27. Oktober 2020

Wachsende Schieflage einer Wissenschaft

Professor Wolfgang Kühnel, deutscher Mathematiker (Differentialgeometrie und kombinatorische Topologie) in Stuttgart ist auf dem Condorcet-Blog kein Unbekannter. Und auch in den kritischen Professorenkreisen rund um die Gesellschaft Bildung und Wissen (GBW) sind seine Worte zum Sonntag aufgrund ihrer feinen Ironie legendär. Dieser Beitrag ist eine Replik auf den Artikel “Wachsende Ungleichheit”von Hanna Dumont und Petra Stanat in der FAZ vom 30.04.2020. Und Herr Kühnel wäre nicht Herr Kühnel, wenn er nicht bereits in der Titelsetzung den Spiess umdrehte.

Die Erziehungswissenschaft als Anhängsel der Politik?
Professor Kühnel: Lamentieren über soziale Ungleichheiten ist in dieser Situation verfehlt.

Dieses Coronavirus hat schon seltsame Auswirkungen. Die Bildungswissenschaftlerinnen H. Dumont und P. Stanat setzen dem noch die Krone auf, indem sie behaupten: „Sie [die empirische Bildungswissenschaft] kann Hinweise zu einer der am häufigsten gestellten Fragen (!?) im Kontext der Schulschließungen geben: Führt das häusliche Lernen zu verstärkten Bildungsungleichheiten?”

Zunächst sollte man annehmen, dass es weitaus wichtigere Fragen im Zusammenhang mit diesem Virus gibt. Auch die Schulschließungen erfolgen nicht leichtfertig und nicht zum Spaß. Man kann darüber streiten, gewiss. Aber ein Lamentieren über soziale Ungleichheiten in diesem Zusammenhang ist schon von vornherein verfehlt: Selbstverständlich werden insgesamt untere soziale Schichten von diesem Virus mehr getroffen als die Bessergestellten, schon weil die letzteren meist Privatpatienten sind und die anderen meist nicht. Die Wohnverhältnisse kommen hinzu: Beengte Verhältnisse begünstigen Ansteckungen. Und Kurzarbeit und Jobverlust treffen vorwiegend die finanziell Schwachen.

Selbstverständlich werden insgesamt untere soziale Schichten von diesem Virus mehr getroffen als die Bessergestellten, schon weil die letzteren meist Privatpatienten sind und die anderen meist nicht. Die Wohnverhältnisse kommen hinzu: Beengte Verhältnisse begünstigen Ansteckungen. Und Kurzarbeit und Jobverlust treffen vorwiegend die finanziell Schwachen.

Hausaufgaben sollen “unsozial” sein

Aber darum geht es den Autorinnen nicht. Sie legen mal wieder die alte Platte auf, nach der Hausaufgaben und ähnliche Eigenaktivitäten von Schülern außerhalb der Schulräume soziale Ungleichheiten verstärken, weil gebildete Eltern ihre Kinder dabei besser unterstützen können und dies auch oft (nicht immer) machen. Das gipfelte schon in Forderungen nach genereller Abschaffung von Hausaufgaben als schlechthin “unsozial”.

Seltsam ist nur, dass es auch in Europa Länder gibt, in denen die Kinder routinemäßig (ohne Viren) knapp 3 Monate Sommerferien haben.

Jetzt sind die langen Ferien im Visier

Jetzt trifft dieses Verdikt auch noch die Schulferien: Lange Schulferien sind sozial ungerecht, so der Tenor des Artikels. In den USA habe man das in Tests festgestellt. Seltsam ist nur, dass es auch in Europa Länder gibt, in denen die Kinder routinemäßig (ohne Viren) knapp 3 Monate Sommerferien haben. Das ist insbesondere in Italien der Fall (im Süden noch etwas länger als im Norden). Haben die immerhin schon sieben PISA-Studien jemals darauf hingewiesen, wie schädlich doch 3 Monate Sommerferien sind, wurde Italien dafür gerügt? Nein, Italien gilt als Vorbild in Sachen Inklusion. In Belgien gibt es auch insgesamt mehr Ferien, u.a. volle zwei Monate Sommerferien, sogar Estland hat sehr lange Sommerferien, und das ist einer der neuen PISA-Sieger.

Bildungsgleichheit?

Allein das Wort „Bildungsungleichheit” in diesem Zusammenhang lässt aufhorchen. Was ist denn der Gegenbegriff dazu? Doch offenbar „Bildungsgleichheit”, was sonst? Ist diese Gleichheit also neuerdings das eigentliche Ziel unserer Schulen? Das Jammern über die unterschiedlichen Testergebnisse bei Kindern aus unterschiedlichen sozialen und ethnischen Verhältnissen übersieht gerne, dass diese Unterschiede nicht primär von der Schule verursacht werden, sondern schon in 6 Jahren vor der Einschulung und natürlich im häuslichen Umfeld.

Der Staat darf gar nicht konsequent für eine Bildungsgleichheit sorgen, denn er würde dabei mit verbrieften Rechten der Eltern kollidieren.

Klaus Zierer, Erziehungswissenschaftler: Wovon denn sonst als vom sozioökonomischen Status hängt der Bildungserfolg ab?

Dazu sagt Klaus Zierer in dem Buch zur neuen Bildungskatastrophe (mit Julian Nida-Rümelin) auf S. 65: „Im Kontext von PISA wird darauf verwiesen, dass der Bildungserfolg stark vom sozioökonomischen Status der Eltern abhängt. Ich frage hier provokativ: Wovon soll er sonst abhängen? Aus Studien ist beispielsweise bekannt, dass wir bis zum Schuleintritt einen Unterschied von 30 Millionen gehörten Wörtern bei Kindern aus bildungsnahen Milieus im Vergleich zu Kindern aus bildungsfernen Milieus haben. Allein dadurch also, dass Eltern einen anderen Bildungsabschluss haben, sprechen sie mehr mit ihren Kindern, und die wiederum bekommen eine größere Variante von Wörtern mit.” Hinzu kommt etwas, das die Gerechtigkeitsbeflissenen von sich aus nie thematisieren: Unser Grundgesetz gibt ausdrücklich den Eltern das alleinige Recht, ihre Kinder zu beeinflussen und zu erziehen. Der Staat darf nur bei schwerer Kriminalität (z.B. Kindesmisshandlung) eingreifen. Also darf der Staat gar nicht konsequent für eine Bildungsgleichheit sorgen, denn er würde dabei mit verbrieften Rechten der Eltern kollidieren.

Umwerfende Erkenntnisse

Richtig ist ganz gewiss die Feststellung der Autorinnen: „Aufgrund des Zusammenhangs zwischen sozialem Hintergrund und erreichtem Leistungsniveau ist es wahrscheinlich, dass Kinder aus sozial weniger privilegierten Familien seltener zu denjenigen gehören, die gut selbständig lernen können.”

Ja, wenn das so ist, liebe Bildungswissenschaftler/innen, dann müsste man doch in der Schule zum Ausgleich mehr unselbständiges Lernen praktizieren, also mehr Frontalunterricht mit effizienter Kontrolle.

Ja, wenn das so ist, liebe Bildungswissenschaftler/innen, dann müsste man doch in der Schule zum Ausgleich mehr unselbständiges Lernen praktizieren, also mehr Frontalunterricht mit effizienter Kontrolle. Aber das Gegenteil ist doch der Fall: Alle sich für progressiv haltenden Erziehungswissenschaftler, Didaktiker und Bildungspolitiker möchten gerne den Frontalunterricht möglichst weitgehend durch individuelles und möglichst selbständiges Lernen ersetzen, und zwar schon in der Grundschule. Da sollen die Kinder sogenannte „Lerntagebücher” führen und darin feststellen, „ich kann dieses und jenes”. Die Friedrich-Ebert-Stiftung verkündete schon „das Ende des Frontalunterrichts” unter Berufung auf eine Studie von Frau Prof. M. Vock (Uni Potsdam) und pries die Heterogenität mit dem individuellen Lernen. Ein individuelles Lernen muss aber zwangsläufig weitgehend ohne Lehrer stattfinden, die Lehrer werden dann zu sogenannten „Lernbegleitern”. Das letztere bleiben sie aber selbst in Zeiten der Coronakrise durch elektronische Kommunikation.

Ein individuelles Lernen muss aber zwangsläufig weitgehend ohne Lehrer stattfinden, die Lehrer werden dann zu sogenannten „Lernbegleitern”. (laut Friedrich Ebert-Stiftung)

Petra Stanat: Widersprüchliche Argumentation

Auch die Autorinnen schreiben dazu: „Auf der pädagogischen Ebene sind die einzelnen Schulen und Lehrer in dieser Zeit mehr denn je gefragt, auf die unterschiedlichen Lernstände der Schüler mit Methoden der Individualisierung (aha!) und Differenzierung einzugehen.” Was bitte soll aber beim Lernen „Individualisierung” anderes bedeuten als weitgehend selbständiges Lernen (mit Anleitung), das doch angeblich zu sozialer Bildungsungleichheit führt? Dass die optimale individuelle Förderung jedes einzelnen am Ende nahezu automatisch zu großer Bildungsungleichheit führen muss, wird dabei verdrängt. Der eine lernt halt nachmittags gerne, interessiert sich für vieles, liest Bücher und sieht im Fernsehen informative Sendungen an, der andere spielt lieber Fußball und sieht sich Krimis und Actionfilme an oder lässt sich in Diskotheken volldröhnen. Der eine Musiker übt fleißig, der andere nicht, alles mit entsprechenden Resultaten später nach Jahren. Und wir sollen über Bildungsungleichheiten lamentieren, die ausschließich empirisch durch Korrelationen festgestellt wurden? Ob 15-jährige Testpersonen als 7-jährige mal Bildungschancen hatten oder nicht, kann nie festgestellt werden.  Chancen können auch vertan werden.

Die empirische Bildungswissenschaft ist in Gefahr, zu einem Anhängsel politischer Ziele zu werden.

Mir scheint, die empirische Bildungswissenschaft ist in Gefahr, zu einem Anhängsel politischer Ziele zu werden. Man unterstützt neuerdings bereitwillig alle Forderungen nach sozialer Gleichheit und Gerechtigkeit, bei PISA-Pressekonferenzen ist das inzwischen ein sehr wichtiges Thema geworden, aber wie viele unserer Gymnasiasten in der Oberstufe noch das kleine 1×1 auswendig können (von der eigentlichen gymnasialen Mathematik ganz zu schweigen) oder eine passable Rechtschreibung beherrschen, das erfahren wir nie. So etwas hält die Bildungswissenschaft nicht für wert, erforscht zu werden. Es gehört offenbar nicht zur Qualität im Bildungswesen (offiziell die zentrale Aufgabe des IQB unter Leitung von Frau Stanat). Man beglückt uns lieber von Test zu Test mit einer neuen Einteilung der Testpersonen in Kompetenzstufen ohne eine nutzbringende Erkenntnis.

 

 

 

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Erfahrung ist gut, aber Erfahrung ist nicht alles.

Condorcet-Autor Felix Schmutz, der sich in seiner Entgegnung auf Georg Geigers Artikel (https://condorcet.ch/2020/01/politische-bildung-sich-um-die-welt-als-ganzes-sorgen-machen/) kritisch gegenüber Schülerparlamenten äusserte, und u.a. damit eine Replik von Georg Geiger provozierte (24.1.20), präzisiert seine Einwände.

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