12. März 2026
Debatte um den Gymnasiumsübertritt

Herr Wolter, soll man die Gymi-Aufnahme­prüfung abschaffen? «Bloss nicht!»

Alle Jahre wieder. Die Aufnahmeprüfung in die Zürcher Gymnasien polarisiert. Es geht dabei auch um grundsätzliche Fragen wie Chancengerechtigkeit, Studierfähigkeit und den florierenden Nachhilfeunterricht. Zu all diesen Fragen hat der Bildungsökonom Professor Stefan Wolter eine klare Meinung. Wir bringen einen Beitrag der Journalistin Nadja Pastega, der in der Sonntagszeitung erschienen ist.

Stefan Wolter, streitbarer Bildungsforscher und Autor des Bildungsberichts Schweiz, hat in der Bildungsszene nicht nur Freunde. Er äussert sich zu Themen und Sachverhalten, die andere so lieber nicht hören möchten. Das gilt auch für die derzeitige Debatte um die Aufnahmeverfahren ins Gymnasium – und die Frage, warum dort vor allem Kinder von Akademiker-Eltern sitzen, die hier gar nicht hingehören.

Nadja Pastega, Journalistin der Sonntagszeitung

Herr Wolter, kann man die Matur kaufen?

Natürlich. Es gibt ja auch private Gymnasien. Als ich letztes Jahr um diese Zeit herum am Bahnhof Zürich war, hingen dort Plakate, auf denen es hiess: «Gymiprüfung nicht bestanden? Kein Problem, komm zu uns!» Das kostet zwar etwa 30’000 Franken oder noch mehr pro Jahr, aber dann ist man in einem privaten Gymnasium.

Was für ein Preisschild hat die Matur an einer öffentlichen Schule?

Eine Nachhilfelektion im Kanton Zürich kann bis zu 100 Franken kosten. Nimmt ein Kind in zwei Fächern pro Woche je eine Stunde Nachhilfe, macht das 200 Franken. Hochgerechnet auf ein Semester von 14 Stunden sind wir bei 2800 Franken.

Und, was bringt die teure Nachhilfe wirklich?

Man kann damit die Noten erhöhen. Aber wie viele Kinder und Jugendliche nur dank der Nachhilfe ins Gymi kommen, wissen wir nicht. Eine Mitarbeiterin von mir hat eine Studie publiziert, die zeigt, dass es eher so ist, dass Jugendliche, die sehr intensiv Nachhilfe nehmen, sogar schlechter werden.

Bildungsökonom Prof. Stefan Wolter: Es geht um die Studierfähigkeit.

Warum denn das?

Jugendliche, die sehr lange und intensiv Nachhilfe nehmen, delegieren das selbstständige Lernen an die Nachhilfe. Dadurch, dass sie sich selber keine Mühe mehr geben, ein Problem zu lösen, schädigen sie ihre eigene Lernfähigkeit. Wir haben allerdings untersucht, was aus den Schülerinnen und Schülern am Gymi wurde, die Nachhilfe nahmen, und haben sie mit den Altersgenossen verglichen, die beim Eintritt ins Gymnasium ohne Nachhilfe die gleichen Kompetenzen erreichten.

Was haben Sie festgestellt?

Es hat sich gezeigt, dass es grosse Unterschiede gibt beim Risiko, das Gymi abzubrechen, zu repetieren, kein Studium in Angriff zu nehmen oder dieses wieder abzubrechen. Das bedeutet, selbst wenn man annähme, dass man sich den Gymi-Eintritt zum Teil erkaufen kann, gehen diese Leute ein grosses Risiko ein, dass sie es dann trotzdem nicht bestehen.

Trotzdem nehmen diese Low Performer anderen Schülern, die kognitiv vielleicht besser sind, den Platz weg, weil die Zahl der Gymiplätze beschränkt ist. Wie kann man diese Ungerechtigkeit beseitigen?

Die Vorschläge liegen seit Jahren auf dem Tisch.

Bei einem Aufnahmeverfahren, bei dem Vornoten und Aufnahmeprüfungen zählen wie in Zürich, ist der Anteil der Schülerinnen und Schüler, die sowohl in Sprache als auch in Mathematik nicht ins Gymnasium gehören würden, deutlich unter 5 Prozent.

Nämlich?

Dass man die Nachhilfe an die Schulen delegiert, die zum Beispiel während zwei Monaten am Mittwochnachmittag gratis Nachhilfe für alle bieten. Das wird von einzelnen Schulen gemacht und bringt mehr für die Chancengleichheit als die Abschaffung der Aufnahmeprüfung. Würde ein Kind allerdings jahrelang regelmässig Nachhilfe benötigen, dann wäre es am Gymnasium wohl eh am falschen Platz.

Wenn ich Sie richtig verstehe, sind Sie gegen die Streichung der Gymi-Aufnahmeprüfung …

… genau, bloss nicht abschaffen!

Aber Sie sagen in den Bildungsberichten auch, dass vor allem Akademikerkinder mit ungenügenden Leistungen ans Gymnasium kommen.

Das stimmt im Durchschnitt, aber halt praktisch nur in jenen Kantonen, die eben keine Aufnahmeprüfung haben! Bei einem Aufnahmeverfahren, bei dem Vornoten und Aufnahmeprüfungen zählen wie in Zürich, ist der Anteil der Schülerinnen und Schüler, die sowohl in Sprache als auch in Mathematik nicht ins Gymnasium gehören würden, deutlich unter 5 Prozent.

Und in Kantonen ohne Aufnahmeprüfung?

Hier sind es fünfmal mehr, nämlich 25 Prozent.

Und umgekehrt hätten Jugendliche, die von den Lehrern unfair oder falsch eingeschätzt oder benotet wurden, keine Chance, die Fehler durch eine standardisierte Prüfung zu korrigieren.

Trotzdem steht die Aufnahmeprüfung, wie sie in Zürich diese Woche stattfand, jedes Jahr wieder in der Kritik. Müsste man sie nicht einfach streichen?

Dann gibt es einfach Druck von manchen Eltern auf die Lehrperson, die Noten nach oben zu korrigieren. Auch die Ungerechtigkeit mit der Nachhilfe wäre nicht beseitigt, die würde dann eben gemacht, um die Noten nach oben zu bringen. Und umgekehrt hätten Jugendliche, die von den Lehrern unfair oder falsch eingeschätzt oder benotet wurden, keine Chance, die Fehler durch eine standardisierte Prüfung zu korrigieren. Der Weg, den Zürich wählt, hat eine Stresskomponente für alle Beteiligten, das ist ganz klar. Aber gleichzeitig ist der Umgang mit Stress auch eine Fähigkeit, die hilft, mit dem Stress im Gymnasium, später im Studium und schliesslich auch im Arbeitsmarkt umgehen zu können.

Wird an den Gymnasien gerecht gesiebt?

Im Durchschnitt ist es so, dass Schüler, die beim Eintritt ins Gymnasium bessere Kompetenzen hatten, dieses auch eher abschliessen. Es gibt aber eben auch Schüler, die trotz ungenügender Kompetenzen die Matur bestehen.

Wie viele Maturanden absolvieren später erfolgreich ein Studium?

Von 10 Schülern, die es schaffen, ins Gymi zu kommen, haben nur knapp 3 Schüler zehn, elf Jahre später einen universitären Master, der zu einer Stelle führt, für die ein Studium notwendig war. Das heisst, 7 von 10 haben entweder das Gymi nicht geschafft, kein Studium angefangen oder nach dem Bachelor aufgehört, zu studieren.

Gymnasiastinnen und Gymnasiasten klagen über Strapazen. Zu Recht oder handelt es sich um eine «verweichlichte» Gen Z, wie Kritiker sagen? Fordert man heute zu wenig von jungen Menschen, weil man ihnen zu wenig zutraut?

Das Ziel des Gymnasiums ist die Studierfähigkeit, und das auch mit Blick auf die Fähigkeit, mit Drucksituationen umgehen zu können. Wenn man im Gymi nicht genügend darauf vorbereitet, dass an einer Universität manchmal zehn Prüfungen am Ende eines Semesters innerhalb von zwei Wochen geschrieben werden müssen, hat man den jungen Leuten einen Bärendienst erwiesen. Die Tatsache, dass immer noch ein Viertel aller Studierenden die Uni ohne Abschluss verlässt, müsste uns zu denken geben.

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