28. Januar 2020

Partizipation statt Konzepte

In seinem 2. Beitrag zum Thema “Politische Bildung” zeigt Condorcet-Autor Alain Pichard anhand eines ganz praktischen Beispiels, wie die Schüler in Entscheidungsprozesse eingebunden werden.

Der Schülerrat im OSZ-Orpund von Condorcet-Autor Alain Pichard euphorisch gelobt.

Im  OSZ-Orpund  treffen sich die die Klassenvertreter sechsmal im Jahr im Schülerrat, debattieren, formulieren Kritik oder machen Verbesserungsvorschläge. Die Sitzungen finden jeweils während der Schulzeit statt. Bedingung: Es muss ein Protokoll geführt werden (das unsere Lehrkräfte übrigens mit grösstem Interesse lesen).

Der Schülerrat schuf die althergekommene Weihnachtsfeier ab und organisierte eine Weihnachtsdisco im selbst umgebauten Schülerraum.

Die junge Truppe hat in der Vergangenheit einiges erreicht: Sie sorgte dafür, dass aus der ehemaligen Abwartswohnung ein Schülerraum geschaffen wurde, wehrte  sich gegen Ernährungsvorschriften, sorgte dafür, dass zweimal in der Woche ein Pausenbeck kommt und erstritt sich die Wiederholung eines ins Wasser gefallenen Sportanlasses.

Lustig wird es immer, wenn die Schüler die Regeln, welche in unserem Schulhaus gelten, diskutieren.

Pausenregelung und Handyverbot wird regelmässig bestritten

Einige Verbote nerven. Und so kommt es regelmässig vor, dass ihre Sprecher an der Lehrerkonferenz den Antrag stellen, diese zu streichen oder abzuschwächen. Das war auch letztes Jahr so. Es ging um das Handyverbot und die Pausenregelung. Die beiden Ratspräsidentinnen erinnerten daran, dass sie selber keine Unterstufenschüler mehr seien und selber entscheiden könnten, ob sie in der Pause hinausgehen können. Das Handyverbot fochten sie nicht an, da am OSZ-Orpund die Handys im Unterricht schon lange eingesetzt werden können. Das Problem ist die 10-Uhr-Pause, auch dort wollten die SchülerInnen das Handy frei benutzen können. Das stiess bei den Lehrkräften auf Widerstand. Und so entstand eine animierte Diskussion, wie sie auch in einem Stadtparlament hätte stattfinden können. Den Schülern ging es um Eigenverantwortung und Selbstbestimmung, während auf der Lehrerseite Sorgen um die Handhabung geäussert wurden.

Wurden die Forderungen des SchülerInnenrats letztmals noch abgelehnt, so stimmte diesmal die Mehrheit des Kollegiums dem Antrag zu. Der Kniff war, dass der Schülerrat vorschlug, die Neuregelung mal auf Versuchsbasis durchzuführen, um dann zu schauen, wie es funktioniert.

Partizipation statt eine neues theoretisches Schulfach

Jungfreisinnigen haben soeben das Schulfach “Politik”  gefordert und die Stadt Biel hat kürzlich ein Konzept ausarbeiten lassen, wie man das politische Interesse der Schüler steigern könne.

Natürlich ist eine Debatte über die Finkenregelung nicht so sexy wie eine Petition gegen den Klimawandel. Aber was die Nachhaltigkeit in Sachen politischer Bildung betrifft, glaube ich, hat eine Debatte über den Pausenbeck oder das Handyverbot ihre Vorteile.

Vertrauen zahlt sich aus

Im OSZ-Orpund setzt man auf Partizipation. Und die SchülerInnen lernen mit ihrer Tätigkeit nicht nur viel über reelle politische Prozesse. Sie geben das Vertrauen der Lehrkräfte auch zurück. So waren sie es, welche vor einem Jahr die Urheber einer zerbrochenen Türe im Schülerraum überführten. Und sie gestalten das Schuljahr mit eigenen Ideen mit. Sie entstaubten die traditionellen Weihnachtsfeiern, indem sie eine Weihnachtsdisco organisierten, oder hatten die geniale Idee, einen Weltuntergangsball zu inszenieren.

Natürlich ist eine Debatte über die Finkenregelung nicht so sexy wie eine Petition gegen den Klimawandel. Aber was die Nachhaltigkeit in Sachen politischer Bildung betrifft, glaube ich, hat eine Debatte über den Pausenbeck oder das Handyverbot ihre Vorteile.

Natürlich geht es nicht ganz ohne Hilfe. Dreimal dürfen Sie raten, wer den Schülern den Tipp gegeben hat, ihre Vorstösse als Versuch zu deklarieren.

 

 

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