Psychische Probleme bei Jugendlichen

Das Menschenbild entscheidet – Antworten auf offene Fragen

Sind psychische Probleme bei Kindern und Jugendlichen heute häufiger geworden? Die dazu veröffentlichten Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Es ist heute üblich geworden, auffälliges Verhalten von Kindern und Jugendlichen mit psychiatrischen Diagnosen belegen – ein einschneidender Eingriff deren Leben. Es geht um Verhaltensprobleme (ADS/ADHS), Autismus-Spektrum-Störungen (ASS), Angststörungen, Depressionen, Suizidalität usw. Diagnosen, wie sie im DSM 5, dem amerikanischen Handbuch Psychiatrischer Kriterien, aufgelistet sind. Als Erklärung hört man oft, man sei sensibilisierter als früher und psychische Probleme würden vermehrt angesprochen. Dass diese Entwicklung auch mit Paradigmenwechsels bei der Jahrtausendwende zusammenhängt, wird kaum thematisiert, obwohl dadurch die Deutungs- und Behandlungshoheit von der Pädagogik zur Medizin verschoben wurde. Dr. Eliane Perret sucht eine Einordnung.

Bis in die letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts stützte man sich bei uns zur Erklärung und Behandlung problematischer Entwicklungen von Kindern und Jugendlichen auf die Forschungsergebnisse der personalen Humanwissenschaften, welche aus der europäischen Wissenschaftstradition hervorgegangen sind. Im Mittelpunkt steht die individuelle seelische Befindlichkeit im Kontext der lebensgeschichtlichen Entwicklung.

Gastautorin Eliane Perret, Sonder- und Heilpädagogin: Pädagogische Überlegungen sind marginal.

Dann wurde aus den USA der Trend übernommen, psychische Probleme vorwiegend neurobiologisch zu erklären. Dieser Paradigmenwechsel leitete bei uns die bis heute anhaltende Psychiatrisierung der Pädagogik ein.

Kurze Zeit war es ein Diskussionspunkt sogar auf politischer Ebene: Zum Beispiel verlangte im Zürcher Kantonsrat 2006 ein Postulat eine Stellungnahme der Regierung zum Paradigmenwechsel in der Kinder- und Jugendlichen-Psychiatrie von einem humanistisch und sozialwissenschaftlich ausgerichteten Menschenbild zu einem biologistischen.

Ausgangspunkt war die damit verbundene rasant gestiegene Abgabe chemischer Substanzen bei Kindern mit AD(H)S. Nach den psychosozialen Ursachen und Umweltbedingungen, welche das Auftreten bestimmter Verhaltensauffälligkeiten und psychischer Störungen begünstigen, werde immer weniger gefragt, hiess es in der Anfrage.

Verhalten durch eigene Entscheidungen beeinflussen

Auch die Nationale Ethikkommission (NEK) beschäftigte sich mit dem Thema und warnte 2011 vor Abgabe von Methylphenidat an Kinder, um das Verhalten und die Leistungsfähigkeit von Kindern zu verbessern. Das sei ein Eingriff in die Freiheit und die Persönlichkeitsrechte des Kindes, denn sie enthalte diesem die wichtige Lernerfahrung vor, sein Verhalten durch eigene Entscheidungen zu beeinflussen und so zu eigenverantwortlichem Handeln zu befähigen.

Ist also das Verhalten eines Kindes durch neurobiologisch-genetische Theorien erklärbar oder braucht eine zuverlässige Anamnese ein humanistisch und sozialwissenschaftlich ausgerichtetes Menschenbild? In den Ausbildungslehrgängen angehender Lehrpersonen und Heilpädagogen ist das an der Medizin orientierte Erklärungsmodell heute üblich und kommt vergleichbar bei unterschiedlichen seelischen Problemen zur Anwendung. Pädagogische Überlegungen und Massnahmen sind dabei eher marginal und orientieren sich an verhaltenstherapeutischen Konzepten. Es geht eher darum, mit dem diagnostizierten Problem leben zu lernen.

Was hilft gegen auffälliges Verhalten von Kindern und Jugendlichen ? In den Ausbildungslehrgängen angehender Lehrpersonen und Heilpädagogen ist das an der Medizin orientierte Erklärungsmodell heute üblich.

Dieses Modell unterscheidet sich fundamental von einer Herangehensweise, deren theoretischer Bezugsrahmen die personalen Humanwissenschaften sind. Ein Forschungsgebiet, das seine Anfänge unter anderem in der Tiefenpsychologie hat und in der Individualpsychologie des Wiener Arztes Alfred Adlers eine für die pädagogische Praxis besonders geeignete Ausformung fand.

Es geht eher darum, mit dem diagnostizierten Problem leben zu lernen.

 

In der Schweiz wurde es zur Grundlage einer wertgeleiteten (Heil-)Pädagogik, die sich als eigenständige Wissenschaft verstand und von der Medizin abgrenzte. Ihre Pioniere waren eng mit der Praxis verbundene Persönlichkeiten wie Heinrich Hanselmann, Paul Moor, Hermann Siegenthaler, Emil E. Kobi u.a.

Dieser Forschungszweig wurde seither durch Befunde der Anthropologie und der Entwicklungspsychologie bestätigt und erweitert, welche basierend auf der evolutionär bedingten, sozialen Natur des Menschen, den Blick vertieft auf die sozialen und kulturellen Einflüsse auf die Persönlichkeitsentwicklung eines Kindes richteten und die für die sozial-emotionale und intellektuelle Entwicklung entscheidende Qualität von Bindungserfahrungen untersuchten. Damit verbunden sind Namen wie Michael Tomasello, Lew Vigotsky, John Bowlby, Mary D.S. Ainsworth, Karin und Klaus Grossmann, Colwyn Trevarthen, Peter Hobsen, Paul L. Harris, Henri Julius u.a.

Ausweg aus der Fehlentwicklung

Deshalb steht uns heute für die pädagogische Praxis ein wissenschaftlich fundiertes Arbeitsmodell zur Verfügung, das sich an den neuesten Forschungsergebnissen orientiert. Eine darauf basierende Anamnese eröffnet einen psychologisch-pädagogischen Zugang zum Verständnis von Problemen bei Kindern und Jugendlichen und einen Ausweg aus der Fehlentwicklung.

Heranwachsen ist manchmal zum Schreien. Welches Menschenbild bietet den geeigneten Unterstützungsrahmen?

Es erfordert jedoch von den Lehrpersonen eine verstärkt emotional korrigierende Beziehungsarbeit, zu der echte Anteilnahme an den Schwierigkeiten und Erfolgen beim Lernen gehört. Damit werden auch die heute üblich gewordenen Unterrichtsformen selbst organisierten Lernens in Frage gestellt, weil sie Kindern und Jugendlichen, denen der Mut fehlt, sich den Anforderungen des Lernstoffes zu stellen, zu wenig Möglichkeiten für motivierenden, schulischen Erfolg geben (was oft im Hintergrund einer psychischen Störung steht). Hingegen ist hier ein gut strukturierter Unterricht angesagt mit einer Lehrperson, die bei Kindern und Jugendlichen fördernd und fordernd das Gefühl der Selbstwirksamkeit stärkt.

Es erfordert jedoch von den Lehrpersonen eine verstärkt emotional korrigierende Beziehungsarbeit, zu der echte Anteilnahme an den Schwierigkeiten und Erfolgen beim Lernen gehört.

 

Fazit: Die Frage nach dem Menschenbild, das bei der Erklärung und Behandlung psychischer Probleme unserer heranwachsenden Generation zur Anwendung kommen soll, stellt sich somit umso dringender und die noch nicht beantwortete Frage nach den Folgen des Paradigmenwechsels muss noch einmal gestellt werden.

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2 Kommentare

  1. Das, was heute als bindungsbasiert angedacht oder gar schon verkauft wird, ist m. E. eine Farce. Echte Bindungsbasiertheit von Unterricht setzt den Willen der Lehrperson voraus, eine Verbindung zum ihr anvertrauten Kind einzugehen und dort scheitert das Meiste, da der Willen und ggf. die Fähigkeiten dazu oft fehlen.

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