23. August 2019

Ein Filmtipp für den Unterricht: «Der Junge, der den Wind einfing»

Filme mit Schülerinnen und Schülern im Unterricht einzusetzen, ist in einer Zeit des exzessiven Medienkonsums eine heikle pädagogische Angelegenheit. Und wenn es um zweistündige Spielfilme geht, stellt sich die Frage nach dem Sinn und Zweck noch drängender. Condorcet-Autor Alain Pichard hat ein «Juwel» entdeckt, das ihn dazu verführte, alle Bedenken über Bord zu werfen!

Bild: Netflix

In meinem Klassenzimmer hängt ein moderner Beamer! Der angeschlossene Laptop, eine schnell heruntergezogene Leinwand, optimale Lautsprecherboxen, passable Storen und komfortable Schulstühle lassen recht schnell ein wohliges Kinogefühl entstehen.

Bild: api

Das verführt die Lehrkräfte oft dazu, zu Schuljahresende noch schnell einen «Film hereinzuziehen». Die Schülerinnen und Schüler scheinen schnell ruhiggestellt und man muss selber nicht allzu viel vorbereiten.

Kinder mögen nicht mehr lange Filme schauen

Das Problem: Viele Jugendlichen mögen kaum mehr länger als eine halbe Stunde ruhig sitzen und einen Film schauen, der, wenn er schulischen Zwecken dienen soll, sich ja oft nicht mit ihren Sehgewohnheiten trifft. Am schlimmsten sind die Filmnächte: Da müssen oft Sofas und Matratzen her, die Klassentüre öffnet sich ständig, die Schülerinnen und Schüler wandern inmitten der Vorführung hinaus, kommen wieder hinein, essen Chips und quatschen mitunter unverblümt laut miteinander über ihre Freizeitpläne und aktuellen Freundschaften und ja … der Film, der läuft dann auch noch! Da denkt man dann oft: ein Albtraum!

Youtube-Tutorials sind hilfreich

Ich schaue mit meinen Schülerinnen oft kurze Sequenzen auf Youtube, zeige kleine Filmauschnitte zu behandelten Themen, und das meistens mit einem Filmprotokoll. Längere Spielfilme zeige ich kaum mehr. Und wenn, dann immer in Etappen mit Diskussionsrunden und Aufträgen.

Jetzt hat es mich wieder einmal gepackt. Die wahre Geschichte des jungen William Kamkwamba, der im südostafrikanischen Staat Malawi in ärmlichen Verhältnissen aufwuchs und mit Intelligenz und Erfindungsreichtum eine Windmühle baute, ist auf Netflix abrufbar.

Der Film ist ein «document humain» – eine Ode an die Bildung

Die Geschichte wäre eigentlich wie gemacht für eine sentimentale Hollywoodverfilmung mit Oscar-Ambitionen. «Doch nicht die zum Zuckerguss und zur Überdramatisierung neigende Traumfabrik hat die Geschichte Williams verfilmt, sondern der britische Schauspieler Chiwetel Ejiofor (‹12 Years A Slave›) mit der Unterstützung des British Film Institutes, das bekannt dafür ist, eher erzählerisch oder visuell außergewöhnliche Filme zu fördern (zuletzt zum Beispiel ‹Cold War› oder ‹Brooklyn›). ‹Der Junge, der den Wind einfing› ist deshalb so sehenswert, weil der auch für das Drehbuch selbst verantwortlich zeichnende Ejiofor in seinem inzwischen von Netflix aufgekauften Regiedebüt die üblichen Fallstricke konsequent umschifft und stattdessen auf zurückhaltende und erfreulich nüchterne Weise eine durch und durch afrikanische Erfolgsgeschichte erzählt.» (www.fimstarts.de).

Der wahre William Kamkwamba Bild Netflix

Und weiter heisst es in der Filmkritik: «Der 14-jährige William Kamkwamba (Maxwell Simba) wächst in einem kleinen Dorf in Malawi auf. Sein Vater Trywell (Chiwetel Ejiofor) ist ein Bauer, der mit großem Eifer versucht, seine Familie vor dem Abgleiten unter das Existenzminimum zu bewahren. Doch das Geld ist knapp und heftige Regenfälle haben die Ernte vernichtet. Tochter Annie (Lily Banda) hofft, auf die Universität gehen zu können, und auch William träumt von einem besseren Leben. Aber weil sein Vater die Gebühren einfach nicht mehr bezahlen kann, muss er die Schule verlassen. Einer der Lehrer erlaubt ihm allerdings, sich trotzdem weiterhin in der Bibliothek aufzuhalten und sich dort sein Wissen anzulesen. Mit Erfolg: Aus schrottreifen Einzelteilen und dem wertvollsten Besitz seines Vaters, einem Fahrrad, gelingt es ihm, eine Windmühle zu bauen, die fortan Elektrizität für das ganze Dorf erzeugt …»

Enorm hilfreich ist auch der Nachspann, den man keineswegs verpassen sollte. Dort werden die richtigen Personen in Bild und Text vorgestellt. Zu allererst William Kamkwamba, der zurzeit mit Hilfe eines Stipendiums an der African Leadership Academy (Afrikanische Akademie für Führungskräfte) in Johannesburg in Südafrika studiert. Dann werden alle wichtigen Personen, welche im Film vorkommen, kurz vorgestellt und man erfährt, dass die Eltern immer noch im Dorf Masitale leben.

Der Film fasst verschiedenste Aspekte meines Unterrichts in der 7. Klasse zusammen

Im naturwissenschaftlichen Teil werden die Stromerzeugung, die Idee des Generators und die Windkraft anschaulich behandelt. Im geografischen Teil sieht man, was das Leben in einer Subsistenzwirtschaft für die Menschen bedeutet, man sieht die Folgen von Naturkatastrophen und ihre direkten Auswirkungen auf die Menschen. Im staatspolitischen Bereich wird den Schülerinnen und Schülern vermittelt, welch katastrophale Konsequenzen schlechte Regierungen für ihre Länder haben können und im gesellschaftspolitischen Teil erfährt man viel über die Zwänge einer patriarchalischen Struktur, in welcher immer noch die Religion bestimmt, was gilt.

Grundsätzlich aber ist dieser Film eine Ode an die Bildung! Meine Schülerin Ronja Stauffer bringt es in ihrem Beitrag auf den Punkt: «Bei uns ist der Schulbesuch selbstverständlich und verpflichtend, dort ist er ein Sehnsuchtsort!»

Bei uns – so könnte man hinzufügen – füllen Filme wie «Fack ju Goethe» die Kinokassen, in afrikanischen und asiatischen Ländern sieht man Geschichten wie «Der Junge, der den Wind einfing».

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