31. März 2026
Frage an die Wissenschaft

Was braucht es, damit ein 10-Jähriger so einen Schulaufsatz schreiben kann?

Man stelle sich kurz vor, was für ein Bildungssystem nötig wäre, damit ein Zehnjähriger heute einen solchen Text schreiben könnte:

“(__) Unser lieber König beehrte Naumburg mit einem Besuch.
Große Vorbereitungen wurden hierzu getroffen. Die ganze Schuljugend war mit schwarzen und weißen Schleifen geschmückt und harrte sehnlich des Landesvaters und war von früh 11 Uhr auf dem Marktplatz aufgestellt. Allmählich trübte sich der Himmel, es ergoss sich ein Regen über uns all – der König wollte nicht kommen.
Es schlug 12 – der König kam nicht; bei vielen Kindern stellte sich Hunger ein. Es regnete von neuem, alle Straßen wurden in Schmutz verwandelt; es schlug 1 – die Ungeduld stieg aufs höchste. Endlich um 2 begannen plötzlich alle Glocken zu läuten, der Himmel lächelte mit Tränen im Blick nieder auf die freudig wogende Menge. Da hörten wir die Wagen rasseln, ein tobendes ›Hurra: durchbrauste die Stadt, jauchzend schwangen wir die Mützen und brüllten nach Vermögen unserer Kehlen mit. Ein lustiger Wind setzte die unzähligen Fahnen, die von den Dächern herabwinkten, in Bewegung, die gesamten Glocken brummten, die mächtige Menschenmasse schrie und tobte und schob förmlich die Wagen nach dem Dome zu. Dort waren in den Kirchennischen eine große Anzahl kleiner Mädchen in weißen Kleidern und mit Blumenkränzen im Haar pyramidal aufgestellt. Der König stieg hier aus.”

Vermutlich ein gigantisches Projekt: Milliardenbudgets, Heerscharen von Pädagogen, Schulpsychologen, Sozialarbeitern, Lerncoaches, Förderprogrammen, Team-Teaching, Kompetenzrastern und Evaluationsgremien. Alles perfekt abgestimmt auf das Wohl des Kindes – selbstverständlich streng abgeschirmt vom störenden Einfluss der Eltern. Der Staat müsste die volle pädagogische Hoheit übernehmen.

Und selbst dann würde man wohl nach einigen Jahren eine Studie veröffentlichen, die zeigt, dass wir auf einem guten Weg sind, aber leider noch deutlich mehr investieren müssen.

Der kleine Haken an der Sache:
Der Text stammt aus dem Jahr 1854. Geschrieben von einem Zehnjährigen.

Er hiess Friedrich Nietzsche.

Offenbar konnte man damals – ohne Milliardenprogramme, ohne Bildungsreformen im Fünfjahresrhythmus und ohne pädagogische Begleitforschung – Kinder hervorbringen, die mit zehn Jahren präziser schreiben als heute mancher Studienabgänger.

Hinzuzufügen wäre, dass Nietzsches Vater damals schon seit 5 Jahren tot war. Nietzsches Mutter war alleinerziehend Witwe und lebte sehr bescheiden von einer Pension.

 

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3 Kommentare

  1. Nietzsche war hochbegabt, wäre hier anzufügen. Er würde wahrscheinlich (sogar) in der heutigen Schule beeindruckende Aufsätze schreiben.

    1. Ich kann Ihnen gerne meine Aufsätze zeigen, die ich in der Primarschule geschrieben habe. Ohne zu bluffen, wage ich zu behaupten, dass das in der heutigen Schule kaum mehr möglich ist – auch was die Rechtschreibung anbelangt.

      1. Sehr vereinzelt treffe ich sie in meinen Klassen noch an: die Leseratten, die ihre Gedanken überzeugend und vielfältig in Worte fassen können. Diese Fähigkeit erodiert allerdings in der Tat und in besorgniserregender Weise. Repräsentativ ist das obige Beispiel trotzdem nicht. Interessant wäre zu lesen, was und wie Nietzsches Klassenkameraden im selben Aufsatz schrieben.

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