29. März 2020

Vorsicht bei den vielen selbsternannten «Experten»

An der Sekundarschule in Wigoltingen TG haben 7 von12 Lehrpersonen auf Ende Schuljahr gekündigt, nachdem ein Streit mit den beiden Schulleitern und der Schulpräsidentin eskaliert war. Es geht dabei um eine grundsätzliche Auseinandersetzung um pädagogische Konzepte, Aufgaben von Lehrpersonen sowie um die Ausrichtung der Volksschule. Lutz Wittenberg hat sich bei dem in Wigoltingen lebenden Schulpsychologen Willi Ruoss, der sich nach 37-jähriger Tätigkeit seit kurzem im Ruhestand befindet, genauer erkundigt.

I’M THE BOSS Rubber Stamp over a white background.

Condorcet: 

In Ihrer Gemeinde hat ein Grossteil der Sekundarlehrpersonen gekündigt. Um was geht es bei dem Konflikt?

Willi Ruoss: 

Es geht um Fragen wie: Wie viel Ideologie  erträgt die Volksschule? Werden wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse berücksichtigt?  Wie ist der Stellenwert des «autonomen Lernens»? Können Konzepte von Privatschulen auf die Volksschule übertragen werden? Wer muss eingreifen, wenn etwas falsch läuft? Weitere wichtige Aspekte in diesem Zusammenhang sind: Methodenfreiheit, Leitbild, Strategieziele, Lehrplan, kantonale Vorgaben. Es geht aber auch um Personalführung, interne und externe Kommunikation, die Rolle der zahlreichen Berater, der Umgang mit Konflikten allgemein und die Bedeutung der Medien.

Condorcet: 

Warum darf die Öffentlichkeit nicht auch von den Lehrpersonen selbst erfahren können, um was es ihnen geht?

Willi Ruoss: 

Lehrpersonen sind an die Schweige- und Treuepflicht ihrem Arbeitgeber gegenüber gebunden. Was im Fall der Schule Wigoltingen an der Informationsweitergabe problematisch war oder ist, ist Gegenstand der laufenden Abklärungen.

Condorcet: 

Sie verweisen in der NZZ am Sonntag darauf, dass die beiden eingestellten Schulleiter zuvor in Privatschulen eines reformeifrigen Netzwerks tätig waren. Woher stammen sie denn und was ist das Problem?

Fratton wurde vom Präsidenten des Baselbieter Lehrervereins als «Scharlatan» bezeichnet

Willi Ruoss: 

Wie die NZZ am Sonntag in ihren Recherchen aufzeigte, bestehen Verbindungen der beiden Schulleiter zum Netzwerk der Nachfolgerschulen von Gründer Peter Fratton. Die private Firma «SBW Haus des Lernens AG» führt zahlreiche Schulen  in der Schweiz und in Deutschland. Fratton, vom Präsidenten des Baselbieter Lehrervereins als «Scharlatan» bezeichnet, hatte mit der Gründung seiner Privatschulen Erfolge, kam dann mit seiner Pädagogik der grösstmöglichen Individualisierung und Selbststeuerung in Fachkreisen unter Beschuss, zumal sich Hinweise ergaben, dass einzelne Schulen im Leistungsvergleich mit den Staatsschulen schlechter abschnitten.

Condorcet:

Können Sie die Ideen der Schulleiter näher beschreiben?

Willi Ruoss: 

Die Überbetonung der grösstmöglichen   mit dem zentralen Begriff des «autonomen Lernens» führt zu einer Neudefinition der Rolle von Schüler und Lehrer. Die Schüler werden zu Lernenden bzw. Lernpartnern, die Lehrer zu Lernbegleitern oder Lerncoaches – eine Arbeitsbeziehung quasi auf Augenhöhe. An der Informationsveranstaltung der Schule Wigoltingen im Januar 2019 wurden diese Begriffe wiederholt gebraucht, aber nie näher beschrieben. Begriffliche Unklarheiten, häufig kaschiert hinter hochtrabenden Anglizismen, sind Bestandteil dieser Ideologien.

Condorcet: 

Sie nennen dieses Konzept «gefährlich». Wo sehen Sie denn die Risiken dieses Konzepts?

Willi Ruoss:  

Autonomie klingt auf den ersten Blick gut und kann durchaus als allgemein verbindliches Bildungsziel gelten. Viele kognitiv und persönlichkeitsmässig starke Kinder können unabhängig vom Lehrer und vom Schulmodell auch recht gut mit Freiheiten umgehen. Der überwiegende Teil der Kinder und Jugendlichen, vor allem jüngere, leistungsschwächere und verhaltensauffällige Schüler, ist auf eine enge persönliche Beziehung zum Lehrer angewiesen (vgl. HATTIE-Studie).

O-Ton Peter Fratton mit seinen «pädagogischen Urbitten»: Erzieh mich nicht! Bring mir nichts bei ..!

Condorcet:

Inwiefern ist es falsch anzunehmen, das ihre Kinder mit Selbststeuerung individuell gefördert werden?

Willi Ruoss: 

Es ist die Annahme, dass das Kind selbst am besten weiss, was gut für das Kind ist. O-Ton Peter Fratton mit seinen «pädagogischen Urbitten»: Erzieh mich nicht! Bring mir nichts bei ..!

Deutsche Gewerkschaftszeitung
Foto api

Condorcet:

Eigentlich haben wir Pädagogen ja die Methodenfreiheit. Wie wurde Druck auf die Wigoltinger Lehrpersonen ausgeübt, ihren Unterrichtsstil zu ändern? Wie funktionierte das Changemanagement?

Willi Ruoss:

«Changemanagement», auch so ein Begriff! Furchtbar! Im «Offenen Brief» an die Schulpräsidentin und an die Eltern berichten die Lehrpersonen, dass ihnen mit Abmahnungen und Freistellung gedroht wurde. In Medienmitteilungen der Schulpräsidentin wurden sie als stur und zu faul für Veränderungen dargestellt.

Condorcet:

Die Hauptleidtragenden in Wigoltingen sind ja die Schüler, deren Lehrpersonen nun fast gänzlich ausgetauscht werden. Bei allen Umwälzungen in der öffentlichen Schule wird häufig übersehen, dass Kinder nur eine Schulzeit haben. Müsste der Staat die Kinder vor solchen Auswüchsen nicht schützen?

Willi Ruoss:

Der  Gesetzgeber bestimmt, dass das Departement für Erziehung und Kultur (DEK) die Aufsicht über das Unterrichtswesen hat.

Condorcet: 

Welche Anhaltspunkte sehen Sie, dass das Schuldepartement seiner Aufsichtspflicht nicht nachgekommen ist?

Willi Ruoss: 

Im Thurgauer Volksschulsystem  werden die Schulbehörden und das Präsidium vom Volk direkt gewählt. Die Schulgemeinden geniessen eine hohe Autonomie. Aufsichtsrechtlich unterstehen sie dem  Departement für Erziehung und Kultur (DEK). Ob die Rolle der Aufsicht passiv oder aktiv interpretiert wird, ist letztlich eine politische Frage. Die Politik (Parlament, Parteien) sollte an einer starken Fachaufsicht interessiert sein. Wir sind der Überzeugung, dass es im Fall Wigoltingen schon sehr früh Hinweise für die Notwendigkeit von aufsichtsrechtlichen Massnahmen gegeben hat. Öffentlich wahrnehmbar aktiv wurde das DEK erst nach einer Aufsichtsbeschwerde von zwei Stimmbürgern.

Condorcet: 

Was ist Ihr bisheriges Fazit im Schulstreit?

Willi Ruoss: 

Man kann es schlagwortartig zusammenfassen:
– Mehr wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse, weniger Ideologie!
– Hinschauen statt wegschauen!
– Pädagogik, Pädagogik, Pädagogik!
– Vorsicht bei den vielen selbsternannten „Experten“, bei reisserisch angekündigten  Neuerungen, hohlen Phrasen und marktwirtschaftlichen Konzepten in der Volksschule!

Condorcet:

Herr Ruoss, vielen Dank für das Gespräch.

 

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