25. Oktober 2021

Aus der Praxis: Schüler diskutieren über Ethik im Krieg

Traditionell schliesst das Oberstufenzentrum Orpund seinen Themenbereich 1. und 2. Weltkrieg mit einer Podiumsveranstaltung ab, in welcher die Schülerinnen und Schüler des 9. Jahrgangs über die (fehlende) Ethik im Krieg diskutieren. Sie werden dabei mit zwei kontroversen Ansichten konfrontiert. Ein Erfahrungsbericht aus der pädagogischen Werkstatt Orpund.

Kurt Tucholsky, 1890 – 1935, Urheber des Zitats

Zugegeben: Der Satz «Soldaten sind Mörder.» (Er stammt vom deutschen Schriftsteller und Journalisten Kurt Tucholsky) ist provokativ und für viele Soldaten auch verletzend. Aber die grauenhaften Kriegsverbrechen, welche während der beiden Weltkriege begangen und die den Schülerinnen und Schülern bewusst gemacht wurden, lassen diese These gar nicht als so abwegig erscheinen. Die 1931 formulierte Aussage sorgte zum Zeitpunkt der Veröffentlichung für grosse Aufregung in der Weimarer Republik. Sie führte dazu, dass der Verleger der «Weltbühne» sogar inhaftiert wurde. Der Autor Tucholsky lebte zu dieser Zeit in Schweden, wo er einer Inhaftierung entgehen konnte.

In der Schweiz kann man sich solche Dinge heute nicht mehr vorstellen. Doch in Zeiten, in denen westliche Verbände in diverse Kriege verwickelt sind, drängt sich die Frage nach Ethik im Krieg unabdinglich auf. Welche Rolle haben Soldaten heute? Was ist ein Soldat? Und wie steht es mit der Anwendung von Gewalt.

Soldat nicht gleich Soldat

Auf der Bühne in der Sporthalle des OSZ Orpund organisieren die Lehrkräfte eine kontradiktorische Diskussion. In einem «Innercircle», in dem immer zwei Plätze frei bleiben, diskutieren interessierte Schülerinnen und Schüler mit beiden Kontrahenten.

Dort standen sich der Oberst im Generalstab und Ausbildungsoffizier Matthias Müller und der Oberstufenlehrer Reto Sommer gegenüber. Sommer, bekennender Pazifist, für den Gewalt nie eine Lösung ist, argumentierte gegen Müller, den Berufsoffizier, der Gewalt als Mittel zum Zweck durchaus akzeptiert.

Der Soldat nicht nur das Recht, einen Befehl zu verweigern, wenn dieser gegen das Kriegsrecht verstösst, er hat sogar die Pflicht dazu. Mathias Müller

Der Soldat tötet und stirbt

Die Schweiz hat eine reine Verteidigungsarmee. «Wenn jedes Land eine Armee wie die Schweiz hätte, hätten wir Frieden», beginnt Müller. Für Müller sind Soldaten auch nicht gleich Soldaten. «Soldaten sind für mich legitimierte Vertreter eines Staates, die das Kriegsrecht nicht verletzen.» Aber es gehöre natürlich zum Soldatendasein dazu, dass in Kriegssituationen Leben genommen werden. Der Soldat trage immer eine Uniform und unterstehe dem Kriegsrecht. Er habe nicht nur das Recht, einen Befehl zu verweigern, wenn dieser gegen das Kriegsrecht verstösst, er habe sogar die Pflicht dazu. Leidenschaftlich verteidigte Müller das Milizprinzip. “Wir wollen den nachdenklichen Bürger in Uniform und keine Profis die einfach tun, was man ihnen befiehlt”, meinte der Ausbildungskommandant.

Barbarische Kriegssituationen und die Psyche des Menschen führen zwangsweise dazu, dass Soldaten zu Bestien werden. Reto Sommer

Reto Sommer, Lehrer und Zivildienstleister, predigt Gewaltfreiheit. Gewalt erzeuge nur weitere Gewalt und sei nie eine Lösung. Er verweist auf sein Vorbild, Mahatma Gandhi, der ein ganzes Land mit gewaltlosem Widerstand in die Freiheit führte. Gruppendruck, barbarische Kriegssituationen und die Psyche des Menschen führten zwangsweise dazu, dass Soldaten zu Bestien würden. Das zeigten auch die Entgleisungen der Siegermächte im 2. Weltkrieg mit dem Bombardement auf ganze Städte und dem Abwurf der Atombomben.

Soweit zwei kurze Ausschnitte aus den Referaten der beiden Kontrahenten, die sich im Übrigen gut kennen und schätzen.

Darf man Soldaten in den sicheren Tod schicken?

Es wurden viele Dilemmata beschrieben. Die Lehrkräfte und eine Schülergruppe spielten auch immer wieder kurze Filmsequenzen ein, welche von den beiden Referenten jeweils kommentiert wurden.

Die Fragen der Schülerinnen und Schüler waren vielfältig und Ausdruck des grossen Interesses, auf welche diese Veranstaltung jeweils stösst.
«Darf man Soldaten in den sicheren Tod schicken?» Was geschieht mit gefangenen ISIS-Kämpfern? Haben Sie schon einmal einen Soldaten geschlagen? Wann werden verletzte Soldaten zurückgelassen? Kann man wirklich angesichts der Gräueltaten, wie die ISIS oder die SS begangen hat, gewaltfrei bleiben?

Es zeigte sich, dass vor allem die Kinder unserer albanischen Mitbürgerinnen und –bürger leidenschaftlich diskutierten. Praktisch alle von ihnen kritisierten den Pazifismus von Herrn Sommer. Ein Mädchen mit stark religiöser Herkunft entgegnete dagegen klipp und klar, dass sie sich lieber totschiessen liesse, als irgendjemandem das Leben zu nehmen.

Hugh Thompson, Helikopterpilot im Vetnamkrieg: Stoppte das Massaker von My Lay

Packend schilderte Mathias Müller die Geschichte des amerikanischen Helikopterpiloten, der im Vietnamkrieg das Massaker seiner amerikanischen Kameraden an vietnamesischen Zivilisten beobachtete. Als er erkannte, dass er dieses Treiben nicht stoppen konnte, stieg er in seinen Helikopter und beschoss die eigenen Leute. Dadurch verhinderte er noch Schlimmeres. «Solche Beispiele sind enorm bedeutsam», meinte Müller, «wo alle das Falsche tun, gibt es immer einige, die das Richtige tun.»

Kein Pro und Contra

Die Schülerinnen und Schüler bewerten diese Anlässe jeweils mit hohen Zustimmungsraten. Sie bekunden auch, dass sie viel gelernt hätten. Ethische Fragen interessieren viele Schülerinnen und Schüler ohnehin. Im Zusammenhang mit den beiden Weltkriegen und dem Holocaust ist ihre Anteilnahme besonders spürbar. Den organisierenden Lehrpersonen geht es um die Sensibilisierung für moralische Dilemmata. Es ist nicht möglich, auf solch ethische Fragestellungen richtig oder falsch zu antworten. Das Ziel ist die Mündigkeit und die verlangt von jedem Einzelnen, dass er sich mit solchen Fragen auseinandersetzt und sie für sich beantwortet. Die beiden Referenten, der Berufsoffizier und der Pazifist, zeigten auch, dass solche Diskussionen ohne Gehässigkeiten, sondern mit einer fairen Wortwahl und dem Eingehen auf die andere Position möglich sind. Auch dies ist ein wichtiges Zeichen für die jungen Mitdiskutanten.

 

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