Condorcet setzt ein Zeichen gegen das “Ausklinken” aus der Debatte

Professor Allan Guggenbühl hat den Condorcet-Blog von Anfang an wohlwollend, aber auch kritisch begleitet. Konsequenterweise war er auch Gastreferent an unserer Gründungsversammlung vor einem Jahr. Für ihn setzt der Bildungsblog einen wichtigen Akzent gegen das “Ausklinken” aus der bildungspolitischen Diskussion.

Allan Guggenbühl während seines Referats an der Gründungsversammlung des Condorcet-Blogs vor einem Jahr.

«Artikel über die Schule zu lesen, interessiert mich nicht, ich gebe lieber Schule – und ausserdem mache ich das so, wie ich will! Anweisungen von oben ignoriere ich oder erledige sie pro forma.», bemerkte eine sehr engagierte, junge Lehrerin mir gegenüber. Sie drückte eine Haltung aus, die unter Lehrpersonen verbreitet ist. Man setzt sich für die eigenen Schüler und Schülerinnen ein, probiert andere Unterrichtsformen, wie man in der Corona-Krise sieht, doch von einem öffentlichen Diskurs über die Schule hat man sich ausgeklinkt. Wenig bewusst ist diesen Lehrern und Lehrerinnen, dass ihre Beteiligung wertvoll und erwünscht wäre. Die Diskussion über die Schule sollte nicht nur Erziehungswissenschaftlern und Politikern überlassen werden, sondern es braucht auch die Stimmen der Lehrpersonen an der Front. Es gibt viele Herausforderungen, mit denen die Schule konfrontiert wird: Schulreformen, die Inklusion, die neuen Lehrmittel, der selbsttätige Unterricht, der Lernplan 21, neue Schulstrukturen. Hat sich unter Lehrpersonen die Haltung verbreitet, dass ihre Erfahrungen keine Auswirkungen auf die Schulentwicklung hat? Neuerungen und Projekte der Bildungsdirektionen kommen und gehen, der schulische Alltag jedoch gleich bleibt? Wie soll man sich da an einem Schuldiskurs beteiligen?

Der freie Ideenaustausch hat ein Nachsehen, Spekulationen oder philosophische Überlegungen zur Schulen wenig Platz.

Condorcet leistet einen wichtigen Beitrag zur Debattenkultur.

Die Schule scheint sich zu einer Zweiklassengesellschaft entwickelt zu haben. Auf der einen Seite gibt es eine Klasse studierter Pädagogen, Erziehungswissenschaftler, promovierter Didaktiker, die sich an Erziehungsdirektorenkonferenzen trifft, an der OECD orientiert, in Fachjournalen profiliert, an Pädagogischen Hochschulen austauscht, Debatten führt, jedoch einen Jargon pflegt, der sich von der pädagogischen Basis unterscheidet. Man argumentiert mit evidenz-basierten Forschungsresultaten und vernebelt Aussagen mit Anglizismen. Der freie Ideenaustausch hat ein Nachsehen, Spekulationen oder philosophische Überlegungen zur Schulen wenig Platz. Aussagen müssen durch Zahlen belegt werden. Auf der anderen Seite gibt es tausende Lehrpersonen, die in ihrer Arbeit und Freizeit einen intensiven Austausch über die Schule pflegen. Er findet im kleinen Rahmen in den Schulhäusern, nach Schulstunden, in Lehrerzimmern oder Sitzungen statt. Diskutiert wird über individuelle Lösungen mit Schülern, Konflikte, Vorfälle, Konzepte, Lektionen und Tipps und Tricks. Dieser Diskurs ist oft chaotisch und unkoordiniert, doch nicht weniger geistreich und durchdacht. Wie man weiss, entstehen neue Ideen in der Praxis und nicht in Elfenbeintürmen.

Nicht zufällig haben Persönlichkeiten wie Johann Pestalozzi, Maria Montessori, Celestin Freinet, Jerome Brunner, Ruth Cohn, Wihelm Dilthey, Paul Geheb ihre Ideen aus der Praxis generiert und nicht in akademischen Räumen.

Viele dieser Lehrpersonen suchen nicht den Kontakt zur Bildungskaste. Sie gestalten die Schule nach eigenem Gutdünken und hoffen, nicht durch die Ambitionen und Reformbestrebungen der Bildungskaste gestört zu werden. Oft werden pädagogische Schwerpunkte gesetzt, die im Diskurs der Bildungsklasse nicht enthalten sind. Einzelbeobachtungen, persönliche Einschätzungen und Erfahrungen werden ausgetauscht und sind Ausgangspunkt neuer Ideen. Nicht zufällig haben Persönlichkeiten wie Johann Pestalozzi, Maria Montessori, Celestin Freinet, Jerome Brunner, Ruth Cohn, Wihelm Dilthey, Paul Geheb ihre Ideen aus der Praxis generiert und nicht in akademischen Räumen. Leider gilt heute der praxisorientierte Theoretiker, der die Schule ganzheitlich durchschaut und sich geisteswissenschaftlich orientiert, wenig. Da schulische Neuerungen und Massnahmen von der Bildungskaste definiert und top-down durchgesetzt werden, bleiben die Erfahrungen der Basis meist ungenutzt.

Condorcet liefert einen wichtigen Beitrag zur Förderung einer Schuldebatte, in der alle Kreise integriert sind.

Condorcet leistet hier einen wichtigen Beitrag. Indem der Blog eine Plattform bietet, auf der Artikel geschrieben, ausgetauscht und diskutiert werden können, die sowohl aus der Praxis wie aus theoretischen Überlegungen geschrieben werden, liefert er einen wichtigen Beitrag zur Förderung einer Schuldebatte, in der alle Kreise integriert sind. Es geht nicht um das Nachbeten des aktuellen Bildungskanons, sondern um die Benennung von Problemen, das Nachdenken über die schulische Wirklichkeit und die Suche nach Lösungen! Es ist zu hoffen, dass Condorcet eine noch grössere Verbreitung findet und auch von der Bildungskaste ernst genommen wird.

Allan Guggenbühl

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> Weiterführende Literatur:

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> Todd Rose (2015) The End of Average. How to Succeed in a World that Values Sameness. New York: Penguin at Random House

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> Cass. R. Sunstein (2003) Why Societies Need Dissent. Cambridge: Harvard University Press

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> Allan Guggenbühl (2016) Die vergessene Klugheit. Wie Normen uns am Denken hindern. Bern: Hogrefe

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