21. Oktober 2020

Wie viel Ideologie erträgt die Volksschule?

In den nächsten Tagen starten wir eine Artikelserie, welche anhand von zwei Beispielen beleuchten soll, wie der Umbau der Schule nach der Einführung des Lehrplans 21 vorangetrieben wird. Condorcet-Autor Lutz Wittenberg hörte sich in der Thurgauer Gemeinde Wigoltingen um und führte ein Interview mit dem inzwischen pensionierten Schulpsychologen Willy Ruoss. Doch lesen Sie zuerst eine Chronologie der Ereignisse.

Jetzt ja nicht nach Estland pilgern
Sekundarschulhaus Wigoltingen
Bild: gp

Am Anfang stand eine Komplett-Abwahl der bestehenden Schulbehörde zu Jahresbeginn 2017. Dargestellt wird die Entwicklung ausschliesslich durch Auszüge aus der Thurgauer Zeitung:

12.1.17 

«Nach ihren Visionen gefragt, sagten die neu Kandidierenden, es besser machen zu wollen. Wie sie das machen wollen, sagten sie allerdings nicht.»

13.2.17 

«Aus den Gesamterneuerungswahlen geht die Gruppe ‹Frischer Wind› als grosse Siegerin hervor.»

13.9.17 

«Nach ein paar Wochen im Amt ist der Präsident der Volksschulgemeinde zurückgetreten. Jetzt hat die Pflegerin gekündigt, und die Sekretärin hat gar nicht angefangen. Die Behörde passt nun die Führungsstruktur an.“

21.11.17

«Und jetzt das: Die Schulleitung kündigt per Ende Januar. […] Die Kündigung kommt ungelegen. Doch die Behörde will künftig mit neuen Führungsstrukturen Stabilität schaffen.»

5.3.18

«Die Behörde der Volksschulgemeinde Wigoltingen ist wieder komplett. Nachdem das Behördenmitglied Nathalie Wasserfallen am 26. November zur Präsidentin gewählt wurde, war ein Sitz im fünfköpfigen Gremium vakant.»

25.4.18 

«In der Volksschulgemeinde Wigoltingen soll Ruhe einkehren. Dafür will die neu gewählte Schulbehörde sorgen. […] ‹Ab dem 1. August gibt es eine pädagogische und eine organisatorische Schulleitung›, erklärt die Präsidentin. Die pädagogische Schulleitung wird die Gesamtverantwortung tragen. […] Für das neue Konzept hat sich die Behörde von einer auf schulische Themen spezialisierten Beratungsfirma unterstützen lassen und sich verschiedene Modelle angeschaut.»

4.1.19

«Zur Ruhe kommen, das wollen sie nicht. Obwohl die Volksschulgemeinde (VSG) Wigoltingen turbulente Jahre hinter sich hat. Einen kompletten Führungswechsel in der Behörde mit Kandidaten, die frischen Wind propagierten, und einem einschneidenden Wechsel in der Schulleitung. Doch Ruhe bedeutet Stillstand und das will das initiative Trio um VSG-Präsidentin Nathalie Wasserfallen nicht. […] ‹Die neuen Schulleiter haben die gesamte Schule vom Kindergarten bis zur Sekundarstufe im Blick und richten entsprechend die Strategie aus›, sagt Wasserfallen. […] Vor allem das altersdurchmischte Lernen sei ein Hauptaugenmerk. Ab kommendem Schuljahr gibt es in der Primarschule keine Jahrgangs-, sondern altersdurchmischte Klassen. Das soll sich auch auf der Sekundarstufe weiterziehen. Dieses Vorhaben hat nach der Mitarbeiterinformation zu einer ‹Chaosphase› geführt, wie die Schulpräsidentin sagt. […] ‹Ziele zu finden, die für alle stimmen, ist sowieso nicht möglich. Wir haben nun eine Richtung und dann schauen wir, wer mitmachen will.› […] ‹Reine Wissensvermittlung ist heutzutage zu wenig›, sagt Wasserfallen. Offenes und selbstständiges Lernen sei die Zukunft, sind sich die drei einig. Lehrpersonen müssten künftig mehr als Lerncoach fungieren. […] Als Macher und Visionäre sehen sich die Schulleiter. ‹Wir wollen nicht nur blabla, wir sind ehrgeizig›, sagt Mirko Spada.»

5.4.19

«Sekundarlehrer lehnen den Schulleiter ab. Hauptgründe: die einseitige Kommunikation und der Führungsstil. Die Schulpräsidentin fordert die Lehrer auf, zu kündigen oder am selben Strang zu ziehen. […] In einem Brief, den die Lehrer vor den Schulleitern und der Schulpräsidentin Nathalie Wasserfallen vortrugen, fordern sie die Schulleiter auf, zu kündigen. Sonst, so die Botschaft, würden sie selbst kündigen. […] Die Behörde stehe hinter ihren beiden Schulleitern. Zudem wolle sie die Schule wie ein KMU führen. Die Weisungen kämen von oben. Die Lehrer seien nur ausführende Kraft. Mitentscheiden könnten sie nicht. Die Lehrer wünschen sich jedoch, mit einbezogen zu werden. […] Schulpräsidentin Wasserfallen stellt klar: […] ‹Die Zeiten, in denen Individualinteressen einzelner Lehrpersonen vor den Gesamtinteressen der Schüler, aber auch der Steuerzahler standen, sind vorbei.›»

1.5.19

«Insgesamt sieben von rund zwölf Lehrern haben an der Oberstufe in Wigoltingen gekündigt. Es ist der Schlussknall einer Auseinandersetzung zwischen Lehrern, der Schulbehörde und der Schulleitung. […] Von sechs Hauptlehrern, die eine Klasse betreuen, bleibt nur eine übrig. […] Übrig bleiben vor allem Lehrer in Kleinpensen, etwa Hauswirtschaft oder Textiles Werken. Schulpräsidentin Nathalie Wasserfallen habe allen Lehrpersonen einen ‹Maulkorb› verpasst und ihnen mit juristischen Konsequenzen gedroht […].»

3.5.19

«Nun formieren sich die Schüler. Sie wollen den Rücktritt des Schulleiters und der Schulpräsidentin.»

4.5.19

„Am Freitagmorgen flatterte der bereits angekündigte Elternbrief von Schulpräsidentin Nathalie Wasserfallen in die Haushalte der Eltern von Wigoltinger Schülern. […] Die Begründung für die Kündigungswelle beschreibt sie mit klaren Worten: ‹Zu den Abgängen kam es nicht, wie behauptet, aufgrund des Führungs- und Kommunikationsstils der Schulleitungen und der Schulbehörde. Tatsache ist, dass diese Lehrpersonen nicht bereit sind, Veränderungen zu Gunsten der Kinder effektiv mitzutragen.› Wasserfallen schreibt im Weiteren, dass es nicht akzeptabel sei, wenn einzelne Lehrpersonen sich weigerten, Schüler mit Niveau G zu unterrichten. Zudem sei es nicht zutreffend, dass sich die Lehrer nicht einbringen durften. […] Die Schule Wigoltingen richte sich aber neu aus und diese Neuausrichtung erfordere Veränderung. Dies seien die sieben Lehrpersonen nicht bereit gewesen mitzutragen. Die Neuausrichtung sei für die Umsetzung des Thurgauer Lehrplans wichtig. […] Gegenüber ihren Mitarbeitern lässt Nathalie Wasserfallen verlauten, dass weder für sie noch für Mirko Spada ein Rücktritt im Raum stehe. ‹Wir werden dem Druck standhalten›, schreibt sie.»

7.5.19

«Am Montag haben zwei Personen bei Regierungsrätin Monika Knill Aufsichtsbeschwerde eingereicht. […] ‹Diesen Kündigungen ging in der Mehrheit der Fälle entweder ein offenbar schikanöses Verhalten oder die Androhung von Konsequenzen für den Fall, dass man sich öffentlich zu den Gründen der Auflösung des Arbeitsverhältnisses äussert, voraus.› […] ‹Um die Vorkommnisse zu klären, sind unseres Erachtens als erstes die Lehrer persönlich anzuhören, welche die Kündigung eingereicht haben›, schreiben die Verfasser abschliessend.»

14.5.19

«Nun ist es soweit: Die Lehrer melden sich zu Wort – in einem vierseitigen offenen Brief an Schulpräsidentin Nathalie Wasserfallen. Nicht nur die sieben Lehrer, welche gekündigt haben, sondern zehn Lehrpersonen zeichnen diesen Brief. […] In den Medienmitteilungen habe Wasserfallen diverse Falschinformationen publiziert, ‹die wir als Lehrpersonen der Sekundarschule Wigoltingen so nicht hinnehmen können und die uns persönlich desavouieren und unserer Berufsehre verletzen›, schreiben sie. […] Es stimme nicht, dass die Lehrpersonen keine G-Schüler unterrichten wollen. ‹Ein Blick in den aktuellen Stundenplan zeigt, dass sämtliche Lehrpersonen in G-Klassen oder gemischten Lerngruppen unterrichten›, schreiben die Lehrer dazu. Auch hätten sie aktiv versucht, an den Veränderungen mitzuarbeiten. ‹Wir fordern aber sinnvolle und wohlüberlegte Schritte.› […] Des Weiteren finden die Lehrer, dass sie sehr wohl einen Maulkorb auferlegt erhalten hätten. In diversen Mails habe Wasserfallen mit Abmahnungen und Freistellung gedroht.»

8.6.19

«IG-Sprecher Michael Schätzle: ‹Wir fordern von Frau Wasserfallen nur, dass sie ihr Amt ruhen lässt, da die Anzeige beim Kanton noch immer steht und sie in diese Verfahren involviert ist. […] Ich finde, die Lehrer sollten endlich sagen dürfen, was sie wissen. Doch die Bitte zur Befreiung von der Schweigepflicht hat Schulpräsidentin zweimal abgewiesen.›“

Der Condorcet-Blog setzt Chronologie und Berichterstattung fort …

Lutz Wittenberg

 

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