30. November 2020

Wie und wem Schule schadet und wie dies vermieden werden könnte.

Hans Joss, Bern, ist ehemaliger Sekundarlehrer, studierte Psychologie und war jahrelang wissenschaftlicher Leiter «Langzeitfortbildungen bei der Zentralstelle für Lehrerinnen- und Lehrerfortbildung des Kantons Bern». Er ist eingeschriebenes Mitglied der Berner SP und sieht besonders die bei uns immer noch vorhandene Selektion der Schülerinnen und Schüler sehr kritisch. Sein Beitrag, den er uns zur Verfügung gestellt hat, ist zuerst in der Zeitschrift “vpod-bildungspolitik” (nr. 214) erschienen.

Die Schule masst sich eine Zuweisungskompetenz an.
Hans Joss
Bild: Der Bund

Das 11 Jahre dauernde Volksschulsystem benachteiligt vor allem Schülerinnen und Schüler aus sozial schwächeren Verhältnissen und hinterlässt bei diesen bleibende psychische Schäden. Eine Gruppe sind etwa Erwachsene, die von Illettrismus (Lese-und Schreibschwäche) betroffen sind. Selbst auf noch so gut gemeinte Kampagnen vom Bund («einfach besser») sprechen diese Erwachsenen nicht an. Zu tief sitzen erlittene Beschämungen und Verletzungen aus der Schulzeit. Nach meiner Pensionierung als Dozent an der PH Bern übernahm ich während sieben Jahren das Präsidium des Vereins «Lesen und Schreiben für Erwachsene Bern». Seit mehr als 10 Jahren begleite ich Lernende eines 10. Schuljahres in der Stadt Bern mit individueller Lernförderung. Beide Tätigkeiten – das Präsidium und die Lernförderung– zeigten mir, dass unser Bildungssystem neben vielen Stärken auch markante Schwachstellen aufweist. Schwachstellen, die Lernenden zum Verhängnis werden. Die zu Langzeitschäden führen. Die durch Übergriffe und Unterlassungen des Schulsystems ausgelöst werden.

Auswirkungen des Bildungswesens auf Lebensläufe

2018 wurde die Dissertation von Thomas Meyer, «Wie das Schweizer Bildungssystem Bildungs- und Lebenschancen strukturiert. Empirische Befunde aus der Längsschnittstudie TREE», publiziert. Thomas Meyer begleitete Lernende von der Schulzeit bis ins Erwachsenenalter. Ihn interessierte die Frage, wie das Schweizer Bildungssystem Bildungs-  und  Lebenschancen  strukturiert und beeinflusst: Wie sieht der Lebensverlauf von Lernenden aus, die zehn Jahre nach Verlassen der obligatorischen Schule keinen Berufsabschluss haben, in der Regel auch keinen Abschluss mehr schaffen, lebenslang auf Sozialhilfe angewiesen sind? Eine zentrale Frage nach der Qualität unseres Bildungssystems, aber auch nach der Nachhaltigkeit der eingesetzten öffentlichen Gelder.

In seiner Studie zeigt Thomas Meyer eindrücklich, wo das öffentliche Schulsystem überfordert ist und einem Teil der Lernen- den grosse Schäden zufügt. Schädigungen, denen Schülerinnen und Schüler hilflos ausgesetzt sind. Schule hat den bedingungslosen Auftrag zu fördern und Lernende zu schützen. Gemessen an den Ergebnissen der Langzeitstudie von Meyer muss die Schule dringend Änderungen vornehmen – oder aufgrund ihres Scheiterns den Auftrag einer anderen Institution   übergeben. Auch die Frage nach Entschädigungen drängt sich auf.

Selektion ist strukturelle Gewalt

Bild: AdobeStock

Während Jugendliche in einer äusserst verletzlichen Entwicklungsphase daran arbeiten, ihre Persönlichkeit aufzubauen und eine Identität zu entwickeln, werden sie von der Institution Schule in unterschiedliche Leistungsgruppen eingeteilt. Ein willkürliches Vorgehen, das nach heutigem Erkenntnisstand unzulässig ist, weil Prognosen zu Leistungsentwicklungen über drei Jahre zu unsicher sind und über einen zu hohen Zufallsanteil verfügen. Die Schule masst sich hier eine Zuweisungskompetenz an, welche ohnehin benachteiligte Lernende zusätzlich schwächt, demotiviert und stigmatisiert. Hier einige Zitate aus Thomas Meyers Dissertation, die genau darauf verweisen:

«Einige Faktoren, welche grösstmöglicher Chancengleichheit im Bildungswesen entgegenwirken, lassen sich allerdings herauskristallisieren. Relativ eindeutig sind die Befunde zur Wirkung von (früher) Selektion und Gliederung auf Volksschulstufe.»

«Die frühe und schwer korrigierbare Selektion spurt auch in hohem Masse die Chancen und Möglichkeiten vor, die den Lernenden nach Erfüllung der Schulpflicht für ihre weiterführende Bildungslaufbahn offenstehen. Dies ist umso stossender, als die Grundlagen, auf denen diese schwerwiegenden Selektionsentscheide basieren, nachweislich höchst unzuverlässig und ungenau sind (Kronig, 2007).»

«Hier legen die international vergleichenden Analysen nahe, dass selektive, gegliederte Grundbildungssysteme, wie sie in der Schweiz verbreitet sind, den Einfluss der sozialen Herkunft auf den Bildungserfolg verstärken, und zwar in der Tendenz umso ausgeprägter, je früher die Selektion erfolgt.»

Entschädigungen angemessen

Die Leistungen der öffentlichen Schule sind unbestritten. Bei diesen dürfen wir aber  die 10–15 Prozent der Lernenden nicht vergessen, welche die Staatsschule mit bleibenden Nachteilen und Schädigungen verlassen. Ein öffentliches Bildungssystem, das während 11 Jahren systematisch optimale individuelle Förderung bei sozial benachteiligten Lernenden unterlässt und sabotiert, richtet unter staatlicher Aufsicht Schaden an. Junge Menschen verlassen die Schule mit ungenügenden Kompetenzen in Lesen und Schreiben. Ihre Defizite bei diesen Grundkompetenzen führen zu eingeschränkter Lebensqualität.

Dies wäre zu verhindern, wenn ausreichende Ressourcen für individuelle Förderung während der obligatorischen Schulzeit zur Verfügung stünden. Die Schülerinnen und Schüler, die diese Förderung nicht erhielten, sollten dringend finanzielle Entschädigungen für erlittenes Unrecht erhalten. Ähnlich wie bereits heute die ehemaligen Verdingkinder.

Hans Joss

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Die Gehörlosen- oder Hörgeschädigtenpädagogik ist als Fachrichtung der Sonderpädagogik ein Nischengebiet der Pädagogik, weil die Entwicklungsschritte, die sie behandelt, normalerweise bei Schuleintritt abgeschlossen sind und deshalb wie selbstverständlich vorausgesetzt werden. Wer wissen möchte, was es alles braucht, damit das schulische Lernen überhaupt möglich wird, erfährt von dieser Fachrichtung Grundlegendes zur menschlichen Entwicklung.
Ciwa Griffiths hat in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bahnbrechende Erkenntnisse im Bereich der Hörbildung und der Sprachanbahnung gewonnen und dabei die gleichzeitig stattfindende rasante Entwicklung der Hörgerätetechnologie innovativ und gegen grosse Widerstände angewandt. Mit ihrer Hilfe erhielten „Taubstumme“ erstmals Chancengleichheit gegenüber Hörenden. Lesen Sie den spannenden Bericht von Peter Aebersold.

2 Kommentare

  1. Bildungsgerechtigkeit, ein jahrzehntealtes Desiderat neu aufgewärmt

    Da ist es wieder, das Schuldbewusstsein, dass Kindern Unrecht geschieht, wenn sie nicht alle in gleicher Weise vom Angebot der Schule profitieren können. Seit Dahrendorf in den Sechzigerjahren vom brach liegenden Potenzial der Jugendlichen aus der Arbeiterschicht sprach, ist das Problem bekannt. Die von Herrn Joss zitierte Untersuchung wärmt im Grunde nur auf, was unter dem Begriff der Chancenungleichheit seit langer Zeit die Bildungspolitik umtreibt.

    Wie aber lässt sich das Problem lösen?

    1. Beseitigung der Selektion?
    Seit Anfang der Siebzigerjahre gibt es in Deutschland neben dem dreigliedrigen System die Gesamtschule. In den 90-er Jahren zeigte der Vergleich der gross angelegten BIJU-Studie (Bildungsverläufe im Jugendalter, Max Planck-Institut Berlin) das enttäuschende Resultat: Statt der erhofften besseren Förderung der Benachteiligten, wiesen die Jugendlichen der Gesamtschule keine besseren Leistungen auf als diejenigen des selektiven Systems. Im Gegenteil: Die Kinder mit guten Startchancen in der Gesamtschule wiesen gegenüber denjenigen in Realschule und Gymnasium am Ende der Schulzeit einen Rückstand von zwei Jahren auf. Fazit: Das Niveau geht einfach für alle nach unten. Dürfen sich die Gesamtschüler auch melden, um für erlittenes Unrecht entschädigt zu werden?

    Die Selektion ist ab einer gewissen Stufe schon deshalb sinnvoll, weil sich Kinder und Jugendliche massiv unterscheiden im Lerntempo und in der Abstraktionsfähigkeit. Menschen haben unterschiedliche kognitive Begabungen und verfügen damit über unterschiedliche Fähigkeiten, schwierigen Lernstoff zu bewältigen. Dass sich familiäre Anregungen auf die Entwicklung dieser Fähigkeiten in den ersten Lebensjahren auswirken, soll nicht bestritten werden. Sie ist leider eine Tatsache. Müssen wir die Kinder deshalb auffordern, ihre Eltern für die nachteilige Früherziehung einzuklagen?

    2. Gezielte Förderung?
    Sprachliche Frühförderung, Förderzentren in Schulen, Hausaufgabenhilfen, Integration, alle diese Möglichkeiten werden schon lange ausprobiert. Leider haben sie bis heute die Chancengleichheit nicht merklich verbessert. Alle paar Jahre stellt eine neue Untersuchung wieder fest, dass das System Benachteiligte entlässt. Traurig, aber wahr!

    Es gibt jedoch ein hoffnungsvolles Aber:

    1. Das duale Bildungssystem der Schweiz ermöglicht dem allergrössten Teil der Jugendlichen, einen Beruf zu erlernen und Arbeit zu finden. Die Jugendarbeitslosigkeit bewegt sich in der Schweiz auf einem spektakulär tiefen Niveau trotz PISA-Schreckensmeldungen, trotz der hohen Migrantenzahl, trotz des selektiven Schulsystems.
    2. Würden sich die Pädagogischen Hochschulen wieder vermehrt darauf konzentrieren, den Auszubildenden brauchbares Unterrichtshandwerk, didaktisch-methodisches Alltagswissen und diagnostische Sensibilität zu vermitteln, anstatt in abstrusen Theorien (Selbstlernarchitekturen, Kompetenzorientierung, Mehrsprachigkeitsdidaktik, etc.) zu schwelgen, wäre schon sehr viel gewonnen. Einfach wieder lernen, wie man Lesen, Schreiben, Sprechen, Rechnen vermittelt. Eine gestärkte Professionalität der Lehrpersonen würde Ungerechtigkeiten wenigstens ein Stück weit Gegensteuer geben.
    3. Tatsächlich weist unser Bildungssystem eine hohe Chancengerechtigkeit auf. Kinder und Jugendliche, die – aus welchen Gründen auch immer, z.B. auch aus zeitweiliger Bequemlichkeit oder wegen misslichen Familienverhältnissen – bei der Selektion einen Zug verpassen, haben später immer wieder die Möglichkeit, Ausbildungen nachzuholen. Die Schweiz verfügt über ein ausgeklügeltes System von Fachhochschulen, höheren Fachschulen, Übergangsjahren, Abendschulen. Solche Übergänge zu erleichtern und zu begleiten, ist die bessere Idee, als an einem sehr erfolgreichen Schulsystem dauernd herumzubasteln und es alle paar Jahre neu erfinden zu wollen.

  2. Seit 30 Jahren werden die spezialisierten Einrichtungen zur Förderung der schwächeren Schüler abgebaut (von Heilpädagogen geführte Kleinklassen, Einführungsklassen, verschiedene Typen von Sonderschulen usw.). Es wird alles getan, um die angeblich schädliche Selektion vermeiden zu können (schwächere Schüler werden in Regelklassen integriert, Ober- und Realschulen werden in Sekundarschulen unbenannt, Sek C-Klassen werden aufgelöst, der Kindergarten wird zur Schule, Jahrgänge werden durchmischt, schwächere Schüler werden Lernziel befreit und erhalten bessere Noten, Noten werden abgeschafft, Schüler kommen in die nächste Schulklasse, auch wenn sie das Jahrgangsziel nicht erreichen und ihre Lücken immer grösser werden, Betreuungseinrichtungen für Kleinkinder werden ausgebaut usw.) . Die Durchlässigkeit der Volksschule war noch nie so hoch. Um Gleichheit herstellen zu können, wird ausgerechnet die Heterogenität gefördert. Ziel ist die Einheitsschule (Regelschule) nach Lehrplan 21, die endlich die Chancengleichheit bringen soll.

    Und das Resultat dieser 30jährigen Reformen? Der Anteil schwacher Schüler ist massiv gestiegen. Bei Pisa 2015 waren es hohe 20 Prozent und bei Pisa 2018 sind es bereits 24 % aller Schulabgänger die nach 11 Schuljahren einen Text nicht mehr verstehen können. Die Einführung der kompetenzorientierten Einheits- oder Gesamtschule anstelle des traditionellen Schulsystems erleidet auch in anderen Ländern Schiffbruch, allen voran der einstige Pisa-Sieger Finnland und das deutsche “Musterländle” Baden-Württemberg.

    Warum ist das so? Die schulische Selektion dient dazu, die schwächeren Schüler zu erfassen und ihnen eine optimale Förderung zukommen zu lassen. Entwicklungsrückstände und entmutigte Kinder können schon im Kindergarten und in der Unter- und Mittelstufe festgestellt werden, lange bevor die schulische Selektion einsetzt. Können die Defizite in dieser Zeit nicht behoben werden, ist die Chance, dass sie in einer nicht selektiven Sekundarstufe (Regel-, Gesamtschule) aufgeholt werden können, verschwindend klein, weil der immer grösser werdende Abstand zu den stärkeren Schülern, die schwächeren Schüler tagtäglich immer mehr entmutig. Nicht die Selektion führt zur Armut, sondern schwache Leistungen und ein tiefes Ausbildungsniveau.

    Die „Selektion“ beginnt bereits im Elternhaus hält sich hartnäckig: Wenn Eltern ihre Kinder nicht zum Lernen ermutigen, weil sie selber schwache Schüler waren und glauben, das ihren Kindern vererbt zu haben. Umgekehrt trauen Eltern, die gute Schüler waren, das normalerweise auch ihren Kindern zu und sie werden alles unternehmen, um die Kinder schon von klein auf entsprechend zu fördern. Die Schulreformbewegung im Roten Wien hatte deshalb Elternschulen gegründet, um auch bildungsferne Eltern aufzuklären, wie sie ihre Kindern zum Lernen ermutigen können.

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