7000 bis 8000 neue Kinder- und Jugendbücher erscheinen pro Jahr im deutschsprachigen Raum. Statistisch gesehen müssten wir in einem Paradies für kleine Leseratten leben. Als Mutter zweier Töchter (5 und 7) habe ich beim Bücherkauf aber oft das Gefühl, dass Erziehungsziele inzwischen wichtiger sind als gute Geschichten.

Kaum ein neues Kinderbuch, das nicht in irgendeiner Social-Media-tauglichen Rubrik auf einem Bücherregal versorgt wird. Es gibt Bücher, die die «Resilienz» des Kindes stärken. Bücher über den «Klimawandel», Bücher gegen «Mobbing» und Bücher für «Starke Mädchen». Mir vergeht beim Abschreiten dieser Regale oft die Lust, mich auf die beworbenen Titel einzulassen. Ich denke dann an Pippi Langstrumpf, die als etablierte Kinderfigur gleich mehrere dieser Schlagworte locker besetzen würde – um dann auch noch auf ihnen herumzutrampeln.
Wenn ich meinen Töchtern Bücher vorlese, die sich über so ein Erziehungsziel definieren, bleibt die Resonanz aus. So wie kürzlich bei einem liebevoll illustrierten Kinderbuch, das junge Klimaaktivisten rund um den Erdball porträtiert. Da funktionierte das im Selbstverlag veröffentlichte Kinderbuch unserer ehemaligen Kindergärtnerin besser: Das versetzt Kinder in die Perspektive eines Regentropfens anstatt in die Perspektive einer Umweltorganisation.

Mein Eindruck als Mutter ist, dass die Zahl an Kinderbüchern, die in Kooperation mit Stiftungen, Firmen und Institutionen entstanden sind, zunimmt. Belastbare Zahlen gibt es dazu nicht. Und verstehen Sie mich nicht falsch: Nicht jede Kooperation ist schlecht. Globi begann schliesslich auch als Marketingfigur der Warenhauskette Globus. Erst später wurde er zum eigenständigen schrägen Vogel und Geschichtenerzähler. Aber heute wirken manche Kinderbücher wie Teil einer grösseren Kommunikationsstrategie.
Der Eindruck drängt sich auf, dass Kinderbuchautoren sich wie Influencer Kooperationen für die Sichtbarkeit und finanzielle Absicherung ihres Buchprojektes suchen müssen. Da malen talentierte Illustratoren, in ihrer künstlerischen Freiheit eingeschränkt, dann Bilder entlang einer dünnen Storyline, die überhaupt nicht aus der Kinderperspektive gedacht ist. So viel verschwendete kreative Energie, denke ich mir dann manchmal beim Durchblättern der Seiten.
Wird die Fähigkeit, die es braucht, um ein Kinderbuch zu schreiben, nicht massiv unterschätzt?
Gähnen löste bei mir und meinen Kindern kürzlich ein Buch über eine Museumskatze aus, die es angeblich in der Tate Modern tatsächlich geben soll. Und natürlich liegt die jetzt, verewigt als Buch, im Museumsshop herum. Zielgruppe: undefiniert.
Weil immer mehr Institutionen, Firmen oder auch Prominente Kinderbücher für ihre eigenen Zwecke entdecken, geraten gute Geschichten in den Hintergrund. Selfpublishing dürfte die Zahl der Kinderbuchautoren noch vergrössert haben. Auch Promis, von Madonna bis zum deutschen Ex-National-Fussballspieler Thomas Müller, schreiben mit. Sie geben den Verlagen Aufmerksamkeit. Aber sind diese Bücher gut? Und wird die Fähigkeit, die es braucht, um ein Kinderbuch zu schreiben, nicht massiv unterschätzt?
Kinder wollen so wenig belehrt werden wie Erwachsene. Deren allergischer Schnupfen auf alles, was nach woke riecht, ist ja gemeinhin bekannt. Ich frage mich: Wo ist sie geblieben, diese anarchische, zerstörerische Kraft, die auch schon an Grimm’schen Märchen so fasziniert? Das Böse muss man in den neueren Kinderbüchern mit der Lupe suchen, dabei ist die Welt doch eben genau das auch. Wie erklären wir das unseren Kindern? Wie erklären wir ihnen die Welt?
Wenn ich mir etwas wünschen würde, dann mehr «Max & Moritz» ohne die dazugehörige schwarze Pädagogik. Kürzlich habe ich die alte Kinderbuchreihe «Ich und meine Schwester Klara» von Dimiter Inkiow wieder entdeckt. Das Geschwisterpaar der Titelreihe erschleicht sich am Wochenmarkt Erdbeeren, indem es die Früchte wie die Erwachsenen Probe isst. Es serviert Erwachsenen Gummiwürste, die denselben in den Hälsen stecken bleiben.
Es sind Grenzüberschreitungen aus einer kindlichen Unschuld heraus, für die die Protagonisten aus Klassikern wie Otfried Preusslers «Räuber Hotzenplotz» oder Pippi Langstrumpf bis heute gefeiert werden. Funktionieren tun sie, weil sie radikal aus der Kinderperspektive erzählt sind.

