28. Oktober 2020

Die Schule braucht keine Digitalisierung um jeden Preis

Bei den Investitionen den Präsenzunterricht zu vernachlässigen wäre fatal. Die Schule braucht beides: Computer und hervorragende Lehrkräfte. Der Condorcet-Blog bringt eine gekürzte Fassung eines Kommentars von unserem Autor Hanspeter Amstutz, der kürzlich im Tagesanzeiger veröffentlicht wurde.

Hanspeter Amstutz Bild: Fabü

Wo wird künftig investiert?

Investitionen ja, aber wo?

Unsere Staatskasse wird zurzeit mit der Rettung ganzer Wirtschaftszweige arg strapaziert. Das wird auch die Bildung zu spüren bekommen, wenn die nächsten Investitionen anstehen. Werden wir dann die finanziellen Mittel primär für teure Digitalisierungsprojekte einsetzen oder wären nicht gezielte Anstrengungen zur Verbesserung des Präsenzunterrichts lohnenswerter?

Die wesentlichen Studien zu dem Thema und die gemischten Erfahrungen mit dem Fernunterricht geben dem gemeinsamen Klassenunterricht eine klar bessere Note. Dessen Bilanz übers Ganze gesehen ist effizienter und schafft eine soziale Geborgenheit, die über digitale Verbindungen nicht zu erreichen ist.

 Spreu vom Weizen trennen

Die meisten Lernprogramme der digitalen Bildungsindustrie sind weit davon entfernt, den Schülern anspruchsvolles Neuland so zu erschliessen, dass dieses auch von Schwächeren selbständig betreten werden kann. Zuerst einmal müsste beim digitalen Angebot die Spreu vom Weizen geschieden werden.

Gegen eine Grundausstattung der Schulen mit moderner Präsentationstechnik und dem Einsatz altersgemässer Lernsoftware ist nichts einzuwenden.

Gegen eine Grundausstattung der Schulen mit moderner Präsentationstechnik und dem Einsatz altersgemässer Lernsoftware ist nichts einzuwenden. Digitale Hilfsmittel können zur Vertiefung grundsätzlich verstandener Kompetenzen viel beitragen und mit qualitativ überzeugendem Bild- und Tonmaterial den Präsenzunterricht bereichern. Ein stures Nein hiesse, Chancen moderner digitaler Möglichkeiten zu verkennen und didaktische Pioniere vor den Kopf zu stossen.

Methodenfreiheit

Eine radikale Umstellung der Schule auf einen hohen Anteil an digitalem Unterricht wäre hingegen unverantwortlich. Neuerungen müssen von der Lehrerschaft mit Überzeugung mitgetragen werden und einen pädagogischen Mehrwert bringen, wenn sie gelingen sollen. Ganz heikel sind Eingriffe in die Methodenfreiheit, die bei einer dominanten Digitalisierung mit vorgegebenen Programmen einschneidend wären. Der Gestaltungsspielraum für die Lehrpersonen würde unattraktiv klein.

Oberstes Ziel bleibt eine gute Schulqualität.

Lernerfolg, wenn eine zwischenmenschliche Resonanz vorhanden ist.

Oberstes Ziel bleibt eine gute Schulqualität. Wer eine starke Schule will, muss alles daran setzen, dass die Lehrerinnen und Lehrer der Vorbereitung eines lebendigen Präsenzunterrichts erste Priorität einräumen können. Nicht das schulische Rundherum ist die Hauptsache, sondern ein attraktiver Unterricht, der inhaltlich überzeugt. Dabei kommt der Fachdidaktik und der schulinternen Weiterbildung grosse Bedeutung zu. Konkret könnte dies heissen, dass im Bereich Natur und Technik Lehrerteams Zeit erhalten, technische und naturkundliche Versuchsreihen gemeinsam bereitzustellen. Solche Vorbereitungsarbeiten wirken sich direkt auf die Qualität der Lektionen aus und schaffen eine echte Aufbruchsstimmung.

Topstunden strahlen aus

Erfreuliche Resultate stellen sich ebenso ein, wenn sich Lehrpersonen auf mindestens eine Lektion pro Schulmorgen gründlich vorbereiten. Ist es nicht ein ermutigendes Gefühl, wenn Kinder in der Erwartung zur Schule gehen, dass ihnen ihre Lehrerin neben dem soliden Unterricht jeden Morgen etwas Besonderes bietet? Solche Topstunden strahlen auf den ganzen Unterricht aus und lassen das sonst eher routinierte Lernen besser in Kauf nehmen. Viele Jugendliche bestätigen später, dass manche spannende Geschichts- oder Geografiestunde genau diese anregende Wirkung gehabt und sich in ihrer Erinnerung eingeprägt habe.

Mehr selbständiges Lernen

Digitaliserung hilft dem selbständigen Lernen

Digitalisiertes Lernen verspricht mehr selbständiges Lernen. Aber es ist weit entfernt von einem Lernverhalten, welches erst im gemeinsamen Entdecken grosser Zusammenhänge entwickelt wird. Das gilt ganz besonders für die kulturbildenden Fächer.

Die kommenden Jahre werden zeigen, wie hoch der Stellenwert eines kulturschaffenden Bildungsprogramms gegenüber einem einseitig auf Nützlichkeit ausgerichteten Konzept gehandelt wird. Digitales Lernen stösst bei tieferen Bildungsprozessen an Grenzen und kann gute Lehrerinnen und Lehrer in keiner Weise ersetzen. Ob Lehrpersonen primär als Coaches bei Computerprogrammen mitwirken oder gestaltend als aktive Personen eine Klassengemeinschaft lenken, ist die entscheidende Frage.

Hanspeter Amstutz

Der pensionierte Sekundarlehrer ist Kursleiter für Geschichtsdidaktik.

 

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