20. Oktober 2020

Réveille-toi, Conradin. Vite!

Condorcet-Autor Roland Stark schreibt im Prinzip nichts Neues. Aber kaum jemand bringt den eigentlichen Skandal des Basler Erziehungsdepartements im Umgang mit der gescheiterten Mehrsprachigkeitsdidaktik so präzise auf den Punkt.

Man kann Fakten auf Dauer nicht ignorieren.
Roland Stark, ehem. SP-Parteipräsident der Sektion Basel-Stadt, Heilpädagoge

Der amerikanische Präsident hat gemäss einem Faktencheck der „Washington Post“ die Zahl der falschen oder irreführenden Aussagen seit seinem Amtsantritt massiv gesteigert. Von 1999 im Jahre 2017, 5689 2018 auf 15’413 bis zum 10.12.2019.

Seine Beraterin Kellyanne Conway hat dafür den Begriff „alternative Fakten“ geprägt, Donald Trump selbst spricht von „übertriebenen Übertreibungen“. (exaggerated hyperbole)

In der Literatur ist das Phänomen der verzerrten Erfassung von unbequemen Wahrheiten ein beliebtes Sujet. Marcel Proust stellt fest, dass die Wirklichkeit nicht in die Welt des Glaubens dringe, Aldous Huxley schreibt, Tatsachen schaffe man nicht dadurch aus der Welt, dass man sie ignoriere, und Mark Twain erklärt, man müsse die Tatsachen kennen, bevor man sie verdrehen könne. Der US-Senator Patrick Moynihan schliesslich verteidigt das Recht auf eine eigene Meinung: Aber keiner habe das Recht auf seine eigenen Fakten.

Cramers Auftritt als perfekte Beispiel für Medienschaffende

Nun trifft man nicht nur im White House auf alternative Fakten und Schönfärberei, sondern, natürlich in verdünnter Dosis, auch im Basler Erziehungsdepartement. Das Gespräch zwischen Regierungsrat Conradin Cramer (LDP) und Nationalrätin Katja Christ (GLP) – Streit um Lehrmittel –  kann künftig im Medienausbildungszentrum (MAZ) als perfektes Beispiel dafür eingesetzt werden, wie die Politik sich stur weigert, wissenschaftlich erhärtete Fakten zur Kenntnis zu nehmen. („TeleBasel Talk“, 11.2.2020)

 

Conradin Cramer, Vorsteher des Erziehungsdepartments der Stat Basel: Es pressiert nicht.

Erziehungsdirektor Conradin Cramer behauptete in der Sendung allen Ernstes, der in den Französisch-Lehrmitteln „Mille feuilles“ und „Clin d’oeil“ angewandte neue didaktische Ansatz sei „state oft the art“, auf dem neuesten Stand der Entwicklung. Dies ungeachtet der Tatsache, dass unterdessen bereits die vierte wissenschaftliche Untersuchung dem Passepartout-Konzept ein miserables Zeugnis ausgestellt hat.

Detaillierte und faktenbaserte Kritik von Philipp Loretz

Philipp Loretz, Mitglied der Condorcet-Redaktion, Sekundarlehrer, BL und Vorstandsmitglied lvb.
Bild: fabü

Im Bildungsblog www.condorcet.ch nimmt Philipp Loretz, Sekundarlehrer und Mitglied der Geschäftsleitung des Baselbieter Lehrerinnen- und Lehrervereins, die gröbsten Falschaussagen ins Visier.

 

Auf der ganzen Linie versagt

Die Passepartout-Erfinder versprachen ein sehr gutes Leseverständnis dank authentischen, nicht didaktisierten Texten schon für AnfängerInnen. Tatsächlich verfehlen am Ende der Primarschulzeit – nach 350 Lektionen Französisch – 67 % der Schüler die anvisierten Lernziele.

Die Verfechter der pseudowissenschaftlichen Mehrsprachendidaktik versprechen eine sehr gute kommunikative Handlungsfähigkeit. Resultat: 90 % der Schüler scheitern an den von Passepartout angestrebten Lernzielen.

Diese vernichtenden Ergebnisse sind angesichts des Fehlens eines geführten, systematischen Aufbaus der sprachlichen Grundstrukturen und des bewussten Verzichts auf einen Alltagswortschatz und der Missachtung des universalen Prinzips vom Einfachen zum Schwierigen nicht verwunderlich. Die Schüler sind im wahrsten Sinne des Wortes im „Sprachbad“ abgesoffen.

Freude am Französisch wiederbeleben?

Versprochen werden auch motivierte und begeisterte Schülerinnen und Schüler. Gemäss einer detaillierten Befragung würden zwei Drittel der Mille-feuilles-Kinder den Französischunterricht eher nicht oder nicht besuchen, wenn dieser freiwillig wäre.

Offenbar sollen im Kanton Basel-Stadt auch nach 9 Jahren schlechter Erfahrungen die Kinder weiterhin als Versuchskaninchen eingesetzt und kritische Lehrkräfte und aufmüpfige Eltern eingeschüchtert werden.

Offenbar sollen im Kanton Basel-Stadt auch nach 9 Jahren schlechter Erfahrungen die Kinder weiterhin als Versuchskaninchen eingesetzt und kritische Lehrkräfte und aufmüpfige Eltern eingeschüchtert werden.

Bern macht es (wieder einmal) anders

Christine Häsler, Bildungsdirektorin des Kantons Bern: “Das Wahlobligatorium ist ein Thema.”

Dass es auch anders geht, beweist die grüne Berner Erziehungsdirektorin Christine Häsler. In zwei Briefen an kritische Lehrerinnen und Lehrer schreibt sie:

„Ich habe Ihr Schreiben erhalten und danke Ihnen dafür. Es ist mir ein grosses Anliegen, dass Kinder und Jugendliche möglichst gut Französisch lernen und Freude an der Sprache finden. Ebenso wichtig ist mir, dass Lehrerinnen und Lehrer ein Lehrmittel zur Verfügung haben, mit welchem sie erfolgreich unterrichten können. (..)

Um die Situation und die Anliegen der kritisch eingestellten Lehrkräfte zu analysieren, habe ich eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die breit diskutiert, die unterschiedlichen Meinungen abholt und verschiedene Varianten prüft.“ Abschliessend dankt Frau Häsler den Lehrkräften ausdrücklich „für Ihr Engagement“ und wünscht ihnen einen guten Start ins neue Jahr.

In dem Brief kündigt sie zusätzlich zu „ihrer persönlichen Mitteilung“ noch ein „offizielles Schreiben der ehemaligen Passepartout-Kantone“ an. Auf diese Antwort sind insbesondere die Basler Lehrkräfte und die Eltern sehr gespannt.

Die Reaktion der Berner Regierungsrätin jedenfalls kommt in Ton und Inhalt wesentlich differenzierter daher als die teilweise unsachliche pauschale Diffamierung kritischer Meinungen aus dem Elfenbeinturm der Basler Bildungsbürokratie.

Angesichts der bescheidenen Leistungsbilanz unserer Schulen dürfte man eigentlich etwas mehr Demut und Selbstkritik erwarten.

Roland Stark

Dieser Beitrag ist zuerst in der Basler Zeitung erschienen

 

 

 

 

 

 

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