6. Dezember 2022

Kein Tag ist wie der andere

Condorcet-Autor Alain Pichard im Gespräch mit Christine Ghidelli, der Berufsbildungsverantwortlichen im Spitalzentrum von Biel. Das Interview gibt Einblicke in delikate Situationen bei der Rekrutierung von Lehrlingen im Gesundheitswesen.

Alain Pichard, Lehrer Sekundarstufe 1, GLP-Grossrat im Kt. Bern und Mitglied der kantonalen Bildungskommission.

A. Pichard: Frau Ghidelli, Sie sind als Berufsbildungsverantwortliche im Spitalzentrum von Biel für die Rekrutierung der FAGE-Lernenden (Fachangestellte Gesundheit) zuständig.

C. Ghidelli: Für die Vorauswahl der Kandidatinnen und Kandidaten, ja. Die Berufsbildenden und die Stationsleiterinnen sind an der Rekrutierung beteiligt. Weiter gehört das Marketing für die Lehrberufe zu meinen Aufgaben.

Aber Sie stellen die Lernenden an…

Ja, es sind jedoch immer mehrere Personen beteiligt. Dies gilt auch für die KV-Lernenden, welche direkt meinem Bereich unterstellt sind.

Wie viele Dossiers sind das?

Wir erhalten 120 bis 130 Bewerbungen pro Jahr allein im FAGE-Bereich.

Ist das noch zu bewältigen?

Es ist eine grosse Herausforderung… vor allem, wenn man Referenzen einholen will oder fehlende Unterlagen nachfordern muss.

Wie geht das Prozedere genau vor sich von dem Moment an, in dem Sie ein Dossier in den Fingern halten?

Wir stellen pro Jahr 14 Lernende an. Ich studiere zunächst einmal das Dossier: Motivationsschreiben, CV, beigelegte Zeugnisse und Schnupperberichte. Dann treffe ich eine Auswahl. Es folgt eine Empfehlung an das Selektionsteam, zum Beispiel die Berufsbildnerin und die Stationsleiterin). Anschliessend laden wir zu einem Vorstellungsgespräch und einem sogenannten Selektionstag ein. Danach entscheiden wir.

Unsere Pflege-Lernenden müssen kontaktfreudig und empathisch sein.

Wie schnell?

Den Entscheid möchten wir jeweils zeitnah fällen, dies bringt Klarheit. Eine Zusage zu geben ist immer etwas Grossartiges – der Beginn einer gemeinsamen Entwicklungszeit.

Welche Kriterien sind für eine FAGE-Anstellung ausschlaggebend?

Zunächst einmal Offenheit und das Interesse am Menschen. Unsere Pflege-Lernenden müssen kontaktfreudig und empathisch sein. Sie brauchen zudem kognitive Fähigkeiten wie das Lesen und müssen in der Lage sein, Aufträge zu lesen und danach zu handeln.

FaGe-Lehrende müssen lesen können.

Also solide Lesefertigkeiten?

Richtig. Zudem müssen sie in der Lage sein, Situationen visuell zu analysieren. Zum Beispiel die Ordnung in einem Raum, Beobachtungen der Patientinnen und Patienten wie Hautverhältnisse oder Auffälligkeiten jeglicher Art.

Wie soll ich das verstehen?

Betritt man ein Zimmer, kommt es oft zu überraschenden Situationen. Dinge sind verschoben, es geht den Patientinnen und Patienten nicht gut, sie atmen schwer usw. Dies lernen unsere Lehrlinge bereits früh in der Ausbildung. Zuerst theoretisch in der Berufsschule, danach im Training der überbetrieblichen Kurse und zusammen mit den Berufsbildnerinnen live in der Praxis. Ausserdem braucht es eine gute Merkfähigkeit.

Und die klassischen Schlüsseldisziplinen?

Natürlich auch Belastbarkeit, Pünktlichkeit, Ordnung. Aber die Frauen und Männer sind sehr jung…

Sind heute jünger, das hat einen Effekt.

Eine Folge der Vorverschiebung des Schulbeginns…

So ist es, die heutigen Lehrlinge sind 15 Jahre alt, früher waren sie 16. Das ist ein wichtiger Unterschied.

Sie nehmen aber auch Realschülerinnen und -schüler?

Ja. Einerseits, weil heute die guten Sekundarschülerinnen und -schüler in die Fachmittelschule (FMS) gehen. Aber andererseits auch, weil es prächtige Kandidatinnen und Kandidaten aus den Realklassen gibt. Unser Ziel ist eine gute Mischung, von der soliden Basis bis zu den Lernenden mit integrierter Berufsmatura.

Sie verlieren also gute Leute an die FMS?

Ja. Es müsste untersucht werden, was die Gründe sind, damit gezielt für die Berufsausbildungen geworben werden kann.

Welche Veränderungen stellen Sie gegenüber früheren Jahrgängen fest?

Oft ist es schwierig, die Benotungen in den Zeugnissen einzuordnen. Viele Faktoren können diese beeinflussen. Schwankungen zum Beispiel, welche in diesem Alter oft vorkommen, vor allem, was die Motivation und die Leistungsbereitschaft betreffen. Es gibt aber auch Schülerinnen und Schüler mit zu guten Noten.

Wir stellen klar fest, dass die Folgen der Pandemie echte Lücken beim schulischen Können verursacht haben.

Also Noten, die nicht der Leistungsfähigkeit entsprechen?

Wir hatten einmal eine Lehrtochter mit einer 5  in Französisch. Sie wollte die zweisprachige Ausbildung machen…

Sie bieten auch einen bilingualen Lehrgang an?

Ja, wir unterstützen dies grundsätzlich als bilingualer Betrieb. Die Berufsschule stellte jedoch in diesem Fall fest, dass die Lernende keinen fehlerfreien Satz Französisch bilden konnte. Die Enttäuschung war natürlich gross, die Lernende verstand die Welt nicht und musste erst wieder Vertrauen in die Notengebung fassen.

Wir stellen aber klar fest, dass die Folgen der Pandemie echte Lücken beim schulischen Können verursacht haben. Die Schulschliessungen, die vielen Unterrichtsausfälle, der Digitalunterricht, das spüren wir.

Wie erklären Sie sich dies?

Ich rief die Schulleitung an, die sehr offen kommunizierte. Die Klasse hatte viele Lehrerwechsel und war schwer zu führen. Eine junge, unerfahrene Lehrerin stellte den Kids dann zu guten Noten ins Zeugnis. Eher nicht empfehlenswert.

Was machen Sie, wenn eine Lernende die Ausbildung nicht schafft?

Wir haben zwischen null bis zwei Lehrabbrüche pro Jahr. Ab und zu müssen wir die Leute in einen AGS-Lehrgang umteilen (Assistenz Gesundheit und Soziales), der einer EBA-Ausbildung entspricht.

Sind die Leistungen generell gesunken?

Das kann ich nicht pauschal beurteilen. Wir stellen aber klar fest, dass die Folgen der Pandemie echte Lücken beim schulischen Können verursacht haben. Die Schulschliessungen, die vielen Unterrichtsausfälle, der Digitalunterricht, das spüren wir.

Inwiefern?

In den schulischen Fächern gibt es Lücken: Zinsrechnungen, Umrechnungen, Satzglieder – es fehlen einfach früher vorhandene Kenntnisse.

Ein Junge auf 13 Mädchen

Wie ist das Verhältnis zwischen Mädchen und Jungs?

In der Regel auf einen Jungen 13 Mädchen?

Von meinen Ex-Schülerinnen, welche eine FAGE-Ausbildung machen, höre ich oft, dass die Arbeit stressig, anstrengend und hart sei.

Das kann ich nachvollziehen. Der Personalmangel wirkt sich auch auf die Arbeitssituation der FAGE-Lernenden aus. Sie müssen rasch lernen, sich für ihr eigenes Lernen zu engagieren. Die Begleitpersonen werden oft gewechselt, da Personalausfälle zu Planungsänderungen führen. Dies macht die Ausbildung komplexer.

Gehören auch Nachtdienste dazu?

Ja, jedoch erst gegen Ende der Ausbildung. Die Jugendschutzvorschriften und das Arbeitsrecht geben hier Leitplanken. Nachtdienst ist aber ein wichtiger Aspekt. Wenn die ausgebildeten FAGE-Lehrlinge in den normalen Pflegedienst kommen und noch nie eine Nachtschicht erlebt haben, ist das alles andere als gut. Vor allem in der Westschweiz gibt es Lehrgänge, die beginnen um 07.00 Uhr morgens und enden gegen 17.00 Uhr, und das in einer 5-Tage-Woche. Sie lernen nie den komplexen 24-Stundenbetrieb eines Spitals kennen respektive wie sie selbst mit der Tag-Nacht-Umstellung zurechtkommen.

Es ist kein Tag wie der andere.

Wie kann man die Ausbildung attraktiver machen?

Da passiert einiges, wir bieten Karrieremöglichkeiten wie den Anschluss an die Höhere Fachschule. Vor allem aber können unsere FAGE-Lehrlinge im dritten Lehrjahr selbst die neuen Lernenden in gewissen Situationen anleiten und an der Ausbildung mitwirken.

Das hebt die Motivation?
Vor kurzem hatte ich eine Krisensituation mit einer jungen Lernenden. Sie hatte die ständige Arbeit im Hygienebereich, die Administration und das Putzen satt. Sie interessierte sich – wie viele – vor allem für den medizinaltechnischen und patientenbezogenen Bereich. Ich erklärte ihr, dass sie bald ihren Nachfolgerinnen, also den frischen Lernenden, genau diese Arbeit erklären und beibringen dürfe, also eine grosse Verantwortung übertragen bekommt. Mit dieser Aussicht ist es mir gelungen, ihre Haltung zu verbessern.

Warum ist der Pflegeberuf interessant, diese Ausbildung attraktiv?

Zunächst einmal ist er unverzichtbar. Die Lernenden wissen, wie wichtig ihre Tätigkeit ist, da steckt viel Sinn dahinter. Dann ist kein Tag wie der andere, du arbeitest im Team, du bist mit Lebensschicksalen konfrontiert, jeder Patient bringt seine eigene Lebenssituation mit, das ist interessant und faszinierend, braucht individuelle Anpassungen. Und schliesslich lernst du den menschlichen Körper in all seinen Facetten kennen.

Frau Ghidelli, herzlichen Dank für das Gespräch

Verwandte Artikel

Nach dem Mille Feuilles-Debakel: Regierungsrätin Häsler meldet sich noch einmal bei den Unterzeichnerinnen und Unterzeichnern des Offenen Briefes

Bereits am 6. Dezember wandte sich die Berner Bildungsdirektorin Christine Häsler mit einem Schreiben an die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner des “Offenen Briefes”. Darin bekundete sie, dass sie das Problem ernst nehme, und versprach, dass auch noch von den kantonalen Bildungsdirektionen der Passepartout-Kantone eine Reaktion erfolgen werde. Dazu ist es nicht gekommen, weshalb Frau Häsler sich erneut bei uns meldete. Die Redaktion des Condorcet-Blogs möchte auch diese Reaktion ihren Unterstützerinnen und Unterstützern zur Kenntnis bringen. Sie zeigt, dass im Kanton Bern eine Direktorin am Werk ist, die konsequent auf den Dialog setzt. Vielleicht ist es ja ein Zufall, dass in beiden Kantonen, die auf die Kritik der Eltern und Lehrkräfte reagiert haben, Frauen am Ruder sind, während das Schweigekartell der anderen Kantone von Männern geleitet wird.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert