22. Februar 2024

Replik zu Franz Eberle: Der Traum der inhaltsneutralen Fähigkeiten

Franz Eberle mahnt in seinem Beitrag zur Kompetenzorientierung (https://condorcet.ch/2023/02/wissens-versus-kompetenzorientierung-eine-unselige-polarisierung/) im Zusammenhang mit der Reform der Matur zu einer “Entideologisierung”. Professor Ladenthin (Deutschland) widerspricht.

Professor Volker Ladenthin: Lernen bereitet auf Wissenschaft vor.

So verständnisvoll, wie Franz Eberle sie beschreibt, wären Kompetenzen nichts als Marketing: Ein modisch aufgehübschtes wording dessen, was Lehrpläne und Fachdidaktiken zuvor die Einheit von Kenntnissen, Fertigkeiten und Fähigkeiten nannten und immer noch nennen.

Was ist neu am Kompetenzkonzept? Doch nicht das, was Franz Eberle nennt. Nicht die uralte Forderung der Aufklärung, dass schulische Bildung auf die Handlungsfähigkeit im Leben vorbereiten solle? „Allen Angehörigen des Menschengeschlechts die Mittel zugänglich zu machen, daß sie für ihre Bedürfnisse sorgen, ihr Wohlergehen sichern, ihre Rechte erkennen und ausüben, ihre Pflichten begreifen und erfüllen können: das muss das Ziel eines nationalen Unterrichtswesens sein“ schrieb der Marquis de  Condorcet 1792. Neu ist doch nicht die Selbstverständlichkeit, dass das Gymnasium auf das Studium vorbereiten solle (Propädeutik genannt) – was sonst? Neu ist auch nicht, dass es in der Schule um Wissen und Haltung („Motivation“, schreibt Franz Eberle) – nichts anderes war Johann Friedrich Herbarts immer wieder aktualisiertes Grundkonzept vom Erziehenden Unterricht: Die Fähigkeit und Bereitschaft, Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen.

Wonach entscheide ich, ob ich meinen Ellbogen brauche (Selbst-Kompetenz) oder die ausgestreckte Hand (Sozial-Kompetenz) reiche? Und genau über dieses alles entscheidende Problem schweigt die Kompetenztheorie sich aus.

Freilich befördern die von Franz Eberle angeführten und gelobten „Sach-, Selbst- und Sozialkompetenzen“, gerade nicht, was Franz Eberle metaphorisch-geheimnisvoll „vertiefte Gesellschaftsreife“ nennt. Dass man den Dreiklang braucht, ist allgemein bekannt. Fraglich aber ist, ob sie beim Handeln gleichwertig sind. Wonach entscheide ich, ob ich meinen Ellbogen brauche (Selbst-Kompetenz) oder die ausgestreckte Hand (Sozial-Kompetenz) reiche? Und genau über dieses alles entscheidende Problem schweigt die Kompetenztheorie sich aus.

Schüler interessieren sich aber zuallererst für die Gefässe, oder besser, deren Inhalte. Sie wollen wissen, warum Tell den Landvogt Gessner hasst und ob es moralisch ist, was Dürrenmatts alte Dame mit den Bewohnern Güllens anstellt.

Franz Eberle ist emeritierter Professor für Gymnasial- und Wirtschaftspädagogik an der Universität Zürich: keinen Gegensatz zur Wissens- und Fachorientierung.

Aufgrund der Kompetenztheorie sei es „nachgelagert“, in welchen „Unterrichtsgefässen“ Kompetenzen vermittelt würden – Schüler interessieren sich aber zuallererst für die Gefässe, oder besser, deren Inhalte. Sie wollen wissen, warum Tell den Landvogt Gessner hasst und ob es moralisch ist, was Dürrenmatts alte Dame mit den Bewohnern Güllens anstellt. Sie lesen Schiller und Dürrenmatt nicht, um Kompetenzen zu schulen. Zudem: Ist es gleich gültig, ob man die chemische Analyse an der Herstellung von militärischen Giftgasen oder an der Herstellung von künstlichem Dünger lernt? Formal betrachtet braucht man für beides die gleichen Kompetenzen. Wie passt ein solche Gleichgültigkeit gegenüber der Humanität zum Ziel der „vertieften Gesellschaftsreife“? Was muten wir unseren Kindern in der Schule zu, wenn es im Unterricht „nachgelagert“ ist, ob man den Dreisatz an der Aufgabe lernt, wie viele Ackerflächen wir brauchen, um alle Menschen vor dem Hunger zu schützen – oder daran, wie viele Bomben man braucht, um eine Großstadt wie Zürich auszulöschen?

Die von Franz Eberle angesprochene Interdisziplinarität meint in der Lebenswelt die Vernetzung von Fachleuten, nicht aber gemeinsame Sitzungen von Generalisten, die zwar „überfachliche“ Kompetenzen vorweisen können, aber von der Sache nichts verstehen.  Der Fortschritt der Wissenschaften liegt in ihrer Spezialisierung, nicht darin, dass alle irgendwie über alles reden. Das war ja gerade die Begrenztheit des mittelalterlichen Universalismus zu glauben, als Philosoph kenne man sich auch mit den Bahnen der Gestirne aus. Kein Sozialwissenschaftler kann einen Staudamm bauen, aber er kann die sozialen Folgen betrachten. Ohne einen Baumeister gäbe es die aber nicht.

Der OECD, die das Konzept verbreitet und finanziert, geht es nicht um Kultur und Bildung, sondern um global vergleichbar qualifizierte und kulturneutral zertifizierbare Arbeitnehmer.

Die Kompetenztheorie träumt in neuen schönen Worten den uralten Traum einer Schulung zu inhaltsneutralen Fähigkeiten, die man auf alles und jedes anwenden kann. Nur hat der Lernpsychologe Franz Weinert, auf den sich die zitierten Kollegen Johannes Hartig und Eckhard Klieme so gerne beziehen möchten, immer darauf hingewiesen, dass Kompetenzen gar nicht ohne Inhalte erworben werden können. Man muss etwas wissen, um mit dem Wissen kompetent umgehen zu können. Zudem hat er empirisch nachgewiesen, dass Kompetenzen nur minimal transferfähig sind: Wer gut Gedichte interpretieren kann, kann nicht deshalb auch mathematische Textaufgaben verstehen. Problemlösung im Geographieunterricht geht anders als im Physikunterricht.

Die Kompetenztheorie ist aber beileibe kein alter Wein in neuen Schläuchen; ihr Ziel ist es, Bildung in formale Qualifikationen umzudeuten und kulturelle Identität als Störfaktor bei der Beschreibung psychischer Dispositionen zu minimieren. Der OECD, die das Konzept verbreitet und finanziert, geht es nicht um Kultur und Bildung, sondern um global vergleichbar qualifizierte und kulturneutral zertifizierbare Arbeitnehmer: Jeder soll überall das Gleiche tun können, damit die Produktion problemlos den Standort wechseln kann, wenn es anderswo billiger zugeht. Kulturelle Identität, traditionelle Inhalte gar stören dabei ebenso wie früher Zölle und Protektionismus.

Der globale Arbeitnehmer soll in Teilkompetenzen zerlegbar sein, damit man ihn immer, überall und immer passend zusammensetzen kann. Er soll überall angepasst funktionieren. Möglichst ohne Skrupel. Werte zählen daher zu den „nichtkognitiven Kompetenzen“, wie Franz Eberle schreibt. Menschenrechte werden so zum diffusen Gefühl, das nicht weiter stört.

Die Psychologisierung des Lernens soll die Schule endlich von Inhalten befreien, die Nationen endlich von ihrer Kultur und die Gesellschaft endlich von der Moral. Austauschbare kognitive und sentimentale nichtkognitive Kompetenzen. Nur das ist der Inhalt des Trojanischen Pferdes mit dem Namen Kompetenz. Das ist kein Geheimnis, sondern es steht so bei der OECD: Die OECD-Direktion „Bildung und Kompetenzen“ sieht „eine ihrer Hauptaufgaben in der Entwicklung und Analyse international vergleichbarer, quantitativer Indikatoren, die dann jährlich in Bildung auf einen Blick veröffentlicht werden.“[1]

 

 

[1] https://www.oecd-ilibrary.org/docserver/dd19b10a-de.pdf?expires=1676576958&id=id&accname=guest&checksum=67CF3793F477492DC3D841956F26108D

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