7. Oktober 2022

Schulleitungen kontrollieren die Lehrkräfte, wer kontrolliert die Schulleitungen?

Das Berufsbildungszentrum in Biel (Berufsschule) war seit anderthalb Jahren ein Ort wüster Auseinandersetzungen zwischen einer neugewählten Direktorin und dem ihr unterstellten Personal. Am 11. August beendete die Amtsleiterin, Frau Gisin, das Arbeitsverhältnis mit Frau Mertens, nachdem man monatelang alle Klagen, Warnungen und Fehlentscheidungen nicht hatte wahrnehmen wollen. Das zuständige Amt, dem eigentlich die Aufsicht über das Führungspersonal obliegt, möchte nicht zurück, sondern vorwärtsschauen. Das stösst auf Kritik. Unser Condorcet-Autor Alain Pichard hat den Fall bis in die tiefesten Abgründe studiert und verfügt über viel Insiderwissen. Er bezeichnet die Vorgänge als unglaublich und fordert mit den Lehrkräften dieser Schule eine Aufklärung über das Verhalten der Aufsichtsbehörde.

Alain Pichard, Lehrer Sekundarstufe 1, GLP-Grossrat im Kt. Bern und Mitglied der kantonalen Bildungskommission: Warum ist das Burnout mit nachträglicher grosszügiger Abfindung immer die Lösung?
Barbara Gisi, Amtsleiterin MBA: ” Wir haben die Anliegen ernst genommen.”

Am 11. August 2022 beendete die Amtsleiterin des MBA (Mittelschul- und Berufsbildungsamt), Frau Gisi,  vorläufig einen anderthalb Jahre schwelenden Konflikt zwischen der Direktorin des BBZ (Berufsbildungszentrum) und der Belegschaft. Nach der Entlassung von Frau Mertens mahnte die sichtlich angespannte Chefbeamtin, man wolle jetzt vorwärtsschauen. Nicht wenige der anwesenden Frauen und Männer sahen sich verdutzt an. Aus der Perplexität wurde schliesslich Ärger und bei nicht wenigen machte sich ein regelrechter Zorn breit. Hatte man nicht vor den Sommerferien runde Tische erzwungen, in denen sämtliche Verfehlungen der Direktorin auf den Tisch kamen? Hatte man nicht versprochen, die angefertigten Protokolle, welche das ganze Ausmass dieser Fehlbesetzung offenbarten, den Beteiligten zuzusenden? Amtsleiterin Gisi meinte: «Wir haben es zwar versprochen, aber jetzt verzichten wir darauf. Wir wollen vorwärtsschauen.»

Wurde vor anderthalb Jahren nicht eine Frau als Direktorin angestellt, die kurz zuvor nach einem halben Jahr Leitung der PH-Fribourg ihres Postens enthoben wurde und nach einem weiteren halben Jahr Burnout die Hochschule verliess? Egal, wir müssen vorwärtsschauen.

Haben die Aufsichtsbehörden nicht schon sehr früh Dutzende von Briefen, Beschwerden und Anklagen erhalten, welche die Amtsführung der Direktorin kritisierten? Und gab es nicht schon zu Beginn Kündigungen im Kader und bei den Lehrkräften? Und haben die Behörden nicht auf eine parlamentarische Anfrage mit dem Satz: «Die Personalfluktuation ist mit dem Führungswechsel leicht erhöht, wie es bei Führungswechseln oft der Fall ist», reagiert?  Schwamm drüber, wir müssen jetzt vorwärtsschauen.

Und wurde nicht ein ganzer ICT-Bereich unter horrenden Kosten in den Sand gesetzt? Ist natürlich unschön, aber wir müssen jetzt vorwärtsschauen.

Wurde nicht ein Treuhandbüro eingesetzt, um Personaldossiers zu bearbeiten, obwohl ein kompetenter Mann im BBZ das gemacht hätte, der aber vorzeitig von der Direktorin vergrault wurde? Und hat dieses Treuhandbüro nach einem halben Jahr nicht erst einen Bruchteil der Dossiers bearbeitet? Mag sein, aber jetzt muss man vorwärtsschauen.

Wurde nicht eine Retraite angesetzt mit dem Ziel der Teambildung, obwohl es sich offensichtlich um ein Führungsproblem handelte? Und wurde nicht ein ganzer ICT-Bereich unter horrenden Kosten in den Sand gesetzt? Ist natürlich unschön, aber wir müssen jetzt vorwärtsschauen

Reto Lindegger, als Troubleshooter in der Direktion, obwohl ja eigentlich eine Vizedirektorin da gewesen wäre.

Hat diese Direktorin nicht eine stellvertretende Direktorin eingesetzt, die weder über eine Lehrbefähigung noch über geeignete Papiere verfügte, so dass diese jetzt nach der Entlassung nicht einspringen kann? Und musste deshalb nicht mit der Person von Herrn Lindegger ein externer Troubleshooter eingesetzt werden? Schon möglich, aber jetzt müssen wir vorwärtsschauen.

Und wozu gibt es diese stattliche Anzahl von Schulinspektoren und Juristen, die sich dieses Amt leistet? Wieso werden hier ständig externe Stellen mit Abklärungen beauftragt, Mediationen angeordnet, Coaches rekrutiert, die an teuren Wochenenden in Hotels Teambildungen einüben, wo es ja um Führungsversagen geht?

Und als einzelne Lehrkräfte sich in ihrer Verzweiflung an die Öffentlichkeit wandten und die ersten Presseberichte erschienen, wurde diesen dann nicht ein Maulkorb verpasst, mit personellen Konsequenzen gedroht und von Amtsgeheimnisverletztungen fabuliert? Ja, schon, aber das sind halt Vorgänge, an die man sich halten muss, und jetzt müsse man halt vorwärtsschauen.

Die Amtsleiterin, Frau Gisi, sprach davon, dass man es gut hätte machen wollen und man könne nicht eine Person einfach entlassen. Man staunt. In Fribourg ging es ein halbes Jahr, bis man sich von Frau Mertens trennte, im Kanton Bern anderthalb Jahre. Aber egal, wir müssen vorwärtsschauen.

Für die gebeutelten Lehrkräfte ist der Fall klar. Hier soll das kolossale Versagen der Aufsichtsbehörden vertuscht werden. Wenn eine Behörde, die selbst stets Professionalität einfordert, sich derart unprofessionell verhält, muss man sich grundsätzliche Fragen stellen. Was ist eigentlich die Aufgabe einer Amtsleiterin, die immerhin ein Salär von über 170’000 Fr im Jahr erhält? Und wozu gibt es diese stattliche Anzahl von Schulinspektoren und Juristen, die sich dieses Amt leistet? Wieso werden hier ständig externe Stellen mit Abklärungen beauftragt, Mediationen angeordnet, Coaches rekrutiert, die an teuren Wochenenden in Hotels Teambildungen einüben, wo es ja um Führungsversagen geht? Und schliesslich darf sich der normale Arbeitnehmer durchaus fragen, warum in den oberen Chargen immer das Burnout mit anschliessend grosszügiger Abfindung den Konflikt beendet. Ist das nicht auch ein Affront gegenüber Menschen, die unverschuldet in schwierige Depressionen geraten? Der dänische Philosoph Kierkegaard meinte einmal: „Man muss das Leben vorwärts leben und rückwärts verstehen.“

Unter uns: Ich verstehe rückwärts gar nichts.

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3 Kommentare

  1. Der Bericht von Alain Pichard hat eine erstaunliche Ähnlichkeit mit den Zuständen im Kanton Zürich. Dort erlebte ich die unerträgliche Leichtigkeit der Führung einer inkompetenten Schulleitung ab 2018 unter Ozan Kaya. Der Kern des Problems, die mangelnde Aufsicht des MBA, wurde in den Lehrerverbänden (z.B. im ZLB) festgehalten und diskutiert. Geändert hat sich bis heute nichts.

  2. Der Wasserkopf der Administrativ-Sesselfurzer ist zu gross, eine Druckentlastung täte not. Die Spitze der pädagogischen Bedeutungspyramide ist schon seit langem keine Spitze mehr, sondern eine faulig stinkende Eiterbeule.
    Schulleitungspersonen haben oft viele persönliche Defizite, die sie in ihrer Fantasie von Allmacht zu kompensieren glauben – ein sich andauernd wiederholender Fehlschluss.
    Dass die Aufsichtsbehörden handeln oder gar ihren Job machen ist eine weitere Fehlanzeige. Das Wort “Aufsicht” impliziert den Vorgang des Sehens und Wahrnehmens. Doch wer beide Hände vors Gesicht hält oder den Kopf in den Sand steckt, kann eben nicht sehen.
    Aber: Wir müssen jetzt vorausschauen…

  3. Das Schlimmste an Alain Pichard’s Bericht über die unsäglichen Zustände eines Führungsversagens an seiner Schule ist das gebrochene Versprechen der Vorsteherin des MBA, Frau Gisi, diese Zeit des unnötigen Leidens bis zur Verzweiflung für die Lehrpersonen aufzuarbeiten zu brechen. Das schadet nicht nur der Person von Frau Gisi, sondern auch dem Amt des MBA, welches durch eine solche Haltung unglaubwürdig für jedes “Vorwärtsschauen” geworden ist. Der Bericht von Pichard beschreibt ein Malaise von unten, der Lehrpersonen in ihrer Betroffenheit, bis nach oben zur Spitze der Aufsichtsbehörde. Da ich Ähnliches an der Allg. Berufsschule Zürich erlebt habe, frage ich mich, inwiefern dieses Thema einer veritablen Führungskrise einen nationalen gesetzgeberischen Reformbedarf signalisiert. Schliesslich sind offenbar viele Kantone von dieser Führungskrise betroffen und, schliesslich geht es letztlich auch darum, die Qualität des schweizerischen Berufsbildungssystems zu erhalten. Daran ist die Wirtschaft wie der Steuerzahler interessiert.

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