28. Februar 2026
Nachteilsausgleich -

Ein hehres Ziel mit verheerenden Folgen

Werden in der Schule wirklich so viele Schüler diskriminiert, dass sie einen Nachteilsausgleich brauchen? «Das ist eine gefährliche Mär», sagt die Bildungsexpertin Ester Ziegler. In einem Interview mit dem NZZ-Journalisten Sebastian Brielmann erklärt sie, weshalb die Entwicklung des Nachteilsausgleichs mit Chancengerechtigkeit nichts zu tun hat.

Hat ein Schüler oder eine Studentin eine Beeinträchtigung, die sie in einer Prüfung benachteiligt, erhalten sie einen Ausgleich. Mehr Zeit für die letzte Aufgabe; mehr Ruhe, da der Test in einem separaten Raum geschrieben wird; mündliche statt schriftliche Antworten. Von der Primarschule bis zur Universität nehmen solche Massnahmen zu. Wie hoch der Anteil wirklich ist, weiss niemand, wie die «NZZ am Sonntag» kürzlich berichtet hat. Doch die Zahlen, die es gibt, zeigen: Immer mehr Schülerinnen und Schüler erhalten einen solchen Nachteilsausgleich – wegen Dyslexie oder Dyskalkulie und vermehrt auch wegen psychischer Erkrankungen wie Angststörungen.

Sebastian Briellmann, Journalist der NZZ: Ist die Schule ein fairer Ort für alle?

Die Bildungsexpertin Esther Ziegler hält den Nachteilsausgleich für kontraproduktiv. Dabei klingt dieser doch gerecht, da er Benachteiligten helfen soll, dieselben Ziele wie alle anderen zu erreichen.

Frau Ziegler, warum werden in der Schweiz so viele Schüler ungleich behandelt?

Esther Ziegler: Das stimmt so natürlich überhaupt nicht. Wir haben ein durchlässiges System. Eines, das sich anpasst – an stärkere und auch an schwächere Schüler. Eher könnte man sagen: Die Schulen passen sich etwas gar stark an ihre schwachen Schüler an.

Also ist die Schule ein fairer Ort für alle?

Ja.

Ich frage, weil es einen Trend an Schulen und Universitäten gibt: den Nachteilsausgleich. Im Umkehrschluss muss das ja heissen, dass viele Menschen benachteiligt werden . . .

Das ist eine Mär. Eine, die gefährlich ist. Die Schulen senken das Niveau, weil sie jede Schwäche, jedes Defizit, das ein Schüler hat, nicht aufarbeiten und beheben, sondern es kompensieren wollen. Das geschieht mit dem sogenannten Nachteilsausgleich. An gewissen Schulen erhalten 10, manchmal sogar 20 Prozent der Schüler einen Ausgleich. Bei mir haben sich Lehrerinnen gemeldet mit Quoten in ihren Klassen, die noch höher sind. Das ist absurd.

Esther Ziegler, ehem. Primarlehrerin, Bildungsforscherin an der ETH.: Das ist eine Mär!

Warum?

Der Nachteilsausgleich sollte eigentlich ein Instrument sein, das zur Anwendung kommt, wenn ein Schüler trotz grosser Anstrengung ein bestimmtes «isoliertes» Defizit nicht ausmerzen kann. Zum Beispiel ein intelligenter Schüler, der herausragende Leistungen erbringt, aber grosse Mühe mit der Rechtschreibung hat. Obschon er viel übt, kann er sich kaum verbessern. Das ist ein klassischer Fall von Legasthenie. Hier ergibt ein Nachteilsausgleich manchmal Sinn. Die Gefahr besteht aber, dass in der Folge an dem Defizit nicht mehr gearbeitet wird. Ein Grund, gegen Nachteilsausgleiche zu sein.

Sie sagen es selbst: Wer eine physische oder psychische Behinderung hat, bekommt Unterstützung. Wie kann man da dagegen sein?

Ich bin gar nicht dagegen, ich halte nur fest: Ein Nachteilsausgleich wäre eher für ein Prozent der Schüler sinnvoll, vielleicht noch weniger. Lutz Jäncke, der bekannte Neuropsychologe, hat uns schon vor Jahren in seiner Vorlesung gelehrt: Nicht jede diagnostizierte Legasthenie ist wirklich eine. Nur weil jemand viele Fehler macht, ist das nicht gleich eine Störung. Oft haben diese Schüler einfach nicht geübt, woran übrigens oft die Schulen schuld sind – wenn Fehler nicht von Anfang an korrigiert werden. Das nennt man eine antrainierte Legasthenie. Das Problem ist, dass diese Unterscheidung nicht ganz einfach ist.

Dass die Defizite vieler Schüler immer grösser werden, liegt jedoch hauptsächlich an der Art, wie heute unterrichtet wird. An den Schulen gilt das Prinzip des selbstorganisierten Lernens. Die Idee ist sogar gut: Was man können muss, soll man selbst machen. Doch die Umsetzung ist eine Katastrophe.

Aber es ist doch ein Fakt, dass immer mehr Schüler physisch und vor allem psychisch auffällig sind, oder nicht?

Das ist so. Natürlich spielen mangelnde Konzentration oder Aufmerksamkeitsdefizite eine grössere Rolle als früher, auch psychische Probleme, nicht zuletzt aufgrund der starken Verbreitung und Nutzung von digitalen Geräten. Aber so genau weiss man das gar nicht. Und klar, auch Migration ist ein Faktor, weil fremdsprachigen Kindern noch stärker die Basics fehlen. Dass die Defizite vieler Schüler immer grösser werden, liegt jedoch hauptsächlich an der Art, wie heute unterrichtet wird. An den Schulen gilt das Prinzip des selbstorganisierten Lernens. Die Idee ist sogar gut: Was man können muss, soll man selbst machen. Doch die Umsetzung ist eine Katastrophe.

Die Selbstorganisation, Arbeitspläne erstellen und Unterlagen selbst durcharbeiten, ist erstens nicht altersgerecht und führt zweitens nicht zum «selbst machen». Wer sich die Informationen selbst suchen muss – weil die Lehrer weniger erklären und lehren –, bedient sich öfter der Copy-Paste-Methode. Schwache Schüler schreiben von den guten ab.

Selbstorganisiertes Lernen ist nicht immer kindgerecht.

Warum?

Die Selbstorganisation, Arbeitspläne erstellen und Unterlagen selbst durcharbeiten, ist erstens nicht altersgerecht und führt zweitens nicht zum «selbst machen». Wer sich die Informationen selbst suchen muss – weil die Lehrer weniger erklären und lehren –, bedient sich öfter der Copy-Paste-Methode. Schwache Schüler schreiben von den guten ab. Dazu kommt, dass immer mehr in Gruppen gearbeitet wird, um die Selbstorganisation zu fördern. Auch hier sind es die Starken, die davon profitieren. Und die Schwachen werden immer mehr abgehängt. Man kann ihnen keinen Vorwurf machen: Es ist zu bequem, nichts zu investieren.

Übertreiben Sie jetzt nicht?

Nein. Ich kenne Fälle von Schülern, die zu mir in den Unterricht kommen, die ganze Schulbücher in ihrem eigenen Tempo durcharbeiten müssen. Wie soll das gehen als Kind, ganz ohne Anleitung? Die starken Schüler, die auch daheim unterstützt werden, können das vielleicht. Aber die anderen werden abgehängt. Wir sehen in Untersuchungen, dass die Grundvoraussetzungen immer mehr fehlen: Es hapert beim automatisierten Lesen und Schreiben, die Rechtschreibung bleibt auf der Strecke, in der Mathematik gibt es grosse Lücken. Anstatt dass man diese zu schliessen versucht, verschiebt man die Verantwortung von den Lehrern auf die Kinder.

Was heisst das konkret?

Heute läuft es so: ADHS? Diagnose. Nachteilsausgleich. Prüfungsangst? Diagnose. Nachteilsausgleich. Konzentrationsprobleme? Diagnose. Nachteilsausgleich. Dabei sollte die Schule doch ein Ort sein, an dem mit Schwächen umgegangen werden muss – wo man lernen kann, damit umzugehen und sie aufzuarbeiten. Heute passiert das Gegenteil. Die Institution passt sich dem Individuum an. Das ist falsch. Der Nachteilsausgleich ist nur die offenkundigste Folge dieser Entwicklung.

Sind diese Diagnosen denn nicht berechtigt, damit jedes Kind bestmöglich gefördert werden kann?

Dass jedes Kind dasselbe Anrecht auf die bestmögliche Förderung hat, ist unbestritten. Doch das passiert nicht. Die Schulen versuchen, alle gleich zu machen. Wer abfällt, bekommt einen Nachteilsausgleich. Es geht vergessen, was Fakt – und völlig in Ordnung – ist: Von allen Schülern sind 70 Prozent, also die grosse Mehrheit, durchschnittlich begabt. 15 Prozent sind sehr gut, 15 Prozent fallen ab. Doch heute will man alle Schüler so fördern, dass sie es ans Gymnasium schaffen können.

Ein hehres Ziel . . .

. . . aber mit verheerenden Folgen. Aus diesem Grund sinkt das Niveau so stark, weil die Anforderungen tiefer werden. Viel eher müsste man die Berufsbildung stärken. Für die meisten ist das ohnehin der bessere Weg. Und wie man heute weiss: Oft haben diese Menschen mehr Erfolg im Berufsleben. Später gibt es Weiterbildungsmöglichkeiten und Passerellenprogramme. Das ergibt mehr Sinn, als sich durch ein Gymnasium zu quälen. Im Bildungsbericht 2023 steht: Wer in den Vorbereitungstests schlecht abschneidet, schneidet tendenziell auch bei der Matur schlecht ab. So entwerten wir diesen Abschluss, der zu einem Studium an einer Universität berechtigt.

Intelligenz reicht nicht, um ein Schuljahr zu bestehen, egal auf welchem Niveau. Es gehört dazu, dass man fleissig ist.

Aber ist es nicht gerecht, wenn man jedem die Möglichkeit gibt, ins Gymnasium zu kommen, der das möchte?

Die Chance? Natürlich. Doch dafür muss man die nötigen Voraussetzungen haben und sich anstrengen. Auch smarte Schüler müssen das. Intelligenz reicht nicht, um ein Schuljahr zu bestehen, egal auf welchem Niveau. Es gehört dazu, dass man fleissig ist. Dass man seine Defizite kennt und an ihnen arbeitet. Und, ganz wichtig: dass man übt, übt, übt. Es kann doch nicht sein, dass die eigenen Defizite mit einem Nachteilsausgleich einfach kompensiert werden.

Es geht ja nicht um Kompensation, sondern um gleiche Möglichkeiten. Das scheint gerecht.

 Ist es gerecht, wenn ein Schüler intelligenter ist? Sich Dinge besser merken kann? Fleissiger ist? In einem bildungsnahen Haushalt aufwächst?

Die Frage zu stellen, heisst, sie zu beantworten.

Sehen Sie: Gerechtigkeit gibt es nicht. Sobald Sie zwei Menschen miteinander vergleichen, wird es Unterschiede geben. Es bringt nichts, wenn die Schule diese verschleiern möchte, etwa mit einem Nachteilsausgleich. So werden neue Ungerechtigkeiten geschaffen.

Für wen?

Für alle anderen, die keinen Nachteilsausgleich erhalten.

Wenn ein paar Schüler mehr Zeit für eine Prüfung bekommen, ist es unfair für die anderen?

Wenn es nur das wäre. Aber bleiben wir zuerst bei der Zeit. Das klingt noch einleuchtend. 10 Prozent mehr für eine Prüfung, also ein paar Minuten mehr: klingt wirklich nicht schlimm. Ich sehe das anders. Woher nehme ich als Lehrerin diese Zeit? Nehme ich den Schülern die Pause weg? Nehme ich sie von der nächsten Lektion, verkürze also die Lernzeit? Das blockiert irgendwann das ganze System. Doch es ist noch schlimmer . . .

Erzählen Sie.

Ich weiss von Fällen, in denen etwa die letzte Aufgabe für Schüler mit Nachteilsausgleich nicht zählt, weil man nicht Zeit anhängen möchte und dies durch das Streichen einer Aufgabe erreicht. Schüler mit Ausgleich erhalten in der gestrichenen Aufgabe die volle Punktzahl. Für einen Schüler ohne Ausgleich bedeutet das: Macht er bei dieser Aufgabe Fehler, holt er weniger Punkte und damit eine schlechtere Note. Ist das gerecht? Eher nicht.

Man muss den Nachteilsausgleich-Exzess sofort stoppen. Das Mindeste wäre es, im Zeugnis zu vermerken, dass ein Schüler einen Nachteilsausgleich hat

Was wäre zu tun?

Man muss den Nachteilsausgleich-Exzess sofort stoppen. Das Mindeste wäre es, im Zeugnis zu vermerken, dass ein Schüler einen Nachteilsausgleich hat – und welcher das ist. Das wäre nur gerecht. Gerade, wenn die Zeugnisse bei Bewerbungen vorgelegt werden müssen. Sonst wird eine Verbesserung durch engagierte Arbeit nicht mehr belohnt. Im Zeugnis sieht man das nirgends. Ich verstehe jeden, der sagt: Da hole ich mir lieber einen Nachteilsausgleich, ich bin doch nicht blöd. Und es wird noch verrückter, ich habe es öfter mitbekommen und selbst in einem schulischen Standortgespräch erlebt: Lehrer fordern die Eltern auf, für ihre Kinder einen Nachteilsausgleich zu holen.

Ist das nicht merkwürdig? Es sollen mehr Schüler ans Gymnasium, gleichzeitig bekommen immer mehr einen Nachteilsausgleich.

Das ist absurd, ja paradox. Von den Behörden wird ein Instrument beworben, das ungerecht wirkt. Was bringt es den Kindern, wenn sie in Watte gepackt werden – und erst im Beruf verstehen, dass es im Leben keinen Nachteilsausgleich mehr gibt? Wenn wir so weitermachen, züchten wir eine leistungsfeindliche Gesellschaft heran.

Zur Person

Esther Ziegler

Die Primarlehrerin hat nach mehreren Jahren Berufserfahrung ein Studium in Violine mit Lehrdiplom absolviert. Es folgte ein Masterstudium in Psychologie mit Spezialisierung auf Neuropsychologie an der Universität Zürich. Anschliessend doktorierte sie in Lehr- und Lernforschung an der ETH Zürich. Heute arbeitet Esther Ziegler mit ihrer Firma LernConsulting – einem ETH-Spin-off – in Zürich als Beraterin. Sie bietet Aus- und Weiterbildung für Lehrpersonen an sowie Nachhilfeunterricht, Gymi-Vorbereitungskurse und Französischkurse für Schülerinnen und Schüler. Zudem berät sie Eltern bei der Unterstützung ihrer Kinder. Ziegler hat ein Französischlehrmittel sowie Lernkarten für Mathematik entwickelt.

 

 

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