18. August 2022

Volle Universitäten, leerer Arbeitsmarkt

Professor Mario Andreotti, Autor von “Eine Kultur schafft sich ab” analysiert die Gründe des Fachkräftemangels in unserem Land. Er sieht die Bildungspolitik der vergangenen Jahrzehnte in der Verantwortung.

Mario Andreotti, Germanist, Kolumnist und Autor: Schleichende Aushöhlung unseres dualen Systems.

«Volle Terrassen, aber kein Personal», so der Titel eines kürzlich erschienenen Beitrags im «Migros Magazin». Dass Kellnerinnen und Kellner landauf, landab Mangelware sind, ist längst bekannt. Aber der Personalmangel betrifft nicht nur das Gastgewerbe, er betrifft fast den ganzen Arbeitsmarkt: Es fehlen Bauingenieure, Bauführer, Polymechaniker, Klimatechniker, Informatiker; es fehlen Handwerker; es fehlen in den Spitälern und Seniorenheimen Pflegerinnen und Pfleger; es fehlt bei den Fluggesellschaften an Boden- und Kabinenpersonal; es fehlen Lehrerinnen und Lehrer, Heilpädagoginnen und Heilpädagogen. Die Liste liesse sich fast beliebig fortsetzen. Die Schweiz zählt heute mehr offene Stellen als Arbeitslose.

Fragen wir nach den möglichen Gründen für diesen eklatanten Fachkräftemangel, so ist vor allem ein Grund zu nennen: die schleichende Aushöhlung unseres dualen Ausbildungssystems, d.h. einer Ausbildung, die sowohl im Betrieb als auch in der Berufsschule erfolgt, wie sie in der Schweiz Tradition besitzt und wie sie ihr die niedrigste Arbeitslosenquote und eines der höchsten Pro-Kopf-Einkommen beschert hat. Doch da trat im Zuge der jüngsten Bildungsreformen, von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, ein tiefgreifender Wandel ein. Viele berufliche Ausbildungsgänge, wie etwa die Pflegeberufe oder Berufe im Erziehungsbereich, wurden zum einen an die Fachhochschulen verlegt und damit akademisiert und zum andern verloren nichtakademische Berufe, allen voran

Es fehlt überall

Berufe im Gastgewerbe, zunehmend an Wertschätzung. Das führte fast zwingend dazu, dass immer mehr junge Menschen an die Fachhochschulen und Universitäten drängen, ja dass die Hochschulen seit gut zwei Jahrzehnten von immer mehr Studierwilligen geradezu geflutet werden. Die Universitäten, die bisher einer mehrheitlich geistigen Elite vorbehalten waren, sind heute Massenuniversitäten mit teils mehr als 20’000 Studierenden und deutlich verschlechterten Lernbedingungen. Nicht anders die Gymnasien: Aus den einstigen Elitegymnasien wurden Massengymnasien mit zu vielen Schülern, die den intellektuellen Anforderungen eines Gymnasiums im Grunde nicht gewachsen sind.

Das alles blieb nicht ohne Folgen. Die fachlichen Anforderungen an den Gymnasien wurden auf politischen Druck hin, vor allem in den beiden zentralen Fächern Deutsch und Mathematik, teils massiv abgesenkt, so dass heute in den Maturitätszeugnissen häufig Studierfähigkeit bescheinigt wird, wo diese gar nicht gegeben ist. Das zeigen die recht hohen Durchfall- und Abbrecherquoten an den Universitäten – vor allem in Kantonen mit einer hohen Maturitätsquote. Und wer das staatliche Gymnasium auch so nicht schafft, dem steht immer noch der Weg über eine Privatschule offen. Privatschulen, wie beispielsweise die AKAD oder die Minerva, verkommen so häufig zu reinen Dienstleistungsbetrieben, in denen fast niemand durchfallen darf. Ich spreche da aus langjähriger Erfahrung als Examinator und Experte an einer dieser Schulen.

Wenn immer mehr Jugendliche im Glauben, man könne nur als Akademiker ein zufriedenes, finanziell abgesichertes Dasein fristen, an die Hochschulen strömen, bleibt für die Berufslehren nur noch ein Rest an Bewerbern übrig, die häufig über schulische Defizite verfügen.

Wenn immer mehr Jugendliche im Glauben, man könne nur als Akademiker ein zufriedenes, finanziell abgesichertes Dasein fristen, an die Hochschulen strömen, bleibt für die Berufslehren nur noch ein Rest an Bewerbern übrig, die häufig über schulische Defizite verfügen. Dabei sind auch in den Berufslehren gute Anwärter gefragt, denn niemand wird behaupten wollen, dass heute in vielen Berufslehren neben dem ausgeprägten Praxisbezug weniger Fachwissen gefordert wird als von Studierenden an Hochschulen. So ist die Schweiz denn gut beraten, wenn sie im Vergleich zu anderen Ländern ohne duales Bildungssystem die Maturitätsquote relativ tief hält und zum andern den nichtakademischen Berufen wieder mehr Wertschätzung entgegenbringt, wenn unter anderem über mehr Aufstiegsmöglichkeiten in diesen Berufen, über flexiblere Arbeitszeitmodelle und bessere Rahmenbedingungen nachgedacht wird. Dann werden auch die Betriebe ihre Lehrstellen wieder mit genügend fähigen Lehrlingen besetzen können.

 Mario Andreotti

 Dozent für Neuere deutsche Literatur und Buchautor («Ein Kultur schafft sich ab»)

 

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3 Kommentare

  1. Als Sekundarlehrer kann ich dies alles nur bestätigen. Als über 50-jähriger Mann mit einem Zweitberuf kann ich zudem die Entwicklung in der schweizerischen Bildungslandschaft und dem Arbeitsmarkt doch etwas überblicken. So ist es mir immer ein grosses Anliegen gewesen, möglichst viele meiner Abschlussschülerinnen und -schüler gut qualifiziert (mathematisch und auch sprachlich!), aber auch menschlich gereift in die weitere Berufsbildung zu entlassen. Mit Genugtuung und Freude darf ich feststellen, dass dies beinahe alle geschafft haben, einige sogar mit begleitender Berufsmaturität. Allerdings war es nie mein Ziel, möglichst viele Schülerinnen und Schüler ins Gymnasium zu «befördern». Dieses ist meines Erachtens nur für überdurchschnittlich intelligente, neugierigere und auch diszipliniertere Schülerinnen und Schüler geeignet.

    Überdies bin ich wie Andreotti überzeugt: Die Gesellschaft über-schätzt die gymnasial-universitäre Bildung und unter-schätzt die Berufsbildung, aber auch die «einfacheren» Arbeiten und Dienstleistungen wie z.B. Servicefachangestellte in der Gastronomie. Entsprechend werden solche unentbehrlichen und wichtigen Tätigkeiten auch schlechter bezahlt. Diese Falsch-Einschätzung und -bewertung wird leider durch viele geldgierige und sich ihrer Machtposition bewussten Arbeitgeber ausgenützt – ergänzt durch das gestiegene Anspruchsdenken an einen gehobenen Lebensstandard in unserer Gesellschaft. Dies hingegen führt wiederum dazu, dass angesichts der steigenden Kosten und Ansprüche in einer Familie immer häufiger beide Elternteile arbeiten müssen oder wollen. Der Staat übernimmt angesichts dieser Entwicklungen nur zu gerne die Verantwortung für die heranwachsende Jugend: Kitas ab frühestem Kindesalter, Kinderhorte, Mittagstische, ergänzende schulische Freizeitprogramme, zunehmender (und geforderter) Abbau von Hausaufgaben lassen grüssen.

    Obwohl ich in mancher Hinsicht ein optimistischer Mensch und (hoffentlich) fröhlicher Lehrer bin, bin ich doch realistisch genug, um zu erkennen, wohin uns diese Entwicklung führen wird: in eine Gesellschaft, die aus zumeist staatsabhängigen und obrigkeitshörigen, unmündigen Bürgern besteht, die sich zu gern kontrollieren lassen, wenn sie als Entgelt für gewünschtes richtiges Verhalten bestimmte Vorteile erhalten – siehe das geplante Sozialkreditsystem in Bologna (nach chinesischem Vorbild?). Dies alles wird uns jedoch in eine moderne Form der Sklaverei führen. – Ach, ich verliere mich. Vielleicht könnte der Condorcet-Blog die Thematik einmal aufgreifen und in einen grösseren geschichtlichen Zusammenhang stellen? (Stichworte: Neomarxismus, Neoliberalismus, Wertezerfall – welcher Werte?)

  2. Wenn die Lösung so einfach wäre! Es gibt da ein magisches Wort, das alle Bemühungen um striktere Selektion der Gymnasiasten lähmt: Chancengleichheit, Chancengerechtigkeit. Soziologen und Bildungsbehörden werden nicht müde, darauf hinzuweisen, dass Kinder und Jugendliche aus weniger begüterten und gebildeten Elternhäusern an Gymnasien und Universitäten untervertreten sind. Ebenso seien Kinder, wenn sie in Kleinklassen speziell gefördert würden, diskriminiert und müssten daher in Regelklassen beschult werden. Vielfältig sind die vorgeschlagenen Lösungen: Sprachliche Frühförderung, Einheitsklassen und jahrgangsübergreifende Klassen auf der Sekundarstufe, Kompetenzorientierung und Lernstandards (Lehrplan 21), Integration der Schwachen und Auffälligen, Digitalisierung, Individualisierung, Frühfremdsprachen, hürdenfreie Übertritte in höhere Schulen, etc. Allerdings zeitigen diese Reformen bisher wenig Erfolg: Statt Chancengleichheit erntet man Niveausenkung bei allen (besonders aber bei den schwächeren Lernenden), Unterrichtsstörungen und Konzentrationsverlust, Lernfrust, überforderte Lehrpersonen.

  3. Und wie integrieren sich die Unidiplomierten oder Uniaussteiger auf dem Arbeitsmarkt?
    Auf Arbeitssuche zerschellen viele am schlechten Willen der Arbeitergeber. Die Gründe, diesen jungen Menschen keine Arbeit zu geben, tönen immer gleich: keine Berufserfahrung und eigentlich fehle ihnen die Grundausbildung eines EFZ. Dies nachzuholen zeigt sich unmöglich. Ab 20 Jahren bekommt niemand mehr eine Lehrstelle. Alternativen für beschleunigte EFZ Ausbildungen gibt es nicht. Rosset

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