„Sinnloses Umherwischen“ – Bildungsforscher kritisiert “Digitalisierungswahn” an Schulen

Der Augsburger Bildungsforscher und Kritiker der Digitalisierung an Schulen, Klaus Zierer, hat dazu aufgerufen, zunächst die bisherigen Erfahrungen mit Tablets und Smartphones auszuwerten. Ein Beitrag, der zuerst im Deutschlandfunk ausgestrahlt worden ist.

Der Universitätsprofessor spricht von einem “Digitalisierungswahn”, der derzeit an Schulen herrsche. Die skandinavischen Länder, die einst als Vorreiter in Sachen digitale Bildungsmedien galten, kehrten inzwischen wieder davon ab. Eine Vielzahl an Studien belege, dass eine frühe, unreflektierte Digitalisierung der Schulen den Kindern mehr schade als nütze. Eine aktuelle Analyse zeige ferner, dass Tablets in den Klassen zwar kurzfristig die Motivation der Schüler gesteigert hätten, allerdings nur für zwei bis drei Wochen. Sobald die Kinder merkten, dass es doch bloß ums anstrengende Lernen gehe, sei sie wieder gesunken, erklärte Zierer.
Viele Schüler spielten während des Unterrichts Spiele, wischten sinnlos auf dem Tablet umher und hätten keine Kontrolle mehr über das Lernen gehabt. Lehrer sähen sich nicht in der Lage, das damit verbundene Ablenkungspotenzial einzufangen, führte der Hochschullehrer aus. Die Eltern wiederum hätten zuhause das Problem, den Umgang mit einem weiteren digitalen Endgerät zu begleiten.

Ausstattung von Schulklassen mit Tablets vorerst komplett stoppen

Die Digitalisierung der Schulen gilt vielen Experten bislang als notwendiger Schritt zu einer besseren Bildung. Bayerns Ministerpräsident Söder (CSU) indes kündigte jüngst an, die 1-zu-1-Ausstattung mit Tablets von der fünften auf die achte Klasse zu verschieben. Zierer warb nun dafür, die Einführung von digitalen Endgeräten vorerst komplett zu stoppen. Erst sollten die bisherigen Erkenntnisse analysiert werden, um dann eine vernünftige pädagogische Entscheidung zu treffen, die langfristig dem Wohl der Kinder diene, betonte Zierer, der schon vor Längerem etwa ein Smartphone-Verbot im Unterricht gefordert hatte.
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2 Kommentare

  1. Der Ruf nach rascher Digitalisierung der Volksschule hat einen verführerischen Klang. Je weniger Politiker und Fachleute aus der Wirtschaft etwas von Pädagogik verstehen, desto höher sind ihre Erwartungen an den frühen Einsatz von Tablets im Unterricht. Nicht überraschend haben Voten zum Schulbudget bei Gemeindeversammlungen grösste Aufmerksamkeit, wenn es um die Anschaffung digitaler Geräte geht. Dabei haben die meisten Abstimmenden das gute Gefühl, mit der Zustimmung zu einem namhaften Kredit etwas Fortschrittliches für die Bildung zu tun. Doch digitaler Aktivismus in den Klassenzimmern der Primarschulen ist noch lange kein Garant für mehr Schulerfolg.

    Dabei müssten wir gewarnt sein, grossartigen Bildungsversprechen nicht blindlings zu vertrauen. Auch eine sehr weitgehende Digitalisierung und damit eng verbundene Individualisierung der Lernprozesse lassen die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Die meisten unserer Schüler können am Ende der sechsten Klasse weder fliessend Französisch parlieren noch verfügen sie über bessere Kenntnisse im Deutsch, wie vollmundige Konzepte mit digitalen Unterstützungsprogrammen verheissen haben. Es ist naiv zu glauben, die Mehrheit der Schüler würde beim Lernen hinter Bildschirmen generell besser vorwärtskommen als in einem gut geführten Klassenunterricht. Es stellt sich deshalb die berechtigte Frage, ob sich eine Umstellung des Unterrichts von papierenen Unterlagen auf Tablets in der Primarschule wirklich lohnt. Die ernüchternden Erfahrungen in Ländern, die uns bei der schulischen Digitalisierung voraus sind, sind ein deutliches Signal, die digitalen Konzepte auf ihre Praxistauglichkeit hin zu überprüfen.

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