Bildungsgerechtigkeit, ein jahrzehntealtes Desiderat neu aufgewärmt

Das ging aber schnell. Der Artikel von Hans Joss (“Wie und wem Schule schadet…”, 14.12.19) führte zu energischem Widerspruch. Condorcet-Autor Felix Schmutz mahnt in seiner Replik, die Stärken unseres Systems nicht aus den Augen zu verlieren. Falsche Laufbahnentscheide lassen sich in unserem System viel leichter korrigieren.

Felix Schmutz, BL

Da ist es wieder, das Schuldbewusstsein, dass Kindern Unrecht geschieht, wenn sie nicht alle in gleicher Weise vom Angebot der Schule profitieren können. Seit Dahrendorf in den Sechzigerjahren vom brach liegenden Potenzial der Jugendlichen aus der Arbeiterschicht sprach, ist das Problem bekannt. Die von Herrn Joss zitierte Untersuchung wärmt im Grunde nur auf, was unter dem Begriff der Chancenungleichheit seit langer Zeit die Bildungspolitik umtreibt.

Wie lässt sich das Problem lösen?  

  1. Beseitigung der Selektion?

Seit Anfang der Siebzigerjahre gibt es in Deutschland neben dem dreigliedrigen System die Gesamtschule. In den 90-er Jahren zeigte der Vergleich der gross angelegten BIJU-Studie (Bildungsverläufe im Jugendalter, Max Planck-Institut Berlin) das enttäuschende Resultat: Statt der erhofften besseren Förderung der Benachteiligten, wiesen die Jugendlichen der Gesamtschule keine besseren Leistungen auf als diejenigen des selektiven Systems. Im Gegenteil: Die Kinder mit guten Startchancen in der Gesamtschule wiesen gegenüber denjenigen in Realschule und Gymnasium am Ende der Schulzeit einen Rückstand von zwei Jahren auf. Fazit: Das Niveau geht einfach für alle nach unten. Dürfen sich die Gesamtschüler auch melden, um für erlittenes Unrecht entschädigt zu werden?

 

Die Chancengleichheit hat sich zugegebenermassen nicht verbessert

Die Selektion ist ab einer gewissen Stufe schon deshalb sinnvoll, weil sich Kinder und Jugendliche massiv unterscheiden im Lerntempo und in der Abstraktionsfähigkeit. Menschen haben unterschiedliche kognitive Begabungen und verfügen damit über unterschiedliche Fähigkeiten, schwierigen Lernstoff zu bewältigen. Dass sich familiäre Anregungen auf die Entwicklung dieser Fähigkeiten in den ersten Lebensjahren auswirken, soll nicht bestritten werden. Sie ist leider eine Tatsache. Müssen wir die Kinder deshalb auffordern, ihre Eltern für die nachteilige Früherziehung einzuklagen?

 

  1. Gezielte Förderung?

Sprachliche Frühförderung, Förderzentren in Schulen, Hausaufgabenhilfen, Integration, alle diese Möglichkeiten werden schon lange ausprobiert. Leider haben sie bis heute die Chancengleichheit nicht merklich verbessert. Alle paar Jahre stellt eine neue Untersuchung wieder fest, dass das System Benachteiligte entlässt. Traurig, aber wahr!

Kinder und Jugendliche, die bei der Selektion einen Zug verpassen, haben später immer wieder die Möglichkeit, Ausbildungen nachzuholen, falsche Laufbahnentscheide zu korrigieren.

Es gibt jedoch ein hoffnungsvolles Aber:

  1. Das duale Bildungssystem der Schweiz ermöglicht dem allergrössten Teil der Jugendlichen, einen Beruf zu erlernen und Arbeit zu finden. Die Jugendarbeitslosigkeit bewegt sich in der Schweiz auf einem spektakulär tiefen Niveau trotz PISA-Schreckensmeldungen, trotz der hohen Migrantenzahl, trotz dem selektiven Schulsystem.
  2. Würden sich die Pädagogischen Hochschulen wieder vermehrt darauf konzentrieren, den Auszubildenden brauchbares Unterrichtshandwerk, didaktisch-methodisches Alltagswissen und diagnostische Sensibilität zu vermitteln, anstatt in abstrusen Theorien (Selbstlernarchitekturen, Kompetenzorientierung, Mehrsprachigkeitsdidaktik, etc.) zu schwelgen, wäre schon sehr viel gewonnen. Einfach wieder lernen, wie man Lesen, Schreiben, Sprechen, Rechnen vermittelt. Eine gestärkte Professionalität der Lehrpersonen würde Ungerechtigkeiten wenigstens ein Stück weit Gegensteuer geben.
  3. Tatsächlich weist unser Bildungssystem insgesamt eine hohe Chancengerechtigkeit auf. Kinder und Jugendliche, die – aus welchen Gründen auch immer, z.B. auch aus zeitweiliger Bequemlichkeit oder wegen misslichen Familienverhältnissen – bei der Selektion einen Zug verpassen, haben später immer wieder die Möglichkeit, Ausbildungen nachzuholen, falsche Laufbahnentscheide zu korrigieren. Die Schweiz verfügt über ein ausgeklügeltes System von Fachhochschulen, höheren Fachschulen, Übergangsjahren, Abendschulen. Solche Übergänge zu erleichtern und zu begleiten, ist die bessere Idee, als an einem sehr erfolgreichen Schulsystem dauernd herumzubasteln und es alle paar Jahre neu erfinden zu wollen.

 

image_pdfAls PDF herunterladen

Verwandte Artikel

Kritik heisst nicht Verzicht auf Innovation

Die erste und einzige Kritik am Lehrplan 21 von der Basis ging von zwei Schulhäusern aus. Das Oberstufenzentrum Orpund und das in Biel gelegene Oberstufenzentrum Mett-Bözingen. Hier entstand das Memorandum 550gegen550, das (erfolgreich) eine Überarbeitung des Lehrplans 21 forderte. Unser Autor Alain Pichard unterrichtet an beiden Schulen. An dieser Stelle beschreibt er das OSZ-Mett-Bözingen, das sich von einer problembeladenen Brennpunktschule zu einer eigentlichen Vorzeigeschule entwickelt hat. Und er zeigt auch, dass Kritik an Kompetenzorientierung, Mehrsprachendidaktik und Vermessungswahn nicht heisst, auf Innovation zu verzichten. Zudem wird hier dokumentiert, wie Schulleitungen auch wirken können, wenn sie sich in den Dienst ihrer Kolleginnen und Kollegen und vor allem der Elten und Schülerinnen und Schüler stellen und praxisorientiert wirken. Das Interview veröffentlichen wir wegen seiner Länge in 2 Teilen.

Übergriffe von Eltern an Volksschulen – oder: Wie kann reagiert werden?

Volksschulen werden zunehmend durch Eltern (1) unter Druck gesetzt. Die Häufigkeit (2) ist alarmierend und erfordert Massnahmen, insbesondere zum Schutz der Lehrpersonen. Die Schulleitung ist gefordert, entsprechende Szenarien zu entwickeln. Dazu gehört die Definition klarer Verfahrens-Prozesse, die bei den verschiedenen Übergriffs-Formen zur Anwendung gelangen müssten, schreibt Condorcet-Autor Niklaus Gerber in seiner Analyse.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert