Die Schule ist zwar ständig im Wandel – doch aus Sicht von Bildungsexperte Christoph Kohler geht dieser viel zu langsam voran. Noch immer sei das System auf Gleichschritt statt auf Entwicklung ausgerichtet. In fünf Thesen beschreibt er, was falsch läuft – und welche Reformen nötig wären.

1. Das Schulmodell ist veraltet und schadet allen Beteiligten
Das Problem
Der Schulbetrieb folge noch immer einem starren Takt aus 45-Minuten-Lektionen, Fächersilos, Notenlogik und früher Selektion. Statt individuelle Entwicklung zu fördern, zwinge das System alle in denselben Rhythmus. Talente blieben unentdeckt, Neugier werde gebremst, Umwege bestraft. “Wir produzieren Angst statt Selbstwirksamkeit”, sagt Kohler. Gefragt wären heute jedoch Kollaboration, Urteilskraft, digitale Mündigkeit und Resilienz – nicht reine Reproduktion und Prüfungsstrategien.

Sechs Lösungsvorschläge
- Von Stoffplänen zu Kompetenzen: weniger Inhalte, dafür vertieft und anwendbar
- Projektbasiertes, forschendes Lernen und gemischte Teams
- Zeit neu denken: Lernzeit statt Sitzzeit, Fortschritt statt Notendurchschnitt
- Weniger Prüfungen, mehr laufendes Feedback, das zeigt, wo ein Kind steht und was es noch braucht
- Digitale Grundbildung, so selbstverständlich wie Lesen und Schreiben
- Mentoring, Beziehungsarbeit und psychische Gesundheit ins Zentrum stellen
2. Eltern sind überfordert – die Schule ist keine Reparaturwerkstatt der Gesellschaft
Das Problem
Eltern verlangten zunehmend Individualisierung und Erziehungsarbeit von der Schule. Doch unbegrenzte Individualisierung überfordere jedes System, auch die Schule. Rollen, Erwartungen und Verantwortung seien unklar geworden.

Fünf Lösungsvorschläge
- Klare Vereinbarungen zwischen Schule und Eltern: Was leistet die Schule, was bleibt klar Pflicht der Eltern, etwa in Bezug auf Schlaf, Medienregeln, Pünktlichkeit, Haltung und Grenzen?
- Eltern stärken durch niederschwellige Bildungs- und Beratungsangebote
- Multiprofessionelle Teams an Schulen, präventiv statt erst im Krisenfall
- Verbindliche Ganztagsstrukturen mit Lernzeiten und Schulaufgabenklassen statt Hausaufgaben
- Politik in die Pflicht nehmen: Arbeitszeitmodelle, Armutsbekämpfung, frühe Förderung
3. Lehrpersonen sind unzureichend aus- und weitergebildet
Das Problem
An Pädagogischen Hochschulen dominierten Theorie und Konzepte. Im Klassenzimmer zählten jedoch Führung, Diagnostik, Differenzierung und Beziehung. Berufseinsteiger seien gut belesen, aber handwerklich schlecht vorbereitet, so Kohler.

Sechs Lösungsvorschläge
- Bezahltes Praxisjahr mit Mentorat und klaren Kompetenzstandards
- Mehr Unterrichtspraxis ab dem ersten Studientag
- Pflichtmodule zu Classroom-Management, Inklusion, Trauma, digitaler Didaktik und Elternkommunikation
- Kritisches, faires Feedback und Eignungsabklärung mit frühem Ausstieg
- Wirksame Weiterbildung im Beruf durch Coaching und Hospitation
- Gesundheit lernen: Grenzen setzen, Teamarbeit, Schutz vor Ausbrennen
4. Das Klassenzimmer ist ein Relikt der Fliessbandpädagogik

Das Problem
80-Quadratmeter-Schulzimmer mit Bestuhlung in Reih und Glied passen zu Frontalunterricht, nicht zum konstruktiven Lernen. Wer Kollaboration, Kreativität, kritisches Denken und Selbststeuerung fördern wolle, dürfe nicht in Räumen der Vergangenheit unterrichten. “Der Raum ist der dritte Pädagoge – und unserer ist seit Jahrzehnten krankgeschrieben.”
Neun Lösungsvorschläge
- Cluster mit Gruppenräumen um einen gemeinsamen offenen Platz
- Lernateliers mit mobilen Möbeln und flexibler Infrastruktur
- Rückzugskojen für konzentriertes Arbeiten
- Seminar- und Dialogräume für Coaching und Beratung
- Werkbereiche mit niedriger Einstiegsschwelle
- Medienstudios für Audio- und Videoproduktion
- Staff Base als Arbeitsort für Lehrteams
- Treppen, Flure und Aussenräume als Lernorte
- Lernorientierte Architektur mit guter Akustik, Licht, Frischluft und modularen Möbeln
5. Schulen werden verwaltet, nicht geführt
Schulleitungen mit 20 oder mehr Lehrpersonen könnten kaum führen, sondern vor allem kontrollieren. Verwaltung ersetze Pädagogik. “Wer nur Excel pflegt, entwickelt keine Lernkultur.”

Fünf Lösungsvorschläge
- Führungsradius verkleinern und mittlere Führungsebenen aufbauen
- Verwaltungsaufgaben auslagern und digitalisieren
- Instructional Leadership mit Unterrichtsbesuchen und klaren Zielen
- Vertrauenskultur statt Mikromanagement
- Ressourcen dort einsetzen, wo sie wirken: Zeit für Kooperation und Vorbereitung
Fazit
Christoph Kohler fordert keinen weiteren Reformflicken, sondern einen Umbau bei laufendem Betrieb. Das koste Mut, Geld und politische Rückendeckung. Doch Untätigkeit koste mehr: Motivation, Gesundheit und Zukunftschancen. “Kinder haben nur eine Kindheit. Wenn wir sie weiter im alten System verschleissen, verliert die Gesellschaft.” Flickwerk reiche nicht mehr. Es brauche einen echten Systemwechsel – jetzt.
Legende Titelbild: Bildungsexperte Christoph Kohler ist unzufrieden mit dem heutigen Schulsystem. (Bild: Bildungsexperte.ch)
Daniel Graf (dgr) arbeitet seit 2020 für 20 Minuten. Er ist Leiter des Ressorts News, Wirtschaft & Videoreportagen und seit September 2023 Mitglied der Redaktionsleitung.

