27. Februar 2026
Die Bildungspolitik des "immer mehr"

Besser weniger, weniger besser

Der Mathematik- und Chemielehrer am Gymnasium Leonhard in Basel, Mario Gerwig, verfolgt mit gepflegtem Amüsement und scharfer Analyse die Manie der Bildungsbürokratie, die Schule mit immer neuen Reformprojekten zu fluten.

Dr. Mario Gerwig, Jg. 1984, ist seit 2011 Lehrer für Mathematik und Chemie am Gymnasium Leonhard Basel. 

WEGM, LPKD, BfKS – nur drei Akronyme, die exemplarisch für eine Reihe neuer Projekte und Reformen stehen, welche die Schulen in den letzten Jahren erreicht haben. Immer werden diese meist gut gemeinten Vorhaben begleitet von Neuerungen, die es zu implementieren gilt: Neue Unterrichtsfächer, digitale Prüfungen, Vergleichsarbeiten. Doch schon der Volksmund weiss, dass „gut gemeint“ meistens das Gegenteil ist von „gut gemacht“. Und tatsächlich ist es paradox: Trotz der vielen Neuerungen, welche die Schulen in den letzten rund zehn Jahren erreichten, trotz der vielen grösseren und kleineren Reformen mit all ihren Begleitimplementierungen gibt es keine einzige Schulleistungsstudie, die zeigt, dass in den Schulen auch nur irgendetwas qualitativ besser geworden ist. Das einzige, was kontinuierlich steigt, ist die Belastung von Lernenden und Lehrenden. Und wenn man nun die Strategie Bereich Mittelschulen und Berufsbildung (2025) des Basler Erziehungsdepartements liest – laut Selbstbeschreibung skizziere sie die „zentralen Ziele und Entwicklungsfelder des Bereichs Mittelschulen und Berufsbildung im Kanton Basel-Stadt“, fokussiere „passgenaue Bildungswege, lebenslanges Lernen und eine starke Berufsbildung“, fördere „die gymnasiale und fachmaturitäre Weiterentwicklung sowie die digitale Transformation“ bei einer „chancengerechten Förderung aller Jugendlichen und Erwachsenen“ und bilde so insgesamt die „Grundlage für ein zukunftsorientiertes, durchlässiges und vernetztes Bildungssystem“ –, geht es genau so weiter: Denn diese Strategie lässt mit einer Misstrauen erweckenden Ansammlung an Adjektiven und Plastikwörtern erahnen, dass hier noch einige „Innovationen“ in den Schubladen liegen. „Weiterentwicklung der gymnasialen Maturität“, „Förderung moderner Unterrichts- und Prüfungsformate“, „zukunftsorientiertes und praxisnahes Bildungsangebot im Kontext des digitalen Wandels“ – Stichworte, die aufhorchen lassen.

Wann werden eingeführte Dinge evaluiert, wie wird man Sachen wieder los, die nachweislich nicht den gewünschten Erfolg bringen oder sogar kontraproduktiv sind, wie kann Schule endlich aufhören, das zu tun, was nicht funktioniert?

Doch wer immer mehr in den Korb hineinlegt, sollte auf der anderen Seite auch Vorschläge dafür machen, was herausgenommen werden kann. Wann werden eingeführte Dinge evaluiert, wie wird man Sachen wieder los, die nachweislich nicht den gewünschten Erfolg bringen oder sogar kontraproduktiv sind, wie kann Schule endlich aufhören, das zu tun, was nicht funktioniert?

In Design (Less is More), Wirtschaft (Reduce to the max) und Medizin (Choosing Wisely) ist der Ansatz „Besser weniger, weniger besser“ schon längst etabliert. De-Implementierung als Leitidee – das hätte man sich von einer „Strategie“ gewünscht.

 

Quelle:

Erziehungsdepartement Kanton Basel-Stadt (2025): Strategie Bereich Mittelschulen und Berufsbildung. Link: https://www.bs.ch/publikationen/strategie-bereich-mittelschulen-und-berufsbildung

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Ein Kommentar

  1. Es gibt ein Trippelrezept, wie Schule wieder gesunden kann:
    1. Den PHs wird die Deutungshoheit über das Unterrichten ein für allemal entzogen. Das Wort “Experte” wird in diesem Zusammenhang verboten.
    2. Die Basis, sprich Lehrpersonen und Schulleitende, widersetzen sich ab sofort jeglicher Reformitis. Was in dieser Hinsicht von oben kommt, prallt ab.
    3. Jede Schule evaluiert selbst ihren Unterricht und initiiert Verbesserungen – auch back to the future.
    So kommts gut!

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