11. März 2026
Deutschland nach PISA 22

Das führt das Land geradewegs in die nächste Bildungskatastrophe

Die Welt-Journalistin Hannah Bethke reagiert auf die Lehrerschelte von Andreas Schleicher. Der Pisa-Chef zeigte bekanntlich kein Verständnis für deren Überlastung (Der Condorcet-Blog berichtete darüber: https://condorcet.ch/2024/01/pisa-chef-rechnet-knallhart-mit-lehrern-ab-und-hat-dann-einen-wichtigen-appel/) Und der Philologenverband möchte die Pisa-Erhebungen in Deutschland deswegen gleich aussetzen. Beides aber löst das eigentliche Problem nicht.

Während tagein, tagaus von den großen Umbrüchen dieser Welt die Rede ist und deutsche Politiker – bisher einigermassen erfolglos – die Bürger auf grundlegende “Transformationen” vorbereiten wollen, bleibt eines unverrückbar bestehen: die deutsche Bildungsmisere.

Gastautorin Hanna Bethke

Selbst wenn die Grundschulen schon bald auf ein Ende des Lehrermangels hoffen können, ist das eigentliche Problem damit nicht gelöst: Wissen, Fertigkeiten und Leistungen der Schüler sind rapide gesunken, sie verlassen schlecht ausgebildet die Schule, selbst bei Abiturienten gibt es keine Garantie, dass sie wenigstens die Rechtschreibung beherrschen und ordentlich rechnen können. Wem zu diesem ganzen Elend nichts mehr einfällt, der greift gern zu einem probaten Mittel: der Lehrerschelte.

Derzeit übt sich Pisa-Chef Andreas Schleicher in dieser wenig rühmlichen Praxis der einseitigen Schuldzuweisung. Er habe wenig Verständnis für Lehrer, die sich als blosse “Befehlsempfänger” sähen und “nur darauf pochen, dass sie überlastet seien”, sagte er in einem Interview der “Stuttgarter Zeitung”.

Es braucht keine weiteren Statistiken

Starker Tobak für einen Bildungsdirektor der OECD. Das findet auch der Deutsche Philologenverband, der vor lauter Ärger nun gefordert hat, die Pisa-Erhebungen in Deutschland auszusetzen. Verständlich, wenn auch wenig wirkungsvoll: Es braucht keine weitere Statistik, um festzustellen, wie wenig deutsche Schulen heutzutage taugen.

Eigentlich passt Schleichers negative Zuschreibung ja wunderbar in unsere Zeit. Denn wer beklagt sich gerade eigentlich nicht über sein gesellschaftliches Dasein? Die Bauern jammern, die Handwerker stöhnen, die Klimakleber heulen, die Künstler beschweren sich, die Lokführer maulen, die Kinder plärren, und die Eltern klagen sowieso in einem fort.

Wen kann es da noch überraschen, dass auch die Lehrer – von Putin-Freund Gerhard Schröder einst bei wohl nicht ganz klarem Verstand als “faule Säcke” beschimpft – in den allgemeinen Jammer-Chor der Deutschen einstimmen?

Lehrer als “Lernbegleiter”

Die Grenze der Resignation ist allerdings überschritten, wenn besagter Pisa-Chef selbst mit Floskeln hantiert, die bloss ein leeres Bildungsversprechen sind. Im Sammelsurium geistloser Didaktik ist besonders beliebt: der Lehrer als “Coach”. Manche sagen auch: “Lernbegleiter”.

Da kann man sich nur fragen: Wo lebt der Mann?

 

Auch Schleicher findet das eine prima Idee und glaubt im Ernst, so könne man Schülern “bei ihren individuellen Lernprozessen helfen”, ebenso auf dem vielbeschworenen Weg des gemeinsamen Lernens.

Da kann man sich nur fragen: Wo lebt der Mann? Diese erschütternde Praxis der inhaltlichen Aushöhlung von Bildung, die mit der humanistischen Bildungstradition nichts mehr gemein hat, ist bereits seit Jahrzehnten im Gange.

Lernen bleibt auf der Strecke

Noch immer von anti-autoritärer Ideologie getrieben, scheuen viele Lehrer klare Anleitung, degradieren sich selbst als Wohlfühlcoach, und vor lauter Individualisierung bei gleichzeitigem Gesamtschulfanatismus bleibt das Lernen auf der Strecke.

Eine so verstandene “Kompetenzorientierung” ist eben nicht das Wunderheilmittel, sondern ein massloser Etikettenschwindel, der das Land geradewegs in die nächste Bildungskatastrophe führt.

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