9. August 2022

Vorbild Schule oder der Selbstorganisierte Fussball

Alain Pichard und seine Kollegin liegen natürlich falsch. Es ist umgekehrt: Die Schule darf sich nicht vom Fussball anregen lassen, sondern der Fussball soll sich den Reformen der Schule öffnen und sich diese zu eigen machen. Felix Schmutz stellt uns mit dem Selbstorganisierten Fussball (SOF) eine wahrhaft revolutionäre Idee vor, mit der sich dieser Sport von seinem latenten Gewaltpotenzial befreien kann.

Felix Schmutz, Baselland: Wichtig ist die Soziakompetenz, nicht das Resultat.

Immer wieder kommt es vor, dass Teams wie der FC Basel schmerzliche Niederlagen einstecken müssen. Das ausschliessliche Leistungsdenken, das ganz auf die Anzahl der erzielten Tore ausgerichtet ist, verfälscht den Sinn des Fussballspiels. Die Spielqualitäten der einzelnen Spieler*innen (ihre Sachkompetenz), der Team- oder Gemeinschaftsgeist (die Sozialkompetenz), Initiative und Entscheidungsfreude (die Selbstkompetenz) werden völlig unzureichend an der Anzahl Tore gemessen. Was heisst schon 2:1? Sind Spieler*innen, die in einem Match nur 1 Tor erzielt haben, tatsächlich unfähiger als die gegnerische Mannschaft mit 2 Toren? Hängt das Resultat nicht oft von Zufällen ab?

Und doch entscheiden diese lächerlichen Zahlen über Auf- und Abstieg der Clubs. Die undifferenzierte Torschussrechnerei beeinflusst letztlich auch die Zuschauerzahlen, die Finanzen, ja sogar die Gewinne beim Sport-Toto. Die unzulängliche Leistungsbeurteilung bestimmt die Chancen der Clubs und die Laufbahn der Spieler*innen. Die Ungerechtigkeit dieses Systems ist es, welche die SpielerInnen entmutigt und zu Misserfolgen führt.

SOF ist eine der Voraussetzungen für den Guten Fussball.

An dieser Stelle setzen die Reformen an: Das Projekt arbeitet mit SOF, dem selbstorganisierten Fussball. SOF erlaubt den Spieler*innen, ihren individuellen Fähigkeiten und ihrem eigenen Tempo gemäss zu spielen. Die dadurch gewonnene Selbständigkeit wirkt wieder auf das Team zurück. SOF ist eine der Voraussetzungen für den Guten Fussball.

Ein Besuch beim SOF-Club Basel führt uns den neuen Fussball praktisch vor: Hier rennen nicht mehr elf Männer oder Frauen stur und verbissen einem Ball nach. Nein, Männer und Frauen bewegen sich gemeinsam, frei und leicht auf dem Spielfeld. Selbstverständlich stehen mehrere Bälle zur Verfügung, welche die Spieler*innen einander gleichzeitig zuspielen. Die ganze Hektik der früheren Spielweise ist einem ruhigen, gelösten Spielbetrieb gewichen. Es kommt auch vor, dass sich eine Spielerin oder ein Spieler allein mit dem Ball abgibt und sich selbstvergessen der schönen Ballakrobatik widmet. Auch das gehört zur neuen Spielkultur!

Die bisherige Praxis, dass Spieler*innen in unterschiedliche Ligen eingeteilt werden, widerspricht dem Gleichheitsprinzip der Allgemeinen Menschenrechte.

Je nach Neigung und Befindlichkeit können sich Spielerinnen und Spieler aus dem Spielfeld zurückziehen und auf den gemütlichen Sesseln am Rande (der Club hat sie zur Verfügung gestellt!) unterhalten oder sich ganz einfach am Spiel der Kolleg*innen erfreuen. So sind denn bald acht oder neun, manchmal aber auch vierzehn oder fünfzehn SpielerInnen auf dem Feld.

Frauen und Männer spielen im selben Team.

Die bisherige Praxis, dass Spieler*innen in unterschiedliche Ligen eingeteilt werden, widerspricht dem Gleichheitsprinzip der Allgemeinen Menschenrechte. Wer nicht in der Superleague oder Challenge League spielen darf, wird nämlich schlicht diskriminiert. Inklusion ist das Gebot der Stunde. Spielende aller Qualitätsstufen dürfen in der Mannschaft ihrer Wahl mitspielen. Es hat sich auch gezeigt, dass schwächere Spieler*innen von den stärkeren lernen können und mehr über sich hinauswachsen, als wenn ein fluchender Trainer sie drangsaliert und erniedrigt. Die Stärkeren profitieren ihrerseits, da sie lernen, auf die Schwächeren Rücksicht zu nehmen.

Auch die Zuschauer profitieren von SOF! Vorbei die Eintönigkeit, sich einem einzigen Ball und einer einzigen Spielperson zuwenden zu müssen. Stattdessen gibt es eine Vielfalt von Spielsituationen gleichzeitig zu beobachten. Auch Zuschaupersonen haben die Wahl, welchem Geschehen sie individuell ihre Aufmerksamkeit schenken wollen.

Auf einer speziellen Befindlichkeitsapp vermerkt er oder sie jeweils auch noch, wie er oder sie sich während der einzelnen Spielphasen fühlt.

Das Fussballfeld muss verkleinert werden!

Die Verkleinerung des Spielfeldes auf einen Viertel der früheren Fläche ist ein weiterer Gewinn! Die Wege vom Standort jedes Spielers und jeder Spielerin zu den Toren wird erheblich verkürzt. Dies führt nicht, wie Kritiker der Reform meinen, zu Bequemlichkeit. Im Gegenteil! Die kürzere Distanz motiviert dazu, die Wege immer öfter zurückzulegen.

Selbstverständlich zählt auch beim SOF die Leistung, allerdings nicht allein! Dadurch, dass jede Spielperson nach ihrem individuellen Tagesplan spielt, wächst der Anreiz, bessere Leistungen zu erzielen. Hier zeigt sich auch der grosse Gewinn, den die Digitalisierung dem Fussball bringen kann. Jede Spielerin/jeder Spieler trägt am Handgelenk ein Minitablet, auf dem er oder sie in eigener Verantwortung festhält, was er oder sie geleistet hat. Mit einem Fingerdruck markiert er oder sie die Anzahl Gegnertore, Eigentore, Cornerschüsse, Off-Sides, geglückte Ballabnahmen und Ballabgaben etc. Auf einer speziellen Befindlichkeitsapp vermerkt er oder sie jeweils auch noch, wie er oder sie sich während der einzelnen Spielphasen gefühlt hat.

Auf einer grossen Tafel am Rand des Spielfeldes erscheinen die Daten zeitgleich und sind für alle stets einsehbar. Jedes Mal, wenn ein Spieler/eine Spielerin in einem Fähigkeitsbereich die von den Clubs vorgegebenen Standards erfüllt, ertönt ein aufmunterndes akustisches Signal. Den Spielenden zeigt es an, dass sie eine bestimmte Kompetenzstufe gemeistert haben und sich nun einer schwierigen Spielsituation widmen dürfen, das Publikum seinerseits weiss, dass es jetzt applaudieren sollte.

Die Selbständigkeit der SpielerInnen erlaubt es den Schiedsrichter*Innen, sich auf anderes zu konzentrieren. Anstatt wie ein aufgescheuchtes Huhn den Spieler*innen hinterherzurennen und den Spielverlauf einseitig mit der unangenehm schrillen Pfeife militärisch und repressiv zu dominieren, verzichten sie weitgehend auf ihre Befehlsrolle und widmen sich intensiv der Beratung einzelner Spielpersonen und Gruppen. Sie helfen einzelnen Spielpersonen beim Erstellen des Tagesplans, stellen die notwendigen Bälle zur Verfügung und halten sich sonst weitgehend im Hintergrund. Ganz unverkrampft nehmen sie auch immer wieder Anregungen aus den Reihen der Spieler*innen entgegen. Schiedsrichter*innen und Spielpersonen begegnen sich nicht im Gegeneinander oder Übereinander, sondern im gleichberechtigten Miteinander.

Ranglisten der Clubs gehören endgültig der Vergangenheit an. Jede Gruppe ist prinzipiell gleichrangig. Wesentlich ist der Spielprozess, in dem sich die Leistung in vielen Teilfertigkeiten manifestiert und nicht in irgendwelchen Resultaten.

Die Beurteilung wird mitnichten abgeschafft oder aufgeweicht, wie böse Zungen behaupten. Sie wird sogar erweitert! EFB nennt sich diese erweiterte Fussballbeurteilung, nach der Spielerinnen und Spieler differenziert als Einzelperson, aber auch als Teammitglied in mehrseitigen Berichten beurteilt werden. Ranglisten der Clubs gehören endgültig der Vergangenheit an. Jede Gruppe ist prinzipiell gleichrangig. Wesentlich ist der Spielprozess, in dem sich die Leistung in vielen Teilfertigkeiten manifestiert, und nicht in irgendwelchen Resultaten. Der Spielverlauf selbst ist das Ziel, nicht der Sieg. Damit ist dem Fussball endlich das echt Sportliche zurückgegeben, der Sport ist vom schädlichen Leistungsdenken befreit.

Friedliches Miteinander statt feindliches Gegeneinander.

Nicht vergessen werden darf, dass damit auch der immer wieder auftretenden Gewalt auf Fussballplätzen der Boden entzogen wird. Feindliches Gegeneinander weicht dem friedlichen Miteinander. Die Fans der beiden Clubs treffen sich schon vor dem Spiel zur freundschaftlichen Vorfeier. Nach dem Spiel kommt es zu herzlichen Verbrüder- und Verschwisterungen.

Selbstverständlich hängt das Gelingen des Neuen Fussballs wesentlich von der Clubleitung, den Coaches und den Schiedsrichter*innen ab. Der gute Fussball ist ein geleiteter Fussball. Die Clubverantwortlichen entwerfen ein Leitbild, nach dem sie ihre gesamte Tätigkeit ausrichten. Regelmässige gemeinsame Fortbildung sorgt für Qualität und ständige Erneuerung.

VOSCHNEFU heisst das zwölfwöchige Fortbildungsprogramm zum Einstieg, was so viel bedeutet wie Vorbereitung der SchiedsrichterInnen und TrainerInnen auf den Neuen Fussball. Die AbsolventInnen werden sorgfältig eingeführt in SOF, EFB und SE. SE heisst Spielentfaltung. Hier lernen Menschen, als Gruppe durch Kommunikation im Sitzkreis ein Fussballprojekt durchzuführen und sich dadurch weiterzuentwickeln. SE fusst auf den epochemachenden Lehren des Kommunikationsforschers Theobald Schnölz von Adelboden, niedergelegt in seinem Buch Miteinander Spielen. Die bekannte Sportdozentin Heide Gluckner führt die Kursteilnehmer*innen in die Geheimnisse des GEGEFU (sprich: Dschegefu), des gendergerechten Fussballs, ein.

In den Erneuerungsprozess sind alle Beteiligten des Clubs gleichermassen eingebunden. Clubleitung, Trainingsbeauftragte, Spielende und Platzpersonal stehen sich nicht mehr als Befehlshabende und Befehlsempfangende gegenüber. Vielmehr sind sie im neuen System die prinzipiell gleichrangigen Mitglieder einer Spielenden Organisation.

 

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