21. Oktober 2020

Als Basel und die Linke noch Masstäbe in der Bildung setzten

Mit Charles Stirnimann, Historiker aus der Stadt Basel, begrüssen wir einen neuen Autor in unseren Reihen. Sein geschichtlicher Rückblick ist in zweierlei Hinsicht interessant. Er zeigt, wie gross die Herausforderungen waren, denen sich die Bildungspolitik zu Beginn des letzten Jahrhunderts stellen musste. Und sie zeigt uns auch, wie sehr die Stadt Basel, ihre Behörden und vor allem auch die SP damals dem Wohl der unterprivilegierten Schichten verpflichtet waren. Eigenschaften, die wir heute schmerzlich vermissen.

Fritz Hauser, 1884 – 1941, Sohn eines “Schneidergesellen”, SP-Bildungsdirektor 1919-1941.
Charles Stirnimann, 1954 geboren, ehem. Buchhändler, Historiker: Hauser war massgeblich für die erfolgreichen Reformen verantwortlich.

Für den Ausbau des Schulwesens, den Bau neuer Schulhäuser und die Schaffung von zusätzlichen Lehrerstellen wurden bis zum Ersten Weltkrieg gewaltige finanzielle Mittel freigestellt. Die Bevölkerung des Kantons Basel-Stadt hatte sich in den knapp 40 Jahren zwischen dem Ende des Ratsherrenregiments (1875) und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs auf 140’000 Menschen verdreifacht. Die Schülerzahl der allgemeinen Schulen hatte 1880 noch 7’139 betragen und stieg bis zum Jahre 1911 auf 23’349. Für Tausende von Knaben und Mädchen musste deshalb zusätzlicher Schulraum geschaffen werden. Deshalb wuchsen in den Jahren der freisinnigen Dominanz von 1875 bis 1905 nicht nur Fabrikschlote und Kirchtürme in den Himmel – neben der reformierten Matthäuskirche entstanden auch die ersten nachreformatorischen katholischen Kirchenbauten St. Marien, St. Joseph und Heiliggeist –, sondern es wurden auch in rascher Folge innerhalb und vor allem ausserhalb der ehemaligen Festungsmauern der Stadt neue monumentale Schulhäuser errichtet. Vom Claraschulhaus (1874) bis zum Bau des Isaak Iselin-Schulhauses (1907) schuf der Kanton innerhalb von 30 Jahren mit 30 Schulpalästen Raum für 20’000 Kinder und Jugendliche.

Die Ära Fritz Hauser

Das Claraschulhaus, 1874 erbaut, eines von 30 Schulpalästen innerhalb von 30 Jahren.

Die Bildungs-, Kultur und Sportpolitik der gesamten Zwischenkriegszeit prägte der sozialdemokratische Erziehungsdirektor Fritz Hauser, der 1884 in Basel als Sohn eines badischen Schneidergesellen geboren wurde und sich nach dem Bestehen der Matura an der Oberen Realschule zum Primarlehrer ausbilden liess. Während seiner Lehrertätigkeit am Bläsischulhaus von 1906 bis 1908 absolvierte er berufsbegleitend die Weiterbildung zum Mittellehrer. 1914 wurde Hauser Präsident der SP-Fraktion im Grossen Rat und gleichzeitig Mitglied des Erziehungsrates. Von 1919 bis zu seinem frühen Tod im Jahre 1941 leitete er das Basler Erziehungswesen. Sein Amtsantritt fiel mit seiner Wahl in den Nationalrat zusammen – eine damals nicht unübliche Ämterkumulation.

Erfolgreiche Reformtätigkeit in der Zwischenkriegszeit

Schon unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg begann im Basler Bildungswesen eine Phase bedeutender Reformen. Den Anfang machte die Gründung der Volkshochschule im Jahre 1919. 1922 folgte das Lehrerbildungsgesetz, das die Einrichtung eines Lehrerseminars im Kanton ermöglichte. Parallel dazu wurde das Institut für Lehrerfortbildung geschaffen. Eines der bedeutendsten Projekte des Basler Erziehungswesens bestand im ständigen Ausbau des Schulgesundheitswesens und der Jugendfürsorge. Gerade in diesem Schnittbereich von Bildungs-, Gesundheits- und Sozialpolitik war die Reformtätigkeit vorbildlich. Sie reichte von der Einführung des Schulduschens über die Schulspeisung und die fürsorgerische Betreuung bis hin zur medizinischen Versorgung der Kinder und Jugendlichen. So hat sich die Schulzahnklinik Basel als erste schweizerische Einrichtung dieser Art um die Zähne der gesamten Schuljugend gekümmert. Die 1929 eingeführten Schulkolonien wurden trotz finanzieller Engpässe auch in den dreissiger Jahren aufrechterhalten.

Nach sechsjährigem zähen Ringen wurde 1929 das neue Schulgesetz verabschiedet, das die schon längst fällige Reorganisation des Basler Schulwesens ermöglichte und die Schülerzahlen der einzelnen Klassen deutlich herabsetzte. Das Gesetz blieb in Kraft bis zum Beginn der Schulreform im Jahre 1994.

Nach sechsjährigem zähen Ringen wurde 1929 das neue Schulgesetz verabschiedet, das die schon längst fällige Reorganisation des Basler Schulwesens ermöglichte und die Schülerzahlen der einzelnen Klassen deutlich herabsetzte. Das Gesetz blieb in Kraft bis zum Beginn der Schulreform im Jahre 1994. Die von Hauser angestrebte Reform der Mittelstufe, die schon Wilhelm Klein 1877 gefordert hatte, weckte grosse Widerstände und wurde erneut vertagt: Es blieb bei der achtjährigen Schulzeit an den Gymnasien und bei der Frühselektion nach vier Primarschuljahren. Hauser hatte diese Zugeständnisse gemacht, um nicht das ganze Reformpaket durch ein Referendum zu gefährden. Denn das Abstimmungsverhalten der Bürger galt in Bildungsfragen als höchst unberechenbar.

Kontinuität von Bildungs-, Kultur- und Sportpolitik im Roten Basel

Manche Reform der Ära Hauser hatte gewissermassen in der Luft gelegen. Grundsätzlich anders verhielt es sich mit der kantonalen Abendmaturschule, die in Basel gegen grosse Widerstände der Universität und der Liberalen Partei eingerichtet wurde. Basel-Stadt war damit der erste Kanton, der erwachsenen, berufstätigen Menschen die Chance bot, kostenlos die Matura nachzuholen und einen kantonalen Maturitätsausweis zu erwerben. Hausers politische Entschlossenheit, das formale Prinzip der Chancengleichheit zu einem realen Grundwert des demokratischen Gemeinwesens zu entwickeln, war in seiner gesamten Tätigkeit als oberste Maxime klar erkennbar.

Auch der Sportunterricht nahme einen Aufschwung

Der Turn- und Sportunterricht nahm in der Zwischenkriegszeit einen grossen Aufschwung. Seit 1922 bot die Universität Basel als Erste in der Schweiz eine Turnlehrerausbildung an, und mit dem Schulgesetz von 1929 wurde eine dritte Wochenstunde Turnen eingeführt. Die Errichtung von Spiel- und Sportplätzen erlebte in den 1930er Jahren einen Boom: die Kunsteisbahn im Margarethenpark (1933/34), das Gartenbad Eglisee (1930/31), das Hallenschwimmbad Rialto (1932–1934) und die im Rahmen von Arbeitsbeschaffungsmassnahmen des Roten Basel realisierten Trainingsplätze auf dem St. Jakob-Areal in der Brüglinger Ebene.

Mit dem Universitätsgesetz von 1937 fanden langjährige Bemühungen einen erfolgreichen Abschluss. Das neue Kollegiengebäude der Universität, das 1939 feierlich eingeweiht wurde, löste die dringlichsten Raumprobleme der Basler Hochschule.

Die Bildungsexpansion der Nachkriegszeit

Das Erziehungsdepartement blieb mit Carl Miville-Jauz von 1941 bis 1944 vorerst in den Händen der SP; 1944 wechselte Miville jedoch zur PdA und leitete das Departement bis 1950. Bis 1966 stand der Liberaldemokrat Peter Zschokke dem Basler Bildungswesen vor.

Während der Kriegs- und der ersten Nachkriegsjahre stiegen die Geburtenraten kräftig an. Gleichzeitig erzielte der Kanton Basel-Stadt nach 1945 bis 1970 deutliche Wanderungsgewinne. So nahmen ab 1950 die Schülerzahlen wieder deutlich zu, nachdem sie vorher beinahe zwanzig Jahre lang konstant geblieben waren. Der von der Primarschule ausgehende Zuwachs pflanzte sich durch alle Stufen des Bildungssystems fort. Von 1950 bis 1970 wuchs in Basel die Zahl der Gymnasiasten um 50 Prozent und die der Studierenden an der Universität um 100 Prozent.

Der Bund wird aktiv

Die C-Maturandin, Bildnis M.Z. von Paul Camenisch, 1966, Privatbesitz. Es spricht für die hohe Sensibilität von Paul Camenisch (1893-1970) für die Frauenbildung, dass er kurze Zeit nach der Verleihung des ersten Maturazeugnisses an eine junge Frau am Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Gymnasium (MNG) in Basel im Jahre 1964 dieses Sujet gewählt hat.

Eine energische Bildungsoffensive passte vor dem Hintergrund des Kalten Krieges und des Wettbewerbs der Systeme (Sputnik-Schock) auch ausgezeichnet in den weltpolitischen Kontext. Galt es doch, in der weltweiten Auseinandersetzung mit dem Sowjetblock die Position des Westens zu stärken und die Bildungs- und Begabungsressourcen für die künftige Prosperität der «freien Welt» voll auszuschöpfen. Wie die Volkswirtschaft trat auch das Bildungswesen in eine beispiellose Expansionsphase ein, in der fast alle Kennwerte an Grösse zunahmen: die Maturitätsquote, die Zahl der Studierenden, der Frauenanteil, die Zahl der Lehrstühle, die Assistentenstellen und die Forschungsplätze, aber auch die Intensität der nationalen Hochschulkoordination und die staatlichen Bildungsausgaben. Wie die Sozialpolitik erlebte unter Innenminister Hans Peter Tschudi (Bundesrat 1959–1973) auch die Bildungspolitik eine gute Zeit. Dem Ausbau des Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung folgten ein Stipendienartikel in der Bundesverfassung und 1965 ein Bundesgesetz, das die Subventionierung kantonaler Ausbildungsbeiträge ermöglichte. Mit kantonalen Gesetzen (Basel-Stadt 1967) wurde das Stipendienwesen stark ausgebaut. Aufgrund verschiedener Expertenberichte begann der Bund auch in der Hochschulpolitik eine aktive Rolle zu spielen. Ein Markstein auf diesem Weg war das Bundesgesetz über die Hochschulförderung vom 28. Juni 1968.

Charles Stirnimann

Charles Stirnimann, 1954 geboren, ehemaliger Buchhändler, 1982 eidgenössische Matur, Studium der Geschichte und der französischen Philologie in Paris und Basel. Er leitete das Amt für Ausbildungsbeiträge und präsidierte die interkantonale Stipendien-Konferenz. Dieser Beitrag erschien zuerst im Band: “125 Jahre Basler Sozialdemokratie”.

 

Literatur:

Yvo Porchet: Die Basler Bildungspolitik in der Zeit Fritz Hausers (1919–1941). Liz.-Arbeit, Manuskript, Basel 1998.

Charles Stirnimann: Die Öffnung des Bildungssystems. Vom Schulgesetz von 1880 zur Bildungsexpansion der 1960er-Jahre. In: Georg Kreis/Beat von Wartburg (Hg.): Geschichte einer städtischen Gesellschaft. Basel 2000, S. 384-394.

Charles Stirnimann: Vom Schulpalast zur Pavillonschule. Basler Schulhausarchitektur als Abbild von Bildungspolitik und Gesellschftsentwicklung. In: Kantonale Denkmalpflege Basel-Stadt: Jahresbericht 2013. S. 14-19.

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