11. Januar 2026
Ist unsere Schule zu links?

Nicht die linken Lehrkräfte sind das Problem, sondern das falsche Berufsverständnis

Die Debatte über allzu linke Lehrkräfte wurde durch eine Maturarbeit dreier Aargauer Schüler vor zwei Jahren befeuert. Seitdem werden in den eidgenössichen und kantonalen Parlamenten Vorstösse eingereicht, die die Neutralität des Unterrichts verlangen. Das sei ein Mythos, meint Condorcet-Autor Alain Pichard – selber Politiker, und sieht das Problem eher in einem falschen Berufsverständnis.

Vor einigen Jahren zweifelte der 9. Klässler Frédéric* meine im Unterricht vermittelte Evolutionslehre von Darwin an. Das war kein Wunder, denn er wuchs in einem streng religiösen Haushalt auf. Ich beginne diese Unterrichtseinheit jeweils mit der Genesis des Alten Testaments und konfrontiere die Klasse mit den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Fossilienlücken und Zeitberechnungen

Frédéric zeigte mir eine Broschüre, welche mehr oder weniger die Idee des Kreationismus beinhaltete. Ich mochte diesen aufgeweckten Jungen. Zuerst überlegte ich kurz, ob er mir einen Streich spielen wollte. Als ich bemerkte, dass es ihm ernst war, schlug ich ihm vor, der Klasse einen Vortrag zu halten, in welchem er seine Sicht der Dinge darlegen konnte.

Alain Pichard, Lehrer, Grossrat, Mitglied der kantonalen Bildungskommission: Es geht um Mündigkeit!

Eine Sternstunde

Dies tat er denn auch, und zwar ganz passabel. Natürlich säte er die altbekannten Zweifel, erwähnte die berühmten fossilen Lücken und stellte vor allem die Technik der Altersbestimmungen in Frage, die berühmte Carbon-Methode. Dort erwog er die Möglichkeit, dass damals die Radioaktivität eine ganz andere gewesen sein könnte, woher solle man denn das wissen.

Nach seinen Ausführungen setzte ihm die Klasse ziemlich zu. Ich staunte über die vielen Argumente, die meine Schüler vorbrachten. Und er begann ziemlich zu schwimmen, zog sich aber immer wieder recht gut aus der von ihm selbst inszenierten Affäre. Ich selbst beliess es bei wenigen Fragen, zu sehr war nun das Feuer am Lodern.

Am Schluss musste ich feststellen, dass es eine dieser pädagogischen Sternstunden war, welche rar gesät sind, den Lehrer aber umso beglückter zurücklassen, wenn sie denn mal eintreffen.

Natürlich halte ich den Kreationismus für eine falsche Theorie.

Was aber ist die Aufgabe des Lehrers? Selbstverständlich soll er den Schülerinnen und Schülern die Evolutionstheorie erklären. Und natürlich sollen die Jugendlichen auch diese elementaren Grundsätze der Darwinschen Thesen verstehen können. Aber der Bildungsauftrag beinhaltet mehr. Bildung ist Erziehung zu Mündigkeit. Wir müssen immer wieder versuchen, das Denken anzuregen. Und das setzt Neugier, Demut und das Wissen um die eigenen Grenzen der Erkenntnis voraus, oder wie es Ulf Poschardt in seinem faszinierendem Buch «Mündigkeit» schrieb: «Lernen wird so zu einem Tauschgeschäft wechselseitiger Mündigmachung: eine solidarische Form der Aufklärung.»

Das braucht Geduld und manchmal auch Mut. Mündigkeit ist nichts für Feiglinge.

Ulf Poschardt, Journalist, Buchautor: Mündigkeit ist nichts für Feiglinge.

Die Maturarbeit der drei Aargauer Gymnasiasten hat zurecht viel Aufsehen erregt. Nachdem das Aargauer Kantonsparlament aufgrund dieser Arbeit eine Untersuchung in Auftrag gegeben hatte, löste dies eine hitzig Debatte über scheinbar linke Lehrkräfte aus, die sich einem indoktrinierenden Unterricht verschrieben hätten und keine Meinung ausser der eigenen zuliessen. Die dünnhäutige Reaktion der Betroffenen liess tief blicken. Philipp Wampfler, selbst Gymnasiallehrer im Kanton Aargau, sprach von einem politischen Einschüchterungsversuch und Daniel Graf, Betreiber einer linksgrünen Sammelplattform, rief sogar zum Boykott der Umfrage auf, die der Arbeitgeber des Lehrpersonals bei diesem durchführt. Hier wird Kritik wird nicht als Anlass gesehen, die Berufshaltung zu überprüfen, sondern als aggressiver Angriff auf das eigene Weltbild.

Das Problem scheint mir trotzdem weniger bei den linken Lehrkräften zu liegen, ebenso wenig wie die Tatsache, dass die überwiegende Mehrheit der Journalistenzunft links tickt. Die Forderung, Unterricht müsse politisch neutral erfolgen, führt uns m. E. auf eine falsche Ebene. Kaum ein Lehrer, kaum eine Journalistin ist wirklich neutral. Der neutrale Unterricht ist ein Mythos. Das Problem liegt in einem falschen Berufsverständnis. Bei den Journalisten kann man es im Haltungsjournalismus orten, bei den Lehrkräften ist es ein mit dem Lehrplan 21 eingeführtes  kompetenzorientiertes Transformationsprogramm, das Gegenteil von «Mündigmachung».

Letzthin geriet mir wieder einmal die BNE-Charta in die Hände. BNE heisst „Bildung für nachhaltige Entwicklung“. Mitunterzeichnet wurde sie von einem gewissen Herrn Beat Zemp, ehemaliger Präsident des Schweizerischen Lehrerverbandes. Herr Zemp und die anderen Unterstützer machten sich Sorgen um die Umwelt. Die Dozentinnen in den Pädagogischen Hochschulen, die Beisitzer in den Thinktanks diverser Umweltverbände, Bildungspolitiker in den Parlamenten sowie die zahlreichen mit staatlichen Geldern subventionierten Mahnerinnen in den Gremien der Agenda 21 drängen in den florierenden Bildungsmarkt. Deshalb steht in dieser Charta auch: „Zur Förderung einer Nachhaltigen Entwicklung ist es von zentraler Bedeutung, BNE im Lehrplan 21 entsprechend zu berücksichtigen.“ Das führt dann zu Kompetenzielen wie: «Es geht darum, Wissen und Können aufzubauen (…) und sich aktiv an gesellschaftlichen Aushandlungs- und Gestaltungsprozessen für eine ökologisch, sozial und wirtschaftlich Nachhaltige Entwicklung zu beteiligen». (https://www.education21.ch/de/bne-und-lehrplaenen)

„L’école doit se borner à l’instruction“ (Die Schule ist der Bildung verpflichtet). „Erziehung zielt auf das Ganze, auf den Menschen als solchem; „instruction“, also der Unterricht ist progressiv, geht von Element zu Element, erzieht natürlich dadurch, aber nicht den Menschen als ganzes (parce que une éducation publique deviendrait contraire à l’indépendance des opinions).

Von der Befähigung autonome Entscheidungen zu treffen

Als Biologielehrer, der sich durchaus auch Sorgen um die Umwelt macht, der auch wahrnimmt, dass sich unser Klima verändert, stehen angesichts dieser Entwicklung aber andere Werte zur Disposition. Es geht um Wissenschaftlichkeit, um Zweifel, um Forschungsgeist, vor allem aber geht es um Bildung.

Jean-Marie de Condorcet
1742 – 1794: Namensgeber unseres Blogs: L’école doit se borner à l’instruction.

Manchmal lohnt sich ein Blick über die Grenzen. In Frankreich wie auch in der Romandie unterscheidet man zwischen „instruction“ und „éducation“, also zwischen Bildung und Erziehung.  Diese Haltung geht auf den Aufklärer und liberalen Denker Jean-Marie Condorcet (1743 – 1794) zurück, der schon vor über 200 Jahren mahnend schrieb: „L’école doit se borner à l’instruction“ (Die Schule ist der Bildung verpflichtet). „Erziehung zielt auf das Ganze, auf den Menschen als solchem; „instruction“, also der Unterricht ist progressiv, geht von Element zu Element, erzieht natürlich dadurch, aber nicht den Menschen als ganzes (parce que une éducation publique deviendrait contraire à l’indépendance des opinions). Mit dem Unterricht soll der Schüler befähigt werden, sich zu entwickeln und autonome Entscheidungen zu fällen.

Die Absicht mit Unterricht Gesinnung zu erzeugen, lehnte Condorcet, ein Revolutionär der ersten Stunde, ab. Man sollte diesen famosen libertären Geist auch an den pädagogischen Hochschulen des deutschsprachigen Raums mit den angehenden Lehrkräften diskutieren. Jean-Marie Condorcet hat im französischen Sprachraum denselben Rang wie Pestalozzi oder Humboldt bei uns. Seine unbeugsame Haltung gegen Tyrannei und Indoktrinierung brachte ihn auch in Opposition zu den wilden Revolutionären um Robespierre und kostete ihn schliesslich das Leben.

Heute würde er vermutlich sagen: Gesinnung zu erzeugen ist keine Aufgabe einer öffentlichen Schule und darf deshalb auch kein Lehrplanziel sein. Wird die Bekundung des guten Willens zudem noch als Kompetenz gehandelt, als prüfbare und messbare Kompetenz bewertet, dann enden wir bei einem Erziehungsbegriff mit totalitärem Anspruch.

Neigen die Lehrkräfte zu schnell dazu, zu belehren bzw. die «richtige» Haltung zu vermitteln, kommt es zu einer normativen Festlegung. Und die hat meistens einen sehr kurzfristigen Effekt.

Meine Söhne haben nie eine Blumenwiese besucht.

Beim Durchforsten der Homepage von Ecucation 21 einem Ableger der Agenda 21 kann einem der kalte Schauer den Rücken hinunterlaufen. Derart offensichtlich ist hier der Versuch, kleine Kinder mit ideologiebehafteter Weltrettungsprosa in einen homini naturae zu verwandeln. Hier werden Selbstbildungsprozesse verhindert, die einen wichtigen Beitrag zur Reifeentwicklung bilden. Neigen die Lehrkräfte zu schnell dazu, zu belehren bzw. die «richtige» Haltung zu vermitteln, kommt es zu einer normativen Festlegung. Und die hat meistens einen sehr kurzfristigen Effekt. Ganz abgesehen vom Aspekt der Unterrichtsqualität, denn mit dieser Art Lehrtätigkeit bleiben in der Regel Naturexpeditionen, Morgenspaziergänge, Vogel- und Wiesenblumenbestimmung, physikalische Experimente, Neugier und Forschergeist auf der Strecke. Meine Söhne haben in der Unterstufe nie eine Blumenwiese betreten, keine Pflanzen bestimmt, keine Tiere im Klassenzimmer gehalten. Sie wurden mit Arbeitsblättern und DOK-Filmen bombardiert, mit Unterricht, der keine offene Lösungsstrategie zulässt, weil er mit massiven Glaubenssätzen behaftet ist. Und – seien wir ehrlich – es ist ein Unterricht, der mitunter extrem langweilig ist.

Keine Frage: Es ist wichtig, die komplizierten Wechselwirkungen und potenziellen Probleme des menschengemachten Klimawandels mit den Schülern zu behandeln, fragwürdig ist dagegen ein unkritisches Wiederholen von Untergangsszenarien. Nichts dagegen, wenn der Lehrplan 21 die Schüler zu kritischem Hinterfragen der Wachstumsphilosophie unseres freiheitlichen liberalen Systems anregen will. Nirgends aber werden sie aufgefordert, die Segnungen und positiven Auswirkungen der Globalisierung zum Beispiel bei der Armuts- und Hungerbekämpfung zu untersuchen.

Ich habe Frédéric nicht von der Falschheit seiner Ausführungen überzeugen können. Aber ich habe bei vielen Schülerinnen und Schülern die Freude am Diskurs geweckt, sie ernst genommen und dabei – da bin ich überzeugt – auch einen Lerneffekt erzielt. Schülerinnen und Schüler, die zweifeln, die widersprechen und den Mut haben, ihre Meinung zu formulieren, sind ein Glücksfall für jeglichen Unterricht. Das gilt namentlich auch für die drei Aargauer Gymnasiasten, welche sich ein hochbrisantes Thema ausgesucht hatten. Jede noch so links orientierte Lehrkraft sollte auf solche Schüler stolz sein. Wie heisst es doch in den Leitlinien des Seeland Gymnasiums in Biel?

“Unsere Schule ist ein Ort kritischen Denkens

Die Schülerinnen und Schüler lernen, Argumente abzuwägen, unterschiedliche Positionen einzunehmen und Selbstverständliches zu hinterfragen.

Die Lehrenden sind Vorbilder in dieser Haltung.”

Lehrkräfte, die dieser Berufsauffassung nachleben, können rechts oder links sein, und die dürfen durchaus auch ihre Meinung in den Unterricht einfliessen lassen.

*Name geändert

 

 

 

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