Schule im Film

O Captain! My Captain!

John Keating oder Zeki Müller: Wer inspiriert junge Menschen für den Lehrberuf? Roger von Wartburg erinnert und wundert sich.

Wenn ich darüber nachdenke, was mich damals als angehender Maturand dazu bewog, Lehrer werden zu wollen, so komme ich – neben meiner Begeisterung für Sprachen und Bücher – um zwei Elemente nicht herum: meinen formidablen Gymnasiallehrer Nik L., dem ich nach seinem Tod bereits einen eigenen Text im «lvb inform» gewidmet hatte[1], sowie Peter Weirs Coming of Age-Film «Dead Poets Society», in dem der Englischlehrer John Keating, dargestellt von Robin Williams, zur prägenden Figur seiner Schüler an einem erzkonservativen Internat in Vermont wird. Ich würde gar behaupten, dass der reale Nik L. und der fiktive John Keating hinsichtlich ihrer wichtigsten Wesensmerkmale nahezu identisch waren.

Im Film, der 1989 Premiere feierte, vermag es Keating, seinen Schützlingen durch unkonventionelle Methoden das selbständige, freie Denken, das Reflektieren der eigenen Persönlichkeit sowie die Schönheit und Kraft der Literatur, insbesondere der Lyrik von Henry Davis Thoreau, Walt Whitman oder Robert Frost, näherzubringen und sie zu ermutigen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Keiner seiner Schüler ist stärker von Keatings Maximen angefacht als Neil Perry, der seine Passion für das Theater entdeckt und Schauspieler werden will, sich damit jedoch gegen die Pläne seines autoritären Vaters stellt, der eine ganz andere Zukunft für den Sohn vorgesehen hat. Als der Vater Zeuge wird, wie sein Sohn die Rolle des Puck in Shakespeares «Sommernachtstraum» mit grossem Erfolg spielt, reagiert er ungehalten und droht Neil an, ihn von der Schule zu nehmen und stattdessen auf eine Militärakademie zu schicken. Verzweifelt nimmt sich Neil in der folgenden Nacht das Leben.

Keating wird von der Schulleitung und Neils Vater zum Sündenbock gestempelt und suspendiert. Als er in der legendären Schlussszene des Films persönliche Dinge aus dem Schulzimmer holt, steigt der Schüler Todd Anderson auf sein Pult und ruft dem Lehrer anerkennend die von ihm bevorzugte Anrede «O Captain! My Captain!» (abgeleitet von Whitmans Gedicht, das Abraham Lincoln gewidmet ist) nach. Weitere Schüler schliessen sich an und steigen auf ihre Pulte, was der erboste Schulleiter Nolan vergeblich zu unterbinden versucht.

Dead Poet Society mit Hauptdarsteller Robin Williams

Auch wenn gewisse Sequenzen des Films im Rückblick etwas pathetisch wirken mögen, so muss ich doch gestehen, wie sehr er mich in jungen Jahren zu beeindrucken vermochte. Keating gelang es, für seine Heranwachsenden Inspiration und Richtschnur, Denkanstoss und Konterpart zu sein. Erschien es nicht überaus erstrebenswert, in seinem späteren Leben einer solchen Tätigkeit nachzugehen und im Idealfall eine ähnliche Wirksamkeit zu erlangen? Ja, diese Vorstellung übte unzweifelhaft eine grosse Anziehungskraft aus.

Bald 30 Jahre später sind meine Erinnerungen an «Dead Poets Society» wieder sehr lebendig geworden, doch nicht aus nostalgischen Gründen. Anlass dafür waren vielmehr die Aussagen mehrerer Quellen, wonach ein junger Lehrer ihnen an einem Elterninformationsabend berichtet habe, für ihn sei der Film «Fack ju Göhte» eine Inspiration gewesen, den Lehrberuf zu ergreifen.

Kann das ernst gemeint sein? Von «Dead Poets Society» zu «Fack ju Göhte» innerhalb einer Generation? Ist das die Fallhöhe? Ist es Zeit für mich, um leise zu heulen?

Heul leiser!

Moment mal! «Fack ju Göhte»!? Eine deutsche Komödie aus dem Jahr 2013, in welcher der Bankräuber Zeki Müller sich als Aushilfslehrer anstellen lässt, um an die unter der Turnhalle besagter Schule verborgene Beute zu kommen? Unkonventionelle Methoden, wenn auch gänzlich anders geartet als jene von Keating, mag man allenfalls auch Zeki Müller im Umgang mit seiner wenig bildungsaffinen Schülerschaft attestieren («Chantal, heul leise!») – aber diese Filmfigur als Inspiration für unseren Berufsstand im echten Leben?

Kann das ernst gemeint sein? Von «Dead Poets Society» zu «Fack ju Göhte» innerhalb einer Generation? Ist das die Fallhöhe? Ist es Zeit für mich, um leise zu heulen? Oder bin etwa ich selbst in der Zwischenzeit zum Typus des Schulleiters Nolan geworden, der die Herangehensweise Jüngerer nicht begreifen kann?

Und während ich darüber sinnierte, stiess ich auf einen Clip des amerikanischen Stand-up-Comedians Jim Gaffigan, der darüber spricht, wie seine Tochter im Teenageralter ihm unlängst mitgeteilt habe, sie wolle Schauspielerin werden. Dies wiederum erinnerte Gaffigan an «Dead Poets Society», den er selbst als Teenager gesehen hatte. Seine Einschätzung des Films jedoch habe sich seither gewandelt, gerade was die Rolle von Neils Vater betrifft: «Now that I’m the parent of a teenager, I realize that Dad in the Dead Poets Society was right. – I’m kidding. I know the point of the movie is: Don’t be a teacher!»

But O heart! heart! heart!
O the bleeding drops of red,
Where on the deck my Captain lies,
Fallen cold and dead.

 

[1] Roger von Wartburg: Mein Freund Nik – Erinnerungen an den besten Lehrer, den ich hatte; lvb inform 2017/18-01

 

 

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