Die Zusammensetzung der Gesprächsrunde und ein Moderator mit pädagogischer Bodenhaftung sorgten dafür, dass wesentliche Fragen zum aktuellen Zustand der Volksschule zur Sprache kamen.
Jeder Satz von Philipp Loretz bewies, dass er wusste, was machbar war und wo man Gefahr lief, Wunschprogrammen nachzujagen.
Überzeugt hat Philipp Loretz. Er hat nichts beschönigt und im Gegensatz zur Vertreterin der Pädagogischen Hochschulen verlangte er keine weiteren Analysen um herauszufinden, wo der Schuh drückt. Als Schulpraktiker und Präsident des Baselbieter Lehrervereins war er bestens im Bild und machte klare Vorschläge, was jetzt zu tun ist: Nur eine Frühfremdsprache, Durchforsten des überladenen Lehrplans, Neuorientierung an Bildungsinhalten statt an Kompetenzen und flexible Lösungen bei der Integrativen Schule unter Einbezug von Förderklassen. Jeder Satz von Philipp Loretz bewies, dass er wusste, was machbar war und wo man Gefahr lief, Wunschprogrammen nachzujagen.

Markus Somm hatte die Rolle des Advocatus Diaboli übernommen. Er hat sich wirklich nicht gescheut, alle faulen Stellen unseres Bildungssystems aufzudecken. Als selbst deklarierter Nicht-Fachmann (aber Vater von fünf Kindern) konnte er ziemlich hemmungslos seine Kritik anbringen. Diese schoss teils völlig übers Ziel hinaus. Doch seine klare Kernbotschaft, dass die Schule ihren Leistungsauftrag in Deutsch und Mathematik wieder ins Zentrum stelle müsse, war unüberhörbar und beeinflusste den Verlauf der Diskussion durchaus positiv.
Die Präsidentin des ZLV, Lena Fleisch, betonte die Heterogenität der heutigen Schulklassen und den hohen Anteil von Kindern mit speziellem Förderbedarf. Die Gesellschaft erwarte, dass empathische Lehrpersonen jedes Kind auf individuellen Lernwegen bestens förderten. Diese Herausforderung wurde von Markus Somm wenig beachtet. Er konterte mit der Feststellung, dass die vielen Spezialbehandlungen und die übertriebene Individualisierung es der Schule enorm erschwerten, ihren Auftrag zu erfüllen. Es brauche dringend wieder bessere Resultate in den Hauptfächern, damit möglichst viele Schulabgänger gute Chancen in Berufslehren und Mittelschulen hätten.
Die ganze Diskussion verlief recht farbig. Vorstellungen über einen auf gute Betreuung und Individualisierung ausgerichteten Unterrichtsstil rieben sich mit den Zielsetzungen einer stark leistungsorientierten Schule. Manches Votum blieb zwar vage, doch es war kaum zu überhören, dass die Schule nur mit einer deutlichen Kursänderung aus ihrer aktuellen Krise herauskommen kann.


Solange eine Vertreterin der PH-Fraktion ihre inzwischen verstaubten Ideologien immer noch frisch fröhlich verbreiten darf, sekundiert von der Vertreterin des Lehrpersonenverbandes jenes Kantons, der dem Lehrpersonal die höchsten Gehälter zahlt, dieses jedoch noch mehr fordert – solange hat man den Ernst der Lage leider noch nicht erkannt und Somms Schuss vor den Bug nicht wirklich wahrgenommen. Und nein – dieser Schuss schoss nicht übers Ziel hinaus – er traf voll ins Schwarze.
Die PH-Vertreterin vertrat pointiert nur eine Verbesserungsmassnahme: eine höhere Professionalisierung der Lehrpersonen. Damit unterstellte sie den heutigen Lehrpersonen, sie hätten die Fähigkeit nicht, die Anforderungen der reformierten Schule zu erfüllen. Eine Beleidigung des heutigen Berufsstandes, der bereitwillig alle Entwicklungen und Veränderungen stets mitgemacht hat. Für jemanden, der sich auf Forschung und Wissenschaft beruft, ist diese Argumentation beschämend, denn dass „bessere“ Lehrpersonen die Schulleistungen steigern würden, ist reine Spekulation. Dafür gibt es keine wissenschaftlichen Beweise. Diese könnten nur eine Vergleichsstudie liefern zwischen ähnlich zusammengesetzten Klassen, die einerseits von PH-Dozierenden und andererseits von „gewöhnlichen“ Lehrkräften während eines Jahres unterrichtet würden. Zum Resultat einer solchen Studie wage ich selbst eine Spekulation: Die Studie müsste abgebrochen werden wegen Burn-Outs der PH-Dozierenden!
Ergänzend zu den unterschiedlich klaren beziehungsweise schwammigen Voten ist noch anzufügen, was in der Sendung leider keine Erwähnung gefunden hat oder unter den Teppich gekehrt und dort geblieben ist. Erstens ist die mangelnde Autorität und die Unlust vieler Lehrerinnen und Lehrer, Kinder und Jugendliche bei störendem Verhalten zu sanktionieren, darin zu begünden, dass sie nach wie vor politisch dem linken Lager zuzuordnen sind. Zweitens wurde – zumindest an der Zürcher – Volksschule eine wesentliche Grundlage für eine gute Weiterentwicklung mancher Kinder entzogen, indem die Sonderklasse A abgeschafft wurde, in der der Lernstoff der 1. Primarschulklasse während zwei Jahren vermittelt werden konnte. Und drittens floss die oft fragwürdige Rolle von Schulleitungen bedauerlicherweise mit keinem Wort in die Sendung ein – warum Gesprächsleiter Reto Brennwald diesen Punkt nicht ansprach, bleibt offen, und ein ungutes Gefühl bleibt zurück.
Diagnose richtig, Therapie verweigert
Die Standpunkte-Sendung zeigte exakt, warum die Volksschule im Schlamassel steckt: Über die Probleme wird genickt, doch bei den Ursachen läuft reflexartig die Systemverteidigung an.
Erfrischend ehrlich war Philipp Loretz: Er benannte, dass Frühfremdsprachen, überladener Lehrplan und verordnete Individualisierung Teil des Problems sind. Was jedoch fehlte, war die ungeschminkte Stimme aus dem Schulzimmer, ohne Verbandsbrille und Ämtli.
Vier unbequeme Fragen hätten gestellt werden müssen:
Realität: Was passiert von Montag bis Freitag tatsächlich im Unterricht?
Methode: Wann geben wir endlich zu, dass selbstorganisiertes Lernen, Wochenpläne und Lernlandschaften gerade die Schwachen vollends abhängen?
Rolle: Brauchen Kinder unfertige Lerncoaches oder klare Führung im Schulzimmer?
Ideologie: Wie viel PH-Romantik verträgt die Unterrichtsqualität und das gesamte Schulsystem überhaupt noch?
Analysen haben wir genug. Wer die Volksschule retten will, muss den Mut haben, gescheiterte Rezepte wieder abzuschaffen.