25. Oktober 2021

„Wir produzieren zu viele Akademiker für Jobs, die es nicht mehr gibt“

Der Condorcet-Blog veröffentlicht hier ein bemerkenswertes Interview, das die WELT-Journalistin Andrea Seibel mit dem britischen Journalisten und Autor David Goodhart (64) führte. Goodhart veröffentlichte kürzlich sein Buch „Kopf, Hand, Herz. Das neue Ringen um Status. Warum Handwerks- und Pflegeberufe mehr Gewicht brauchen“. Darin prognostiziert er ein jähes Ende der Akademisierung, die er in vielen Bereichen für nutzlos hält.

David Goodhart, britischer Journalist und Autor: Zu viele Akademiker für Jobs, die es so nicht mehr geben wird

Lange glaubte man, es sei gut, wenn möglichst viele Menschen studieren, sagt der Autor David Goodhart. Doch das Gegenteil sei wahrscheinlicher. Er prognostiziert einen Rückbau der Massenunis mitsamt ihrer akademischen Tyrannei.

Das Leben und die kulturellen Eigenheiten sind stärker als die Politik.

David Goodhart ist froh, dass seine Eltern, die vor einigen Jahren starben, Corona nicht mehr erleben mussten. Auch die Kinder sind aus dem Haus. Und vor seiner Tür liegt Hampstead Heath, der wunderbare Park in London. Ihm geht es also gut. Goodhart hat viel ZDF geschaut in den letzten Wochen und Monaten.

Der Vergleich Deutschlands mit Großbritannien reizt ihn. Ein Fazit ist, dass die Briten risikobereiter sind als die Deutschen. Das zweite: Wir geben der Politik zu viel Bedeutung und Einfluss. Das Leben und die kulturellen Eigenheiten seien stärker als die Politik.

WELT: Unsere Parlamente und Institutionen sitzen voller Akademiker, das Studium ist in unseren Leistungsgesellschaften zum einzigen Ausweis für Aufstieg und Wohlstand geworden. Aber wenn alle studieren und alle nur Akademiker sein wollen, stimmt etwas nicht mit der Gesellschaft. Was tun?

David Goodhart: Die Dinge sind aus der Balance geraten. Aber bitte, verstehen Sie mich nicht falsch. Wir benötigen mehr denn je hohe Intelligenz, schauen Sie doch allein, mit welcher Geschwindigkeit die Wissenschaft Corona-Impfstoffe entwickelte. Auch für den Klimawandel braucht es technisch-wissenschaftliche Expertise. Aber man muss wirklich nicht die Hälfte aller Schulabgänger an die Universitäten schicken, um eine gedeihliche Wissenschaft zu erreichen? Wir haben mittlerweile den Wendepunkt erreicht, weil wir zu viele Akademiker für Jobs produzieren, die es so nicht mehr gibt, und haben gleichzeitig massive Engpässe in der Pflege und dem Bereich technischer Entwicklung und Instandhaltung.

WELT: Viele Menschen, so sagen Sie, die nicht studieren, fühlen sich abgehängt, nicht respektiert, nicht gebraucht. Sie erklären mit dieser Entfremdung auch den gewachsenen Populismus.

Ein erfolgreiches Leben scheint nur dann gegeben, wenn man studiert hat und Teil der akademisch-kognitiven Klasse wird.

Goodhart: Die Ausbreitung der höheren Bildung samt kognitiv-professioneller Elite ist der Elefant im Raum des Populismus. Menschen, die nicht zur Uni gehen, erleben, dass die besten Jobs für die Hochschulabgänger reserviert sind. Ein erfolgreiches Leben scheint nur dann gegeben, wenn man studiert hat und Teil der akademisch-kognitiven Klasse wird. Doch wie gesagt, der Gipfel dieser Bewegung ist überschritten.

WELT: Haben wir denn jemals demokratische Gesellschaften erlebt, in denen Kopf, Handwerk und Herz in einer Balance waren? Vielleicht in der Nachkriegszeit, aber die war weniger komplex.

Viele der Kopfarbeiter heute vollziehen Routinearbeiten und sind nicht fähiger als viele Handarbeiter. Und doch haben sie weitaus höhere Einkommen.

Die Dinge sind aus der Balance geraten.

Goodhart: Der Gedanke, dass die Arbeit des Kopfes jener des Körpers oder des Herzens überlegen ist, stammt aus der Antike. Doch erst in den letzten Jahrzehnten entwickelte sich dieser starke Impuls der kognitiv-analytischen Arbeit. Zwischen 1970 und 2000 machte es durchaus Sinn, mehr Akademiker zu fördern. Durch den Ausbau des Sozialstaates entstanden viele solcher Jobs im medizinisch-therapeutischen Bereich, der Bildung und Hochschulbildung. Zudem produzierte die Wissensökonomie neue Arbeitsplätze in der Informationstechnologie. Wie Sie sagen, alles wurde komplexer. Wenn nur zehn Prozent der Schulabgänger an die Universität wechseln, wird das Statusgefüge der Gesellschaft nicht so leicht verletzt. 40 bis 50 Prozent aber führen zu einer großen Kluft. Und einer unfairen dazu. Niemand neidet einem brillanten Wissenschaftler oder Denker den Status und Erfolg, aber viele der Kopfarbeiter heute vollziehen Routinearbeiten und sind nicht fähiger als viele Handarbeiter. Und doch haben sie weitaus höhere Einkommen.

Produktivität und Innovation jedenfalls sanken dramatisch genau in der Zeit, als die Hochschulquote anstieg und die Investitionen in Forschungseinrichtungen nie höher waren.

WELT: Es ist ernüchternd und spannend zugleich, dass es keinen direkten Zusammenhang zwischen dem Bildungsniveau der Bürger und dem Wirtschaftswachstum zu geben scheint.

Goodhart: Das ist der zentrale Punkt. Wir haben zu schnell geglaubt, es wäre gut für die Jugend wie auch für die Ökonomie, wenn so viele wie möglich studieren. Doch das Gegenteil scheint der Wahrheit näher zu kommen. Produktivität und Innovation jedenfalls sanken dramatisch genau in der Zeit, als die Hochschulquote anstieg und die Investitionen in Forschungseinrichtungen nie höher waren.

Wiedererstarken der Facharbeit

WELT: Sie prognostizieren ein Ende der ineffizienten Bildung und damit einen Rückbau der Massenunis mitsamt ihrer akademischen Tyrannei, deren Auswüchse (woke, gendern) wir gerade erleben – und ein Wiedererstarken der Facharbeit und menschlicher Dienstleistung. Woher nehmen Sie Ihren Optimismus?

Goodhart: Weil wir nicht mehr als 25 Prozent Schulabgänger brauchen, die ins akademische Training gehen. Stattdessen benötigen wir eine Bandbreite an Optionen für die Zeit nach der Schule, darunter Lehrberufe, spezielle berufsbildende und technische Ausbildungsgänge und Kunst-, Design- und Kreativfachschulen. Künstliche Intelligenz wird die Zahl der mittleren und unteren kognitiv-professionellen Jobs im Bereich des Rechts, der Buchhaltung, Medizin und Verwaltung radikal reduzieren. Die Signale des Marktes werden uns durchrütteln.

WELT: Pflege und Erziehung haben den größten Anteil an der Gesamtarbeitszeit unserer Gesellschaften. Sie sind „systemrelevant“, wie man gerade in der Corona-Krise sieht. Wieso werden sie dennoch so sträflich behandelt?

Goodhart: Weil in der Welt der Akademiker die kulturellen Dimensionen dominieren. Ich habe sie die „Anywheres“ in meinem letzten Buch genannt. Der hochgebildete „Irgendwo“ bevorzugt Mobilität und Offenheit, er kommt mit der sich rapide ändernden Welt klar. Und er sieht nur seine Karriere, bewegt sich in seiner Öffentlichkeit und schaut herab auf alles Häusliche oder Dienstleistende.

Wir brauchen eine pluralistischere Frauenbewegung, die nicht nur die ambitionierten Frauen anspricht

WELT: Eine der größten Paradoxien unserer heutigen Zeit ist, dass es die Emanzipation der Frauen war, die den Bereich der häuslichen Pflege (Kinder, Alte) durcheinanderbrachte und die Institution der Familie massiv schwächte. Wie kommen die Geschlechter und die Gesellschaften hier weiter?

Wir brauchen eine pluralistischere Frauenbewegung.

Goodhart: Wir brauchen eine pluralistischere Frauenbewegung, die nicht nur die ambitionierten Frauen anspricht, die natürlich gleichberechtigt mit Männern konkurrieren wollen, sondern auch die Frauen einschließt, denen Familie wichtiger ist als Karriere. Gleiche Karrierechancen meinten immer auch eine Abwertung der Hausarbeit als etwas, das jedem Menschen ein Gräuel sein muss. Auch hier kann die Pandemie wie ein Augenöffner wirken. Männer wie Frauen waren auf das Häusliche und intime Familiale zurückgeworfen wie schon lange nicht mehr.

 

WELT: Einer Ihrer verrücktesten Sätze ist jener: Krankenhäuser seien „unsere neuen Kathedralen“. Wohin führt das Bild?

Spital Liestal: Menschliche Fürsorge in
hässlichen Gebäuden

Goodhart: Die Krankenhäuser sind in unseren Gesellschaften die stattlichsten Gebäude und in den Städten oft der größte Arbeitgeber. Und doch sehen sie meist hässlich und abstoßend aus, obwohl sie doch eigentlich Symbol menschlicher Fürsorge und Solidarität sind. Der Gesundheitssektor wird in unseren alternden Gesellschaften wachsen, auch wenn es hier zum Einsatz von Robotern und künstlicher Intelligenz kommt. Anders als in der Autoindustrie oder dem Finanzsektor wird es den Gesundheitsbereich immer und überall geben, und er bietet gute Jobs auf jeder Ebene der Fähigkeitshierarchie.

WELT: Dass es weniger Metzger, Schneider und Bäcker gibt oder andere Berufe ganz aussterben, ist historisch betrachtet wohl unabdingbar. Was ist das essenzielle Problem der Handarbeit?

Der Bäckerberuf ist hart.

Goodhart: Beim Bäcker ist es wohl auch nicht überraschend, denn die Arbeit ist hart, und das auch noch zu antisozialen Zeiten. Die Menschen wollen einerseits komfortablere Jobs und andererseits weniger Routine. Und doch wird das Handwerk vital für unsere Gesellschaft bleiben, vielleicht auch, indem man das Unangenehme mehr automatisiert. Je reicher die Gesellschaften sind, desto mehr verlangen sie nach meisterlich gefertigten Produkten. Wir erleben doch gerade eine Renaissance der handwerklichen Produktion – von Kleidern bis zu Käse.

WELT: Was ist mit all den einfachen, ungelernten Arbeiten wie putzen, Regale auffüllen, bedienen, auf dem Feld ernten, Waren ausliefern. Meist werden solche Arbeiten von Migranten erledigt. Kann man diese Jobs wieder attraktiver machen?

Goodhart: Ich hoffe das. Wir haben das in der Pandemie wieder wahrgenommen, das Wirken all dieser Dienstleister, die im Verborgenen unser Leben am Laufen halten. Solange man die Menschen anständig bezahlt und ihnen einen gewissen Respekt entgegenbringt, können diese Jobs durchaus attraktiv sein. Die Akademiker und Bildungsbürger vergessen, dass die meisten Menschen Arbeit nicht als Selbsterfahrung und Selbstdarstellung begreifen, sondern um Geld zu verdienen, damit sie den Sinn ihres Lebens in der Familie, mit Freunden, in Sport oder Hobbys finden können.

Viele gehen nur in die Uni, weil es der automatische Übergangsritus ist, der Stempel für den zukünftigen Arbeitgeber.

WELT: Wie kann man die Schieflage der Gesellschaft angehen? Könnten es Akademikereltern sein, die sich freuen, dass ihr Kind eine Lehre macht? Das wäre eine andere soziale Mobilität als immer die „nach oben“.

Berufslehre Gebäudetechnik: Lieber zuerst einmal arbeiten

Goodhart: Meine eigenen vier Kinder haben alle studiert. Wären sie heute 16 oder 17 Jahre alt, würde ich ihnen eher raten, Arbeitserfahrung zu sammeln und vielleicht ein kleines Business zu gründen. Sie könnten Programmieren lernen und dann in einem digitalen Unternehmen anständig verdienen. Später könnten sie, wenn sie wirklich intellektuell neugierig sind, auch noch mit Ende 20 oder Anfang 30 studieren, vielleicht sogar neben der Arbeit. Die Universität kann eine stimulierende und befreiende Erfahrung sein. Aber viele gehen nur dorthin, weil es der automatische Übergangsritus ist, der Stempel für den zukünftigen Arbeitgeber.

WELT: Wo ist die soziale, emotionale Intelligenz, die Sie immer wieder reklamieren für eine bessere Zukunft?

Goodhart: Die Anerkennung des Herzens geschieht doch schon durch die Feminisierung der Gesellschaft. Physische Stärke und Stoizismus werden immer funktionsloser. Emotionale Intelligenz und „soft skills“ sind wichtig im Management und in einer wachsenden Zahl von Jobs, auch weil die Pflegewirtschaft ein immer bedeutenderer Teil der nationalen Ökonomien wird. Diese Sphäre wird für ambitionierte und kluge junge Menschen cooler sein, als zur langweiligen Universität zu gehen.

WELT: Die westlichen Gesellschaften haben drei industrielle Revolutionen überstanden und stehen jetzt vor der vierten. Wo liegen die Chancen von AI?

Goodhart: Wichtig ist doch, dass die Trennung von Kopf, Hand und Herz eine künstliche ist, denn fast alles, was wir tun in nahezu allen Berufssparten, ist eine Kombination aus den drei menschlichen Fähigkeiten. Vielleicht wird der Modelljob der Zukunft der einer Demenzkrankenschwester sein, die über signifikante Kenntnisse der Konturen der Krankheit und entsprechende Ausbildung verfügt, um das Leid der Patienten zu mildern. Mit einer Geduld, Selbstlosigkeit und emotionalen Intelligenz, die kognitives Können allein nicht aufbringt.

David Goodhart (64) ist ein britischer Journalist und Autor mehrerer Sachbücher. Er war Deutschland-Korrespondent der „Financial Times“ von 1988 bis 1991. Sein letztes Buch ist: „The Road to Somewhere. Die populistische Revolte und die Zukunft der Gesellschaft“ (2017). Gerade erschien bei Penguin „Kopf, Hand, Herz. Das neue Ringen um Status. Warum Handwerks- und Pflegeberufe mehr Gewicht brauchen“.

Dieses Interview erschien zuerst in der WELT (3.4.21) und wurde von Andrea Seibel geführt.

 

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2 Kommentare

  1. Die Akademikerflut bringt es u.a. auch mit sich, dass Absolventen von Hochschulen am Ende einen Job annehmen müssen, der mit ihrem Studium kaum etwas zu tun hat. Wir produzieren einen Überfluss in bestimmten Fächern (z.B. Geisteswissenschaften) und gleichzeitig einen Mangel in anderen Fächern (z.B. Ingenieure).
    Seltsamerweise sieht mancher das genau umgekehrt: Es heißt, wir brauchen noch mehr Akademiker, es sollen möglichst alle Abitur machen und studieren. Das scheint auch eine Frage der Partei-Ideologie zu sein, hier vertritt das ein deutscher Sozialdemokrat, früher Staatssekretär im Bundesland Schleswig-Holstein:

    http://www.zwd.info/oberstufe-wie-studium-fuer-moeglichst-alle.html

  2. Zu Goodhart: Seit Jahren erkannt, jedoch wurde ganz selten breit publiziert. Zu gefährlich für das
    Establishment? Das wird noch viel Druck der erwähnten Veränderungen brauchen,
    damit sich eine neue Erkenntnis (für mehr Lebensqualität) durchsetzt.

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