29. November 2022

Bericht aus dem Klassenzimmer: Manche Schüler sind regelrecht verwildert.

Der Gymnasiallhrer Sandro Trunz wurde bereits im Condorcet-Blog von seinem Kollegen Alain Pichard interviewt. Nun hat er in der Sonntagszeitung nachgedoppelt. In einem Gespräch mit der Journalistin Nadja Pastega redet er Klartext.

Sandro Trunz (45) erzählt von seinem Knochenjob als Lehrer einer 3. Sekundarschule.
Nadja Pastega, studierte Germanistin und Historikerin, arbeitet für den Nachrichten- und Hintergrundbund «Fokus» der SonntagsZeitung.

 «Ich bin Gymnasiallehrer und unterrichte derzeit an einer Sekundarschule in Biel. Als ich hier anfing, bin ich auf die Welt gekommen. Es herrschten irgendwie chaotische Zustände. Meine Klasse hatte in den letzten zwei Jahren mehr als sechs Lehrerwechsel erlebt. Manche Schüler sind regelrecht verwildert. Von Kolleginnen und Kollegen höre ich, dass es derzeit unüblich viele Problemfälle gibt – eine Folge des Lehrermangels und des Corona-bedingten Ausfalls von Lektionen.

Auf offene Stellen gibt es viel zu wenige bis gar keine Bewerbungen, schulfremde Leute rutschen rein, die den Job als Lückenbüsser machen und denen zum Teil die nötigen Qualifikationen fehlen. Zum Teil werden im Französischunterricht nur Lieder abgespielt, weil die Lehrpersonen die Sprache nicht beherrschen.

Es geht vorerst darum, Ruhe in den Betrieb zu bringen.

Das Frappierendste ist für mich diese grundsätzliche schülerische Lethargie und absolute Unfähigkeit, zu lernen oder einfach mal ruhig dazusitzen. Etwa ein Viertel der Schüler stört, vor allem die Jungs. Zu Beginn musste ich einen nach dem anderen vor die Tür schicken. Als ich dann nach einigen Minuten mit ihnen reden ging, sassen diese Störenfriede weinend im Flur.

In meiner 3. Sekundarschulklasse gibt es 23 Schülerinnen und Schüler. Ich unterrichte sie seit Anfang Jahr. Etwa 80 Prozent haben Migrationshintergrund, viele kommen aus unterprivilegierten Schichten. Die Lehrer machen einen Superjob, und es gibt auch wunderbare Schüler. Aber als ich vor der Klasse stand, habe ich gemerkt: Hier herrscht kein Klima, in dem in irgendeiner Form gearbeitet werden kann. Es geht vorerst darum, Ruhe in den Betrieb zu bringen.

Viele Schülerinnen und Schüler sind unkonzentriert, unruhig, desorganisiert. In der kleinsten Pause – selbst auf einem Skiausflug auf der Piste, wenn man mal eine Minute warten muss – haben sie wieder das Handy in der Hand. Sie gamen und zocken und posten. Die Pandemie hat das sicher gefördert, weil sie viel allein waren.

Es ist krass, wenn in einem Klassenzimmer niemand etwas machen will und eine totale Anschisskultur herrscht. Ein Schüler startete mal in meinem Französischunterricht aus eigenem Antrieb eine Umfrage: Wen das hier eigentlich interessiere, solle aufstrecken. Niemand hob die Hand. Logisch, niemand wollte sich blamieren. Einen Moment lang, als ich da vor 23 Nasen stand, wusste ich nicht weiter und dachte: Das ist jetzt wirklich der Todesstoss. Ich habe dann die Schulleitung geholt – zum ersten Mal in meiner Karriere.

Jemand sagte mal, wir Lehrer seien gut bezahlte Bürolisten, weil wir inzwischen einen riesigen administrativen Aufwand betreiben müssen: Lern- und Kompetenzdossiers erstellen, Berichte schreiben, ständig in Kontakt mit Behörden sein. Hinzu kommen hohe Anforderungen, schwierige Situationen im Klassenzimmer und dann noch die Pandemie – das hat vielen den Rest gegeben.

Mich nerven diese schöngeistigen Unterrichtskonzepte und pädagogischen Wunder-Theorien, die an den pädagogischen Hochschulen gelehrt werden. Sie haben wenig mit der Realität zu tun. Diesen Leuten in den warmen Studierstuben sollte man mal ein Jahr Pflichtpensum an dieser Schule verschreiben.

«Selbstorganisiertes Lernen». Tönt super, funktioniert aber oft nicht.

Das beste Beispiel ist das «selbstorganisierte Lernen». Tönt super, funktioniert aber oft nicht. In jeder Klasse gibt es ein paar Selbstläufer, die man mit einem Buch in die Ecke schicken kann und, siehe da: Sie lernen Englisch. Aber bei allen anderen muss man sich mit jedem einzelnen Schüler hinsetzen, sonst läuft gar nichts.

Mir geht es nicht nur um fachliche Kompetenzen. Ich möchte meinen Schülern auch anderes beibringen, was im Berufs- und Alltagsleben zählt: Pünktlichkeit, Haltung, Ordnung. Ich habe mal für zwei Wochen das Tragen von Trainerhosen verboten, weil es mir schlicht zu viel wurde und ich festgestellt habe, dass für einzelne die Schule die Verlängerung der Couch zu Hause darstellt. Es gibt keinen Übergang vom Chillen. Das ist ja die Hauptbeschäftigung dieser Generation. Wer trotzdem im Trainer kam, musste joggen gehen – mit der App eines Sportartikelherstellers.

Kleidung fällt zwar in die Verantwortung der Eltern, aber wenn es von zu Hause aus nicht gesteuert wird, sollte man eingreifen. Sonst bekommen es gewisse Jugendliche hin und latschen im Trainer und in Adiletten zum Vorstellungsgespräch.

Was mich bedrückt: Das schulische Niveau ist bei manchen Schülerinnen und Schülern erschreckend tief.

Oder nehmen wir Pünktlichkeit. Es gibt Jungs, die zu spät in den Unterricht kommen und sich nicht mal beeilen – die Kopfhörer mit Musik in den Ohren – und die sich dann am Pult schräg in den Stuhl fläzen. Das ist zum Teil wirklich eine Parodie, wo du denkst: Willst du mich veralbern?

Ein anderes Mal kam ein Schüler, der nicht zu meiner Klasse gehört, mitten in meiner Lektion wortlos rein, ging zum Brünneli und trank Wasser vom Hahn. Was er denn da mache, wollte ich wissen. Das Wasser schmecke hier besser, erklärte er. Einige Kolleginnen und Kollegen sind dazu übergegangen, dem Geläuf nach Lektionsbeginn Einhalt zu gebieten, dann darf keiner mehr das Schulzimmer betreten. Der Unterricht verträgt keine ständigen Störungen.

Was mich bedrückt: Das schulische Niveau ist bei manchen Schülerinnen und Schülern erschreckend tief. Sie kommen nach vier Jahren Frühfranzösisch in die Sekundarschule und können in einem Französischtext praktisch nichts vorlesen. Nicht mal qu’est-ce que c’est. Das wird wie Deutsch vorgelesen.

Auch der Stand im Deutschunterricht ist bei vielen Kindern ungenügend. Der hohe Migrationsanteil mag eine Erklärung sein. Aber das allein kann es nicht sein. Ich selber lasse auch Diktate schreiben. In der heutigen Pädagogik ist das völlig verpönt.

Ich hatte eigentlich vor, bloss ein halbes Jahr auszuhelfen, also nach den Sommerferien  wieder zu gehen. Zumal ich zehn Prozent weniger verdiene als ein Sekundarlehrer, weil ich das  Gymnasiallehrdiplom und damit die «falschen» Papiere habe. In Zeiten des Lehrermangels finde ich das grotesk. Aber einen weiteren Lehrerwechsel wollte ich meinen Schülerinnen und Schülern nicht zumuten. Ich bleibe noch ein Jahr – bis sie ihre Schulzeit beendet haben.»

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1 Kommentar

  1. Eindrücklich, der Bericht über diese 3. Sek. in Biel! Hut ab vor Lehrerinnen und Lehrern, die in einem Umfeld wie dem geschilderten durchhalten!
    Wären die Probleme nicht bitter ernst, könnte man ob gewissen Einfällen dieser Schülerschar fast etwas schmunzeln; die Idee einer ad-hoc-Umfrage
    im laufenden Unterricht, ob der Stoff überhaupt jemanden interessiere, ist ja wirklich originell. Drei Bemerkungen zum Artikel. Vom Vorschlag,
    dass Dozenten an einer pädagogischen Hochschule Pflichtpensen an solchen Schulen absolvieren müssten, las man schon andernorts. Er ist phänomenal,
    dann kämen garantiert die “schöngeistigen Unterrichtskonzepte” und gewisse weltfremde Theorien rasch unter die Räder. Ferner hat wohl die
    Lehrerschaft, je tiefer ihre Stufe, schon lange gemerkt, dass in manchen Klassen das “selbstorganisierte Lernen” gemäss Lehrplan 21 in den
    Bereich der Illusionen gehört. Mit gut geführtem Klassenunterricht steht und fällt der Lernerfolg – gilt nicht nur hier. Und was wir bezüglich
    Französisch hören, ist Wasser auf die Mühlen von Gegnern der Frühfremdsprachen. Der Aufwand steht in keinem Verhältnis zum Ertrag.

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