30. Januar 2023

Probieren geht über studieren: Warum das manchen Eltern gar nicht gefällt

Kinder von Akademikereltern gehen an die Universität. Was aber, wenn sie viel lieber eine Ausbildung machen wollen und Vater und Mutter mit der Entscheidung hadern? Die Freiheit bei der Berufswahl ist vielleicht gar nicht so frei. Dabei braucht jede Branche Nachwuchs – egal, ob mit Master oder Meisterabschluss. Wir bringen einen interessanten Beitrag des RedaktionsNetzwerkDeutschland.

Bedarf beim Handwerk: Viele Betriebe wie beispielsweise Schreinereien suchen nach Auszubildenden.
RND-Redakteurin Unterhaltung, Heike Manssen

Hannover. Das rothaarige junge Mädchen auf dem riesigen Plakat blickt trotzig auf seine Betrachter hinab. Der Text daneben suggeriert, dass es unzufrieden ist, ja, vielleicht sogar Ärger hat: „Was gegen das Handwerk spricht? Meine Akademikereltern.“ Vielleicht möchte die Jugendliche gern Malerin und Lackiererin werden, Mutter und Vater sehen sie dagegen eher als Architektin mit Masterabschluss.

Mit der Plakataktion – die unter anderem auch fragt: „Wieso zähle ich weniger, wenn ich mehr will als Po­werpoint?“ – will das deutsche Handwerk nach eigenen Aussagen für mehr Wertschätzung für die berufliche Bildung werben und Vorurteile hinterfragen. Kritikerinnen und Kritiker der Kampagne halten es für falsch, in Zeiten von Fachkräftemangel über alle Branchen hinweg Studium und Ausbildung gegeneinander auszuspielen. Doch was ist dran am Vorurteil?

Ein Gespräch am Rande einer Schulveranstaltung: Die Heizung in seiner Praxis sei alt, erzählt ein Vater, zu alt für den kommenden Winter. Eine neue müsse dringend installiert werden. Doch kein Heizungsbauer habe Zeit, geschweige denn genügend Personal, den Auftrag anzunehmen. Ratlosigkeit. „Ach, übrigens, was plant die 17-jährige Tochter nach dem Abitur?“, fragt eine Frau, die sich am Gespräch beteiligt. „Studieren – was genau, ist noch nicht klar.“ Nur das Studium, das sei gesetzt, antwortet der Vater. Zustimmendes Nicken von allen Seiten. Ist tatsächlich alles so klar, wie es scheint? Vielleicht hat die Tochter tatsächlich große Lust auf ein Studentenleben, eine neue Stadt, auf die große, weite, akademische Welt. Doch vielleicht ist ein Studium für sie eben nicht das Maß aller Dinge – so wie es einst für ihren Vater und ihre Mutter war, er Arzt, sie Lehrerin.

Eine Ausbildung – im Handwerk oder in der Industrie – scheint bei vielen Akademikereltern keine Option für die eigenen Kinder zu sein. Da überzeugt auch nicht die Binsenweisheit, dass das Handwerk „goldenen Boden“ habe. Bekanntermaßen sind die Berufschancen für Menschen mit abgeschlossener Ausbildung heutzutage exzellent, und viele Mitmenschen freuen sich mittlerweile mehr, wenn die Maler ins Haus kommen statt der Freunde. Gesellschaftlich gesehen ist der Handwerker toll, doch das eigene Kind soll nach Höherem streben, Master statt Meister. Macht der Nachwuchs dennoch eine Ausbildung, werden viele Eltern nicht müde zu betonen, dass ein anschließendes Studium immer noch folgen kann.

Zahl der Studienanfänger steigt kontinuierlich

Tatsächlich nehmen von 100 Kindern, deren Eltern studiert haben, 79 ein Studium auf. Von 100 Kindern, deren Eltern nicht die Universität besucht haben, sind es lediglich 27. Im Jahr 2020 ist die Zahl der Interessenten für eine Berufsausbildung in Deutschland erstmals unter 900.000 gefallen, 2005 waren es noch 1,15 Millionen. Gleichzeitig stieg im Laufe der Zeit kontinuierlich die Zahl der Studienanfänger. Auf dem Höhepunkt 2011/2012 gab es knapp 520.000 Erstsemester, im Jahr 2021/2022 sind es immerhin noch mehr als 472.000 junge Menschen, die sich neu an einer Hochschule eingeschrieben haben.

Schon immer – und daran hat sich in den vergangenen Jahren in Deutschland wenig verändert – entscheidet die familiäre Herkunft über den Bildungsweg. Dafür gibt es viele Gründe, unter anderem finanzielle. Akademikereltern haben meist mehr Ressourcen, um ihre Kinder zu fördern. Wissenschaftler sprechen in dem Zusammenhang von mangelnder Bildungsmobilität. Das bedeutet, dass Kinder mit großer Wahrscheinlichkeit denselben Bildungsweg wie ihre Eltern einschlagen.

Im Gedächtnis geblieben ist eine Aussage des Münchner Philosophieprofessors Julian Nida-Rümelin, der 2013 vor dem „Akademisierungswahn“ und zugleich vor der „Vernachlässigung der beruflichen Bildung“ warnte. Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer hat erst kürzlich in einem „Spiegel“-Interview nachgelegt und die „Überakademisierung“ als Irrweg bezeichnet.

Warum reden wir über „Überakademisierung“? Weil uns der Nachwuchs ausgeht. Die Berufswelt hat sich gewandelt. Das Reservoir an frischen Kräften ist geringer geworden, das führt zu einer Konkurrenz um die besten Köpfe und Hände.

Zur Wahrheit gehört eben auch, dass der Arbeitsmarkt neben Elektrikern oder Pflegekräften auch dringend Lehrer oder Ingenieure braucht und in Deutschland im internationalen Vergleich immer noch unterdurchschnittlich viele junge Menschen an die Hochschulen streben.

Es gibt Dutzende Gründe, warum Kinder studieren wollen – im Idealfall tun sie es aus eigenem Antrieb und eigenem Interesse. Ein Grund ist aber eben auch, dass sie damit die Erwartungshaltung der Eltern bedienen.

Dass sie sich darüber hinaus an ihren Eltern orientieren, liegt in der Natur der Sache. Kinder entwickeln durch die Erziehung oft ähnliche Weltanschauungen, Werte und Interessen. In jeder Biografie gibt es irgendetwas, was dem ähnelt, was schon die eigenen Eltern gemacht und damit auch vorgelebt haben.

Kinder scheren schwer aus Loyalität zu den Eltern aus

Nicht umsonst gibt es Familien, in denen alle Mitglieder in die Wissenschaft streben, musizieren oder auf dem Dach arbeiten. Anne Otto nennt das die Familienidentität. „So ist die tiefsitzende Loyalität von Kindern ihren Eltern gegenüber mit dem Wunsch verbunden dazuzugehören“, sagt die Diplompsychologin und Journalistin, die in ihrem aktuellen Buch „Für immer Kind“ die Beziehung von Erwachsenen zu ihren Eltern beleuchtet. Aus der besagten Loyalität auszuscheren sei schwer, so Otto. Wenn es um die Berufsfindung geht, rät sie deshalb, ein offenes Gespräch zu führen – ohne Ressentiments. Ihre Formel: „Begleiten, Ruhe bewahren und Wege aufzeigen.“ Dabei solle versucht werden, zwischen Sachebene und Beziehungsebene zu trennen, sagt Otto.

Gar nicht so einfach in einer Eltern-Kind-Konstellation. Auf der einen Seite möchten die Erwachsenen den Kindern zurufen, „sei unabhängig“, auf der anderen Seite ihnen raten, „mach es so wie wir“.

Entscheidung fürs Studium: Auch dann sind oft noch viele Fragen offen.

Oder eben noch besser. In der Leistungs-, Erfolgs- und Optimierungsgesellschaft, in der wir uns bewegen, kann es nicht hoch genug hergehen: der hohe Bildungsabschluss, der hohe Status, der hohe Verdienst. Haben die Eltern einen bestimmten Status erreicht, sollen die Kinder nicht dahinter zurückbleiben. Der Wunsch ist gesetzt: Dem Nachwuchs soll es (noch) besser gehen. Zumindest in finanzieller Hinsicht könnte das allerdings schwierig werden: Studien zeigen, dass dies Ziel zu erreichen schwerer denn je geworden ist.

Aber es geht vielen Eltern nicht allein ums Geld. Da gibt es auch die, die meinen, mit der akademischen Ausbildung ihrer Kinder das eigene Selbstwertgefühl stärken zu müssen, nach dem Motto: „Seht her, mein kluger Nachwuchs.“ Wiederum andere Eltern projizieren unerfüllte Berufswünsche auf die Heranwachsenden, und wieder andere feiern das Uni­diplom als den krönenden Abschluss einer gelungenen Erziehungsarbeit.

Bildung bleibt eine sichere Ressource

All das ist wenig zielführend – und setzt die Kinder unter Druck. So hat jeder dritte Betrieb in Deutschland schon einmal einen Studenten ohne Abschluss als Azubi eingestellt, wie eine Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung belegt.

Einigen kann man sich darauf, dass das Einzige, was als sichere Ressource den Kindern tatsächlich nützt, Bildung ist. Lebenslanges Lernen, so abgedroschen wie es klingen mag, ist die beste Voraussetzung, um sich in der Gesellschaft bis ins hohe Alter zurechtzufinden. Doch Bildung ist nicht gleichzusetzen mit einer akademischen Biografie. Und Lernorte sind nicht ausschließlich Universitätsgebäude.

Heranwachsende müssen in Zukunft vielleicht arbeiten, bis sie 70 Jahre alt sind. Das ist eine lange Strecke, eine, die mit Sicherheit nicht so gradlinig verläuft wie die beruflichen Lebensläufe der älteren Generation.

Am Ende wollen alle doch nur das Beste für unsere Kinder. Wie genau der Weg samt Umwegen dorthin führt – ob über den Hörsaal oder die Werkstatt –, auf die gute Begleitung kommt es an. Und darauf, dass Kinder die Chance bekommen, ihre eigenen Erfahrungen machen zu dürfen. Das ist für Eltern nicht immer leicht auszuhalten. Aber um sie geht es ja auch nicht.

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