23. Januar 2026
Replik

Rückgewinnung pädagogischer Freiheiten als gemeinsames Anliegen

Condorcet-Autor Hanspeter Amstutz ist einer dieser “alten weissen Männer”, die sich immer noch in den Bildungsdiskurs einmischen. Er reagiert mit einem Augenzwinkern auf die Bemerkung seines Kollegen Georg Geiger, der im Gespräch mit Alain Pichard beklagt hatte, dass es nicht gut sei, wenn nur “alte weisse Männer” im Blog schrieben.

Als “alter, weisser Mann” habe ich durchaus nicht vor, mich von pädagogischen Diskussionen fernzuhalten. Das Suchen nach dem besten Weg gelingt nicht besser, wenn sich die ältere Generation einfach zurückzieht. Gerade in der Pädagogik ist es von Bedeutung, dass Werte ohne Verfallsdatum nicht leichtsinnig über Bord geworfen werden. Doch genau dies ist in den letzten zwanzig Jahren passiert. Was wurde nicht alles als einzigartige Erfolgsdidaktik verkauft und mit riesigem Aufwand eingeführt, scheiterte danach aber krachend in der Praxis. Die Frage bleibt, wie das alles überhaupt passieren konnte und warum von den jüngeren Generationen zu wenig Widerstand kam.

Gastautor Hanspeter Amstutz, Starke Schule Zürich

Der Condorcet-Blog mit seinem engagierten Autorenteam hat in den letzten fünf Jahren versucht, den Ursachen auf den Grund zu gehen. Die ärgsten Fehlentwicklungen wurden oft scharf, aber stets sachlich kritisiert. Während die meisten Lehrerverbände relativ brav den von oben vorgegebenen Kurs akzeptierten, überwog beim Condorcet-Blog ein gesunder Geist des Widerspruchs. Nicht überraschend setzte sich deshalb bei einigen Presseleuten die Erkenntnis durch, dass die Marke “Condorcet” Garant für scharfsinnige Analysen ist. Dass heute weit kritischer über Schulreformen berichtet wird als noch vor ein paar Jahren, hat einiges mit erhellenden Beiträgen in unserem Blog zu tun.

Jüngere Lehrpersonen tragen die volle Last der überzogenen Bildungserwartungen und hätten allen Grund, ihr Joch abzuschütteln. Dass sie dies kaum tun, erfüllt unsere in grosser Freiheit aufgewachsene ältere Lehrergeneration mit Bedauern.

 

Dennoch besteht kein Grund mit der laufenden Entwicklung zufrieden zu sein. Nur selten steigen die Verantwortlichen in den Pädagogischen Hochschulen und in den politischen Bildungsgremien vom Sockel ihrer Unantastbarkeit herab und stellten sich den wirklich brennenden Fragen. Da wird gemauert, beschönigt und vor allem versucht, möglichst so weiterzufahren wie bisher. Das günstige Zeitfenster für ein entschlossenes Eingreifen der jüngeren Generation in die Bildungspolitik steht aber schon eine Weile offen. Jüngere Lehrpersonen tragen die volle Last der überzogenen Bildungserwartungen und hätten allen Grund, ihr Joch abzuschütteln. Dass sie dies kaum tun, erfüllt unsere in grosser Freiheit aufgewachsene ältere Lehrergeneration mit Bedauern.

Selbstverständlich gibt es unzählige junge Lehrerinnen und Lehrer, welche das Gen der pädagogischen Freiheit besitzen und in der Schulentwicklung tatkräftig mitbestimmen möchten. Wer sich beispielsweise im Baselbiet umhört, hört überall Stimmen junger Lehrkräfte, die bezüglich umstrittener didaktischer Konzepte erstaunlichen Klartext reden und neue eigene Ideen verwirklichen wollen. Solche Persönlichkeiten gilt es für den Condorcet-Blog zu gewinnen, indem man sie ermutigt, ihre Ansichten öffentlich zu kommunizieren. Darüber würde ich mich sehr freuen.

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Ein Kommentar

  1. Es ist tatsächlich unverständlich, dass die aktive Lehrerschaft einfach stillhält. Die alten grauen Männer können nur warnen, den sie sehen klar, dass etwas gründlich schief läuft. Und es wird mindestens ein bis zwei Generationen brauchen, bis der Schaden abgewendet werden kann bzw. der Schadenplatz aufgeräumt ist. Die Alten sollen weiterschreiben, die Jungen müssen handeln, jetzt!

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