23. Februar 2024

Hans Brügelmann will förderorientierte Rückmeldungen – Eine Replik

Felix Hoffmann, Sekundarlehrer in Baselland und Condorcet-Autor, greift den Beitrag von Professor Brügelmann, in welchem dieser eine grundsätzlich andere Benotung fordert, noch einmal auf und befasst sich darauf mit den unausgereiften Modeforderungen von Bildungsfunktionären.

Wunschprosa

Die letzten fünf Kommentare zum Artikel sind um einiges aussagekräftiger als die Brügelmannschen Auslassungen. Es handelt sich bei diesen, wie mehrmals kommentiert, um naive Wunschprosa aus dem Elfenbeinturm, welche Brügelmanns Fehlen persönlicher Berührungspunkte mit dem Schulbetrieb gnadenlos offenbart.

Felix Hoffmann, BL, Sekundarlehrer, Condorcet-Autor: Im Vergleich praktikabel.

«Erziehungswissenschaften»- Erziehungs- bitte was?!?

Aufschlussreich ist Armin Tschenetts Recherche zur Biographie Brügelmanns. Letzterer ist «Erziehungswissenschaftler» und somit Vertreter einer Disziplin mit völlig nebulösem Inhalt. Mathematiker verfügen über Wissen und Fähigkeiten, die sich ausserhalb ihrer Domäne Stehenden völlig verschliesst. Das gleiche gilt beispielsweise für Physiker, Romanistinnen, Pharmazeutinnen, Biologen, Juristinnen, Ethnologen usw. Wie steht es diesbezüglich mit der «Erziehungswissenschaft»? Immerhin haben die bisher in etwa 10’000 bis 15’000 Generationen des Homo sapiens erfolgreich Kinder erzogen, ansonsten wir mittlerweile vermutlich ausgestorben wären. Ist das ein Zufall, dass die völlig unbedarften, ja geradezu zerstörerischen Schulreformen der letzten 30 Jahre ausgerechnet und nicht zuletzt in der Ecke der «Erziehungswissenschaften» losgetreten wurden?

Zuerst bitte die Gelingensbedingungen!

Und noch ein Wort zu Jürg Leuenberger, dem ersten Kommentatoren: Er unterliegt dem gleichen Fehler wie Beat Zemp, dem ehemaligen Präsidenten des LCH. Zemp begrüsste jegliche Reformen – und waren sie noch so durchgeknallt wie Passepartout oder die Kompetenzorientierung als Ganzes – unter der lediglich nachgestellten Bedingung der gewährleisteten Gelingensbedingungen, von denen er genau wusste, dass sie jeweils nicht gegeben waren. Die Erstplatzierung der Gelingensbedingungen, der notwendigen Ressourcen also, innerhalb Leuenbergers Kommentars, macht seine Forderung nach «förderorientierten Rückmeldungen statt der verbreiteten Fixierung auf Selektion» zwar nicht vernünftiger, denn sie ist es nicht, aber immerhin konsequent. Mit der Unterstützung dieser Forderung durch den Verband Schulleiterinnen und Schulleiter Schweiz, zeigt dieser auf, dass die an sich kleine Distanz zwischen Schulleitungsbüro und Schulzimmern so mancher Schulleitung offenbar nicht klein genug ist, um sich die Nähe zum Schulbetrieb zu bewahren. Und damit zu nächsten Punkt.

Hans Brügelmann (77), war von 1980 bis 2012 Professor für Erziehungswissenschaft an den deutschen Universitäten Bremen und Siegen.

Zemp begrüsste jegliche Reformen – und waren sie noch so durchgeknallt wie Passepartout oder die Kompetenzorientierung als Ganzes – unter der lediglich nachgestellten Bedingung der gewährleisteten Gelingensbedingungen, von denen er genau wusste, dass sie jeweils nicht gegeben waren.

Praktikabilität anstatt realitätsferner Idealismus

Bei den Schulnoten verhält es sich wie bei der Demokratie gemäss Winston Churchill: «Die Demokratie ist die schlechteste aller Staatsformen, ausgenommen von allen anderen.» Selbstverständlich sind Noten keine perfekte Leistungsbeurteilung, aber sie sind bei aller berechtigten Kritik im Vergleich mit anderen Beurteilungsmethoden praktikabel, und das ist es nun mal, worauf es letztlich ankommt. Man stelle sich doch bitte mal die von Brügelmann und Leuenberger propagierten «förderorientierten Rückmeldungen» genau vor: Lehrkräfte sollen also neben dem Unterricht, der Vor- und Nachbereitung desselben, der rund wöchentlichen Prüfungsentwürfe und -korrekturen, der Gespräche mit Lernenden, Klassen und Eltern, dem ständigen interkollegialen Austausch, der jährlichen schriftlichen Kommentierung der Lernenden, der sich wiederholenden Stufen- und Kantonalkonferenzen, der regelmässigen Gesamtkonvente, der periodischen Fachschaftstreffen und Teamsitzungen, der kontinuierlichen Absprachen mit dem Förder- und Heilpersonal, der jährlichen Standortgespräche mit Lernenden und Eltern, der wiederkehrenden Organisation von Lager- und Projektwochen, der Vorbereitung von Ausflügen und Exkursionen, der administrativ aufwändigen Dokumentation bzw. Abrechnung der meisten dieser Anlässe nun also auch noch regelmässige «förderorientierte Rückmeldungen» durchfühlen?!? Zur Erinnerung: Eine einzelne Lehrkraft hat schnell über 100 SchüllerInnen und von zeitaufwendigen disziplinarischen Problemen war hier noch gar nicht die Rede. Wie der von seiner eigenen Gilde als «schlampig» bezichtigte Fernsehphilosoph und Hobbyschulreformer, Richard David Precht[1], muss wohl auch Brügelmann unter einem unaufgearbeiteten Schultrauma leiden, weswegen sie nun beide dem Schulbetrieb, der schon jetzt nicht zuletzt wegen Überlastung unter massivem Personalmangel leidet, mit einem weiteren unausgegorenen Konzept den Todesstoss versetzen wollen.

David Precht, Fernsehphilosoph: Relativ schlampige Argumentation.

Das Paradox der fehlbaren Reformer als ungerufene Retter

Der Arbeitsmarkt ist nicht spezifisch Schulnoten gegenüber kritisch eingestellt, er verteilt sie ja selbst in seinen Evaluationen. Das Problem geht viel tiefer. Nach 30 Jahren verantwortungsloser und verfehlter Reformen mit der Folge gravierend schlechter Resultate anlässlich diverser Evaluationen wie PISA oder ÜGK, ist das Vertrauen der Privatwirtschaft in den Schulbetrieb grundsätzlich erschüttert, und das zurecht. Eine Antwort auf dieses Misstrauen sind u.a. die privatwirtschaftlichen Testverfahren wie beispielsweise der Multicheck. Paradox dabei ist, dass ausgerechnet diejenigen Protagonisten des privaten Sektors, die eine massgebliche Verantwortung für die Misere des öffentlichen Schulbetriebs tragen – wie zum Beispiel Andreas Schleicher, PISA-Papst der OECD -, nun die Lehrkräfte als Sündenböcke hinstellen[2] unter völliger Ausblendung der eigenen Verantwortung. Schleicher wirft den Lehrkräften absurderweise vor, sie verstünden sich allzu sehr als Befehlsempfänger, wo sie doch nicht zuletzt auch durch ihn genau dazu degradiert wurden mittels von oben aufoktroyierter Schulreformen. Zur Erinnerung: Verweigerte man sich als Lehrperson der unsäglichen Passepartoutfortbildung, wurde einem die Lehrberechtigung für Fremdsprachen entzogen. Und aus der Ecke der sogenannten «Erziehungswissenschaften» bzw. «Bildungsforschung» kommen laufend neue, unbedarfte Ideen, noch bevor deren Vertreter die Untauglichkeit ihrer alten erkannt hätten. Als schulferne Theoretiker bräuchten sie dafür Evaluationen. Die aber wollen sie nicht, denn sie könnten ihre Konzepte als untauglich blossstellen, noch bevor sie in der Praxis scheitern, wodurch sie nie lukrativ würden. Nach all diesem unbedarften Schmarren lob ich mir Erika Gisler: «Lasst uns zuerst mal sicherstellen, dass die Kinder besser lesen, schreiben, rechnen können.» Back to Basics also und weg von idealistisch ideologischem Firlefanz!

[1] Z.Bsp.: https://www.spiegel.de/kultur/richard-david-precht-und-svenja-flasspoehler-im-talk-lasst-die-philosophie-da-raus-kolumne-a-97a5d8bd-a261-4601-8ce3-c755cd7c0ce4; https://www.merkur.de/deutschland/buch-precht-welzer-frankfurter-buchmesse-kritik-analyse-fehler-methode-niggemeier-91868475.html; https://www.t-online.de/digital/aktuelles/id_100166082/das-precht-problem-nicole-diekmann-ueber-das-fragile-ego-des-welterklaerers.html;

[2] Z.Bsp.: https://www.focus.de/panorama/welt/andreas-schleicher-pisa-chef-rechnet-mit-deutschen-lehrern-ab-ich-habe-ganz-ehrlich-wenig-verstaendnis_id_259590343.html

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3 Kommentare

  1. Herr Brügelmann kann vom hohen Ross herab seine utopischen Forderungen aufstellen, nach Felix Hoffmanns Kommentar müsste ihm die Schamesröte ins Gesicht steigen… Ein fundamentales Missverständnis sollte ausgeräumt werden: Betriebe beklagen sich immer wieder, dass die Schulnoten nicht aussagekräftig seien, und verlangen immer noch mehr Standardisierung (vgl. Basler Zeitung vom 07.02.24). Gleichzeitig glauben Brügelmann und Dagmar Rösler (Schweizer Lehrerverein), die Kritik mit präzisen Portfolios auffangen zu können. Das aber wäre Illusion. In beiden Fällen wird nicht gesehen, dass Noten oder Portfolios schulische Leistungen beurteilen, im besten Fall den Lernerfolg in schulischen Fächern punktgenau über eine gewisse Zeit dokumentieren, nicht aber prognostische Aussagen darüber machen, ob jemand für einen bestimmten Beruf geeignet ist und die spezifischen Anforderungen im beruflichen Kontext erfüllen kann. Ob jemand eine Lehre als Elektromechaniker oder als Bankkauffrau zu einem erfolgreichen Abschluss bringen wird, lässt sich aus Lernleistungen in der Schule nie sicher voraussagen. Die Firmen können nicht verlangen, dass ihnen die Schule diese delikate Aufgabe abnimmt, denn die tatsächliche Aufgabe der Schule ist es, die Grundlagen zu legen, die für eine breite Berufspalette Voraussetzung ist: Rechnen, Lesen, Schreiben, Kenntnisse und Fähigkeiten in Sachfächern. Schulzeugnisse liefern lediglich allgemeine Anhaltspunkte für allfällige berufliche Eignungen, mehr nicht.

  2. Manchmal braucht es wirklich so eine “Chropfleerete”, wie dies Felix Hoffmann in seinem Beitrag getan hat. Es ist schon verrückt, welch unpraktikable Ideen immer wieder entwickelt werden, wenn sich Bildungsexperten mit wenig schulischer Berufspraxis an heikle Themen wagen. Die Notengebung ist so ein Bereich, wo sich Praxis und Theorie gewaltig reiben. Lehrerinnen und Lehrer sind sich durchaus bewusst, dass eine Abbildung der Leistungen mit Ziffern nur eine beschränkte Aussagekraft hat. Aber weder aufwändige Wortzeugnisse noch ausführliche Portfolios können verdecken, dass man nicht um eine auf Vergleichen beruhende Leistungsbeurteilung herumkommt. So orientieren wir uns bei den Sprachen beispielsweise am europäischen Referenzrahmen. Den Lehrpersonen bleibt aber ein gewisser Spielraum, um Noten im Kosmos der eigenen Klasse «gerechter» zu machen. Prüfungen können so aufgebaut sein, dass fast jeder Schüler, der engagiert einen Stoff erarbeitet hat, wenigstens auf eine genügende Note kommt. Als Klassenlehrer mit breitem Fächerspektrum hat man zudem die Chance, schwächere Jugendliche dort stärker zu fördern, wo sie ihre besten Fähigkeiten haben. Schüler blühen auf, wenn sie in Realienfächern oder im Sport zeigen können, was sie leisten können. Ziel eines akzeptablen Notensystems muss es sein, demotivierende Tiefstnoten zu vermeiden und Spitzenleistungen zu honorieren. Damit dies besser gelingt, muss aber der völlig überladene Lehrplan ausgemistet und mehr Zeit zum Üben zur Verfügung gestellt werden.

  3. Felix Hoffmann schreibt sich den Frust von der Seele. Das ist ab und zu notwendig. Ich lese jedoch in seiner Replik keinen Hinweis auf eine Veränderung. Es kann doch nicht sein, dass er als Praktiker nicht auch sieht, dass Bildung, wie sie heute verstanden und praktiziert wird, nicht allen Kindern und Jugendlichen gerecht wird. Ja, Reformen top-down waren selten erfolgreich. Also arbeiten wir doch dahin, das System so umzubauen, dass die Personen vor Ort überhaupt die Möglichkeit haben, Bildung so gerecht und erreichbar für alle zu machen.
    Felix Hoffmann lässt kein gutes Haar an den Erziehungswissenschaftlern. Dass er ihnen ein die Praxisferne vorwirft und so impliziert, dass sie gar nichts zu sagen hätten, macht nachdenklich. Ist es wirklich so, dass nur wir an der Front verstehen, was gut ist und die Deutungshoheit für uns beanspruchen? Brauchen wir nicht auch Sichtweisen von aussen und Untersuchungen, welche wir gar nicht leisten können, damit wir angemessen auf die sich verändernde Welt eingehen können? Sich diesen Stimmen zu verschliessen und ihnen gar das Recht abzusprechen, sich zur Schule zu äussern zeugt nicht gerade von der Offenheit, dem vernetzten, kritischen Denken und dem Respekt gegenüber anderen, wohin die Schule doch eigentlich führen soll.
    Wichtig ist doch, dass die Diskussionen überhaupt stattfinden und dass sich die gesamte Gesellschaft Gedanken dazu macht, was denn Bildung sei und leisten müsse. Wir sind an einem Punkt angelangt, wo ein Festhalten am Herkömmlichen kaum mehr Entwicklung zulässt. “Pflästerlipolitik” hat noch selten zu tiefgreifenden Veränderungen geführt

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