23. Januar 2026
Rechnen in der Grundschule

Wenn Bildungsbürokraten über einfache Mathematik reden

Niedersachsen will Grundschüler künftig nicht mehr überfordern und ihnen deshalb das schriftliche Dividieren ersparen. Die Begründung des Kultusministeriums in Hannover klingt wie Satire. Der Beitrag ist zuerst in der WELT erschienen.

 

Mathematik schafft es selten auf die Seite 1. Es sei denn, die Schüler haben wieder in zu großer Zahl bei Bildungstests, internationalen wie nationalen, erschütternd schlecht abgeschnitten. Wie die Schande besiegen? Fordere weniger von den Kleinen, dann werden sie glänzen! Ihr müsst nicht zeigen, was ihr nicht könnt – und schon sind die Defizite beseitigt. In diesem Sinne und nach Vorgaben der Kultusministerkonferenz hat das Kultusministerium Niedersachsen für das Schuljahr 2026/27 die Abschaffung des schriftlichen Dividierens in der Grundschule angekündigt.

Die Laien, sprich, Durchschnittseltern sind verwirrt. Sollten in der Grundschule nicht neben Lesen und Schreiben auch die vier Grundrechenarten gelehrt und gelernt werden? Hinzufügen, Abziehen, Malnehmen und Teilen – für die gelehrten Bildungsverwalter: Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division. Dieses Quartett stand seit Urzeiten im Zentrum des Grundschul-Curriculums. Vorbei. Das schriftliche Dividieren wird jetzt in die weiterführenden Klassen 5 und 6 verlegt. Die Begründung dafür lautet: “Komplexität und Fehleranfälligkeit”.

Das Kultusministerium ist um schwurbelnde Begründungen nicht verlegen.

 

Komplex und fehleranfällig ist allerdings auch die deutsche Rechtschreibung. Philosophie mit “ph”, Telefon mit “f”. Mal herrscht das “ß” mal das “ss”. Früher schrieb man darum regelmäßig Diktate. Komplex und fehleranfällig sind auch Autos oder Computer, nicht zu reden von der ersten oder zweiten Fremdsprache. Das russische Alphabet hat vier unterschiedliche Buchstaben nur für Zischlaute. Noch komplexer und fehleranfälliger sind das kyrillische und altgriechische Alphabet. Also besser weder Russisch noch Altgriechisch lernen. Weg mit diesen beiden Sprachen – oder für die Universität aufheben?

Angesagtes Bürokratensprech

Das Kultusministerium ist um schwurbelnde Begründungen nicht verlegen. “Der Erwerb mathematischer Kompetenzen ist eng verbunden mit übergreifenden Zielen zur Entwicklung der Persönlichkeit und des sozialen Lernens wie der Kooperationsfähigkeit, der Fähigkeit zur Organisation des eigenen Lernens.” Die Eltern der Viertklässler kratzen sich am Kopf.

Inwieweit das schriftliche Dividieren die Entwicklung der Persönlichkeit hemmt, ist nicht klar. Es ist angesagtes Bürokratensprech. Machen wir es einfacher! Gerade weil das schriftliche Dividieren so fehleranfällig sei, sollte die Grundschule den Kindern Division vor allem als “Aufteilen und Verteilen” beibringen. Wer soll das verstehen?

“Für das Fach Mathematik ist die Verfügbarkeit von Verstehensgrundlagen und Grundfertigkeiten für ein verständiges und nachhaltiges Weiterlernen von besonderer Bedeutung”, so das Kultusministerium. Wenn “nachhaltiges Weiterlernen” so wichtig ist, warum kann auf das “halbschriftliche Dividieren” nicht das vollschriftliche Dividieren folgen? Haben die lieben Grundschüler erst einmal das “Stellenverständnis” (Tausender, Hunderter, Zehner) verinnerlicht, wäre das vollschriftliche Dividieren eigentlich nur der nächste logische Schritt.

Alles ist „von hoher Komplexität“

Leider gehen nicht alle Teilungen glatt auf, dann gibt es einen Rest oder eine Stelle hinterm Komma. Doch auch die mathematische Kommaschreibe im Grundschulalter erscheint dem Ministerium “von hoher Komplexität”. Und so wird auch das Komma gestrichen. Die Kommaschreibweise soll nur dort angewendet werden, “wo sie für Kinder eine unmittelbare Bedeutung besitzt, beispielsweise beim Umgang mit Geld”.

Wieder kratzt man sich am Kopf. 95,50 Euro sind okay, 95,5 Zentimeter sind es nicht? Warum? Aus Sicht des Kultusministeriums überfordere es die Kinder, jenseits des Geldes mit dem Komma zurechtzukommen. “Die verschiedenen Größenbereiche Geld, Längen, Gewichte weisen dabei trotz ihrer gemeinsamen dekadischen Logik in ihrer Bedeutungsstruktur und Einheitenbenennung erhebliche Unterschiede auf. Diese Unterschiede erschweren Schülerinnen und Schülern das Verständnis und die sichere Umwandlung von Größenangaben in unterschiedlichen Schreibweisen.” Der Laie sagt “Bullshit”. Das Kindergartenkind, das mit dem Zollstock den Vater in den Baumarkt begleitet und fleißig Bretter „ausmetert“, ist offensichtlich nicht “überfordert”. Neunjährige können schon checken, was einer wiegt, wie groß er ist und wieviel Taschengeld ein anderer hat. Das kindliche Hirn schafft das.

Fortan wird es statt des schriftlichen Dividierens, dem komplexen, fehleranfälligen, mit dem langen Zahlen-Schwanz unter der Aufgabe, das “halbschriftliche Teilen” geben.

 

Japanische Kinder, die im Ausland Schulen besuchen, werden samstags gern in eine eintägige japanische Schule geschickt. Nicht nur, um ihr schriftliches Japanisch zu festigen, sondern auch um ihre Mathematikkenntnisse zu fördern. Vertrauen in den Unterricht anderer Länder haben japanische Eltern offenbar nicht. Zu Recht! In der international vergleichenden Pisa-Studie von 2022 liegen die japanischen Schüler ganz vorn, gleich hinter Singapur. Mit 536 Punkten liegen sie weit über dem OECD Durchschnitt von 472 Punkten, den auch Deutschland erreicht. Am niederen IQ deutscher Kinder wird das nicht liegen.

Zerlegen und addieren

Fortan wird es statt des schriftlichen Dividierens, dem komplexen, fehleranfälligen, mit dem langen Zahlen-Schwanz unter der Aufgabe, das “halbschriftliche Teilen” geben. 2126:2 wird in seine Einzelteile zerlegt. 2000:2, 100:2, 20:2, 6:2. Dann wird alles fein addiert. Die niedersächsische Kultusministerin sieht darin ein Plus. Dem “Spiegel” erklärte die Grünen-Politikerin, dass der Bildungsanspruch nicht abgesenkt, sondern durch die “didaktische zeitliche Verschiebung” (in die Sekundarstufe 1) “qualitativ erhöht” werde. Also: Wer zu früh das altmodische Teilen lernt, verstehe es nicht und hätte es beim Übergang in die 5. Klasse vergessen.

Niedersachsen, das im letzten Bildungsmonitor auf Platz 10 von 16 Bundesländern landete, mit “besonderer Schwäche in Mathematik-Mindeststandards”, wird – so die verquere Logik – fortan mit verschobener schriftlicher Division an allen anderen Bundesländern vorbeirauschen. Was sagt dazu Sachsen, die Nr. 1 im Bildungsmonitor 2025? Man werde das schriftliche Dividieren in der Grundschule nicht aufgeben, lautet die knappe Begründung des Kultusministers Conrad Clemens (CDU). Es sei ein wichtiges Lernziel. Der Spitzenplatz gibt ihm Recht.

 

Legende Titelbild: Ein Viertklässler löst Mathematik-Aufgaben (Quelle: picture alliance/dpa/Bernd Weißbrod)

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Condorcet-Autor Roland Stark, ehemaliger Partei- und Grossratspräsident der SP-Basel, war lange Jahre Kolumnenschreiber in der BAZ. Der Condorcet-Blog konnte davon profitieren, wenn der ehemalige Heilpädagoge Roland Stark hin und wieder über Bildung schrieb. Nun wurde er – mangels Klicks – aussortiert. Wir veröffentlichen hier seine letzte Kolumne in der BAZ, natürlich in der Hoffnung, dass er nun vermehrt für unseren Blog schreiben wird. Sein Beitrag hat zwar mehr mit dem heutigen Journalismus und den Medien als mit der Bildung zu tun. Die Redaktion hat sich dazu entschlossen, diesen Text dennoch zu veröffentlichen. Ein Grund ist natürlich, dass auch wir vom Condorcet-Blog uns diesem Druck von Klicks nicht ganz verschliessen können.

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