29. August 2025
Pädagogik

Messer, Gabel, Löffel • Von Gewissheiten gelingenden Unterrichts – und ihrem Gegenteil

Condorcet-Autor und Präsident des Basellandschaftlichen Lehrer- und Lehrerinnenvereins ruft uns in seinem Editorial seiner Verbandszeitung noch einmal die wesentlichen Erfolgsgarantien für guten Unterricht in Erinnerung.

April 2007: Auf die Frage, was Ex-Microsoft-Chef Steve Ballmer vom eben auf den Markt gebrachten iPhone halte, antwortete er belustigt, nie im Leben werde das iPhone einen nennenswerten Marktanteil erlangen. Keine Tastatur, ergo schlechte Mail-Maschine, horrender Preis. Tatsächlich hat Apple seit der Lancierung 2007 über 2.5 Milliarden iPhones verkauft. In der Schweiz beträgt der Marktanteil mittlerweile stolze 46 %. Steve Ballmer unterlag einer kolossalen Fehleinschätzung.

Philipp Loretz, Mitglied der Condorcet-Redaktion, Sekundarlehrer,  Präsident lvb, Mitglied des Bildungsrats des Kt. Baselland
Bild: fabü

2011 kündigten die Verantwortlichen von Passepartout die Revolutionierung des Fremdsprachenerwerbs an. Doch der Zaubertrank in Gestalt der sogenannten Didaktik der Mehrsprachigkeit und der Lehrmittel «Mille feuilles» resp. «Clin d’oeil» fiel gleich in vier wissenschaftlichen Studien durch. Bei der Überprüfung der Grundkompetenzen ÜGK verfehlten 89 % der Passepartout-Kinder das erklärte Ziel im Bereich Sprechen. Nach Einführung der Lehrmittelfreiheit im Kanton Baselland 2019 sank der Marktanteil von «Clin d’oeil» auf einen Schlag in die Bedeutungslosigkeit. Die Projektleitung, die Bildungsdirektoren und die Bildungs-«Experten» aus dem Dunstkreis der Pädagogischen Hochschulen ereilte das gleiche Schicksal wie Steve Ballmer: Sie waren einem monumentalen Irrtum aufgesessen.

1884 gründete Karl Elsener die Gemeinschaft für Messerschmiede. Ob er den universellen Einsatz von Messer und Gabel als unverzichtbare Tischutensilien vorausgesagt hatte, entzieht sich meiner Kenntnis. Jedenfalls existiert die Firma «Elsener Messerschmied AG» heute noch und stellt bereits in der achten Generation u.a. Messer und Gabeln her. Der «Marktanteil» der beiden «Esswerkzeuge» dürfte in der westlichen Welt den Traumwert von nahezu 100 % erreicht haben. Karl Elsener hatte also auf das richtige Pferd gesetzt.

Ich bin überzeugt, dass der Mensch auch in 100 Jahren seine Nahrung mit dem Messer zerkleinern und mit der Gabel zum Mund führen wird. Frei nach Bestseller-Autor Rolf Dobelli: «Was sich über Jahrhunderte gegen den Innovationssturm behauptet hat, wird sich wohl auch in Zukunft behaupten.»

Als Meister ihrer Fächer verstehen sie es, Unterrichtsinhalte lebendig zu vermitteln. Dank eines reich gefüllten Methodik-Didaktik-Koffers sind sie in der Lage, auch komplizierte Sachverhalte anschaulich und verständlich zu erläutern und lassen ihren Schülerinnen und Schülern ausreichend Zeit, das Gelernte zu vertiefen und ausgiebig zu üben.

Verlässliche Konstanten sind auch in dem von Neomanie geprägten Bildungswesen von grosser Bedeutung. Lernen auf Beziehungsebene erfordert physische Präsenz. Die Schülerinnen und Schüler haben ein Recht auf verlässliche und fähige Lehrpersonen, die sich auch in Zukunft durch die folgenden drei Hauptmerkmale auszeichnen:

Sie verfügen über pädagogisches Geschick, haben ein offenes Ohr für die Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen und pflegen deshalb einen altersgerechten Unterrichtsstil. Als Meister ihrer Fächer verstehen sie es, Unterrichtsinhalte lebendig zu vermitteln. Dank eines reich gefüllten Methodik-Didaktik-Koffers sind sie in der Lage, auch komplizierte Sachverhalte anschaulich und verständlich zu erläutern und lassen ihren Schülerinnen und Schülern ausreichend Zeit, das Gelernte zu vertiefen und ausgiebig zu üben. Oberflächlich-aktionistische Sightseeing-Pädagogik dagegen ist ihnen ein Graus.

Auch wenn forschungsverliebte Dozierende die Nase rümpfen: Unterrichten ist zu einem beträchtlichen Teil Handwerk.

Bekanntlich fallen gute Lehrpersonen nicht vom Himmel. Pädagogische Hochschulen, welche sich ihrer grossen Verantwortung für den Bildungserfolg in unserem Land bewusst sind, sorgen mit seriösen Assessments dafür, dass geeignete junge Menschen den Weg in den Lehrberuf finden. Die fachwissenschaftliche Ausbildung stellt sicher, dass die angehenden Lehrpersonen über ein solides und stufengerechtes Fachwissen verfügen. Dabei gilt es, Augenmass zu halten. Literatur in allen Ehren, aber Englischlehrer an der Volksschule müssen in erster Linie die englische Sprache beherrschen. Und von Sek I-Physiklehrpersonen wird nicht erwartet, dass sie Astronauten ausbilden können.

Auch wenn forschungsverliebte Dozierende die Nase rümpfen: Unterrichten ist zu einem beträchtlichen Teil Handwerk. Eine praxisorientierte Ausbildung in Methodik und Didaktik gehört deshalb zum Pflichtprogramm. Der von manchen PH-Vertretern gebetsmühlenartig wiederholte Vorwurf der Rezepthaftigkeit greift definitiv nicht.

Erfolgreiche Pädagoginnen und Pädagogen mit Realitätssinn

Zugegeben: Unterrichtserfahrung ist noch keine Garantie für eine erfolgreiche Lehrtätigkeit als Fachdidaktikdozent. Mangelnde oder fehlende Unterrichtserfahrung hingegen ist – von wenigen Ausnahmen abgesehen – ein Garant für praxisferne Konzepte wie bspw. die eingangs erwähnte Mehrsprachigkeitsdidaktik oder pseudowissenschaftliche pädagogische Konzepte, die Primarschulkinder wie Erwachsene behandeln. Überzogene Selbstorganisation, inflationäre individuelle Lernarrangements oder psychometrische Kompetenzraster lassen grüssen. Nein, wir brauchen in der Lehrerbildung keine realitätsfernen Technokraten, sondern erfolgreiche Pädagoginnen und Pädagogen mit Herzblut und Realitätssinn.

Wie angehende Lehrpersonen zu einem tragfähigen Praxiswissen und solidem Berufskönnen befähigt werden, zeigt das neue Studienmodell der Hochschule für agile Bildung HfaB in Zürich, das Carl Bossard in seinem Artikel «Das Gleiche anders machen» [1] erfrischend beleuchtet. Prädikat: Strengstens lesenswert!

P.S.: Fast hätte ich es vergessen: Neben Messer und Gabel ist natürlich auch der Löffel fester Bestandteil des Bestecks, damit wir die Kürbissuppe auch in ferner Zukunft geniessen können. Das Auslöffeln der Suppe, die uns (notorisch rechthaberische) Bildungspropheten eingebrockt haben, überlasse ich allerdings lieber dem «Bullshit-Filter der Geschichte» (Nassim Nicholas Taleb).

[1] https://condorcet.ch/2023/11/das-gleiche-anders-machen/

Dieser Artikel ist zuerst in der Verbandszeitschrift des Lehrerinnen- und Lehrervereins Baselland LVB erschienen: https://lvb.ch/lvbinform/ausgabe/2023-24-02/

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Condorcet-Auto Hanspeter Amstutz, mittlerweile pensionierter Volksschullehrer aus dem Kanton Zürich, Mitbegründer der Starken Volksschule Kanton Zürich, arbeitet seit Jahrzehnten daran, die Schule gegen unsinnige Reformen zu verteidigen und sie somit wieder auf die Füsse zu stellen. Alle zwei Wochen geben er und seine Mitstreiter eine Sammlung interessanter Bildungsartikel aus der schweizerischen Presslandschaft heraus. Diese werden jeweils mit einem Newsletter angekündigt. Wir weisen immer auf diesen Newsletter in unserem Lila-Kasten “Unsere Starken” hin. Für einmal aber wollen wir Ihnen, liebe Condorcet-Leserinnen und -Leser, den Newsletter als Condorcet-Beitrag in der ganzen Länge zur Verfügung stellen. Es ist unser Obulus an die einmalige Schaffenskraft dieses Pädagogen und Menschenfreundes, aber auch eine Anerkennung an die Leistung seiner Mitstreiter. Einige der vorgestellten Artikel finden Sie auch auf unserem Blog, die anderen können auf der Webseite der “Starken Schule Zürich” heruntergeladen werden.

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