„Je geringer der Schulabschluss, desto schlechter die Schwimmfähigkeit“

Die Zahl der Nichtschwimmer im Grundschulalter ist dramatisch gestiegen. Binnen der vergangen fünf Jahre hat sich der Wert verdoppelt. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Die DLRG-Vorsitzende Ute Vogt spricht im Interview über das Problem und sagt, was nun geschehen muss. Der Condorcet-Blog veröffentlicht ein Interview mit der DLRG-Vorsitzenden Ute Vogt, das in der Zeitung “Die Welt” erschienen ist und informiert über eine Motion im Berner Kantonsparlament (SCHWEIZ).

Nur wenige Tage ist es her, da wurden die Zahlen der Öffentlichkeit präsentiert. Das jedoch, was die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) von einer Forsa-Umfrage da preisgab, war alarmierend: Die Zahl der Nichtschwimmer im Grundschulalter hat sich binnen fünf Jahren verdoppelt. Rund 20 Prozent der Kinder zwischen sechs und zehn Jahren konnten 2022 nicht schwimmen. 2017 lag der Anteil der Nichtschwimmer im Grundschulalter bei zehn Prozent.

Wie die Umfrage weiter zeigt, sind weitere 23 Prozent der Kinder nach Angaben ihrer Eltern unsichere Schwimmer. Nur 57 Prozent schwimmen demnach sicher, das sind in etwa so viele wie vor fünf Jahren. Anhand der Angaben der Eltern zu den abgelegten Schwimmabzeichen geht die DLRG allerdings davon aus, dass derzeit insgesamt sechs von zehn Kindern am Ende der Grundschule (58 Prozent) keine sicheren Schwimmer sind. Mütter und Väter gingen allzu oft fälschlich davon aus, das vorbereitende Seepferdchen befähige zum sicheren Schwimmen. Die Gründe, warum so viele Kinder nicht schwimmen können, sind vielschichtig. Darauf verweist Ute Vogt (58), Vorsitzende der DLRG.

 

WELT: Frau Vogt, es heißt, die Zahl der Nichtschwimmer im Grundschulalter habe sich verdoppelt. Wer gilt als Nichtschwimmer?

Ute Vogt: Wer sich nicht längere Zeit allein über Wasser halten kann und unsicher ist. Auch ein Kind, das das Seepferdchen besitzt, ist noch ein Nichtschwimmer.

WELT: Die Zahlen der Kinder, die deutschlandweit nicht schwimmen können oder unsichere Schwimmer sind, sind alarmierend.

Vogt: Das stimmt. Aber Sicherheit bekomme ich eben nur, wenn ich das Schwimmen richtig lerne und auch die Möglichkeit habe, das Schwimmen zu üben. Kinder, die beispielsweise vor der Corona-Pandemie das Schwimmen gelernt haben, hatten fast zwei Jahre keine Zeit zu üben. Das macht sich bemerkbar. Hinzukommt, dass es in vielen Haushalten nicht mehr üblich ist, mit den Kindern regelmäßig in ein Schwimmbad zu gehen. Das liegt zum Beispiel auch daran, dass es in unmittelbarer Nähe des Wohnorts vieler Kinder schlichtweg keine Bäder mehr gibt.

WELT: Lassen Sie uns die Punkte, die Sie angesprochen haben, durchgehen. Was meinen Sie, wenn Sie sagen, dass es nicht mehr üblich ist – hat sich der Stellenwert des Schwimmens in der Gesellschaft verändert?

Vogt: Wenn ich das Schwimmen in der Grundschule lerne, beeinflusst das natürlich das Verhalten in der Freizeit. Lerne ich jedoch keine Grundlagen, ist Schwimmen am Nachmittag, wenn die Schule vorbei ist, auch kein Thema. Dann sucht sich ein Kind eine andere Beschäftigung und sitzt im Zweifel vor dem Computer.

WELT: Inwiefern spielt der Kostenfaktor hinsichtlich eines Schwimmkurses im Kleinkindalter oder der Eintrittspreis für das Schwimmbad eine Rolle, ob ein Kind schwimmen kann? Der Umfrage zufolge gibt es in ärmeren Haushalten viel mehr Nichtschwimmer.

Vogt: Das war der Punkt, der mich bezüglich der Umfrage am meisten erschrocken hat. Denn eigentlich war das Schwimmen immer ein Sport, der leicht zugänglich war und den man für wenig Geld ausüben konnte. Ein Badeanzug oder eine Badehose ist keine teure Ausrüstung, viel günstiger zum Beispiel als ein Paar Fußballschuhe. Ich denke, dass es einen Zusammenhang zwischen Einkommen und Bildungsnähe gibt oder Bildungsferne – und ob ich Schwimmen als wesentlichen Teil der Bildung betrachte. Historisch gesehen ist Schwimmen Teil der klassischen Bildung, wie das Schreiben, das Lesen, das Rechnen. Ich glaube, dass es bei vielen Menschen nicht mehr so präsent ist, dass Schwimmen eine klassische Bewegung darstellt. In Bezug auf Erwachsene lässt sich etwa sagen: Je geringer der Schulabschluss, desto schlechter die Schwimmfähigkeit. Weshalb wir als DLRG auch darauf drängen, dass sich die Schulen in Deutschland dem Thema Schwimmen annehmen, so wie das früher auch der Fall war.

“Oft haben die Schulen keinen Zugang zu einer Schwimmhalle.”

WELT: Woran hakt es diesbezüglich?

Vogt: 2019 haben sich die Kultusminister darauf verständigt, dass kein Kind die Grundschule verlassen soll, ohne richtig schwimmen zu können. In der Realität wird das nur nicht umgesetzt. Da werden zwar entsprechende Lehrpläne gemacht, aber oft haben Schulen keinen Zugang zu einer Schwimmhalle, weil es in ihrer Umgebung einfach keine gibt. Es gibt insbesondere im ländlichen Bereich Schulen, bei denen Kinder teilweise eine Stunde fahren müssten, um ein Bad zu erreichen, sodass man Schwimmen nicht in den Unterricht einbauen kann. Zum anderen fehlen dann auch noch Lehrkräfte.

WELT: Wie kann man diese Probleme lösen?

Vogt: Was den Mangel an Lehrkräften betrifft, braucht es in jedem Bundesland Initiativen dafür, dass sich mehr Lehrkräfte qualifizieren lassen und die Herausforderung annehmen. Der Schwimmunterricht ist personalintensiver. Da können auch Kooperationen beispielsweise mit der örtlichen DLRG helfen, die dazu zum Beispiel Bundesfreiwillige ausbilden und einsetzen kann. Oder man könnte stärker auf Sportstudierende zurückgreifen, die den Lehrkräften in den Hallen dann zur Seite stehen, diese unterstützen.

WELT: Und was ist mit den Bädern beziehungsweise Hallen?

Vogt: Es ist ja nicht so, dass noch nicht investiert worden ist vom Bund und auch den Ländern. Doch von dem Geld der Investitionsprogramme profitieren vor allem Kommunen, die gute Beziehungen haben – und ausreichend Eigenkapital einbringen können. Aber klamme Kommunen, insbesondere die vielen kleinen im ländlichen Raum, sind außen vor. Deshalb fordern wir ein Zusammenwirken von Bund, Ländern und Kommunen. Man muss zusammen eruieren bzw. schauen, wo die Grundschulen liegen und wo Bäder fehlen. Der Bedarf, der aus dem Abgleich ersichtlich wird, muss dann gedeckt werden. Investitionsprogramme, die es ja gibt, können dann zielgerichtet gelenkt werden. Klar ist aber: Es braucht viel mehr Geld. Allein um den derzeitigen Sanierungsbedarf in den noch bestehenden Bädern zu decken, brauchen wir etwa 4,5 Milliarden Euro. Zusätzliche Bäder, die Anpassung an veränderte Nutzungsbedarfe und die Herstellung von Klimaneutralität sind da noch nicht berücksichtigt.

Die DLRG geht davon aus, dass am Ende der Grundschule rund 60 Prozent der Schülerinnen und Schüler keine sicheren Schwimmer sind (Quelle: obs)

WELT: Sie haben eingangs die Corona-Pandemie erwähnt, in der viele Dinge nicht möglich waren, nicht geübt, nicht trainiert oder gefördert werden konnten. Aber bereits vor Corona gestaltete es sich für Eltern schwierig, einen Schwimmkursus zu bekommen – selbst bei privaten Schulen.

Vogt: Es fehlen schlichtweg Wasserflächen. Wir haben bundesweit ungefähr 2000 Ortsgruppen. Ich kenne keine, die nicht eine lange Warteliste besitzt. Es gibt welche, die haben ihre Warteliste geschlossen, weil die für die kommenden zwei Jahre und weiter reichen würde. Das ist schon dramatisch. Deshalb betonen wir ja stets, wie unabdingbar es ist, Schwimmen verpflichtend in den Unterricht an der Grundschule einzubinden – und dafür benötigen wir mehr Schwimmhallen. Ehrenamtlich und mit privaten Schulen können wir das Problem nicht lösen.

WELT: Zumal die privaten Kurse dann auch wieder einen Kostenfaktor darstellen.

Vogt: Die Kosten mögen für den einen oder anderen eine Rolle spielen, aber es geht – wie eingangs schon erwähnt – vor allem um den Stellenwert des Schwimmens. Ist das Schwimmen überhaupt wichtig, brauche ich das Schwimmen für die Zukunft, liegt es in der Tradition meiner Familie? Was den Stellenwert des Schwimmens betrifft, unterschätzen Eltern oft, das Wasser eine magische Anziehungskraft für Kinder hat. Und wenn ein Kind nicht sicher schwimmen kann, ist es hochgradig gefährdet. Wir erleben das Jahr für Jahr, insbesondere in den Urlaubsmonaten nehmen die Einsätze hierzulande an den Seen und an der Küste zu. Selbst acht, neun Jahre alte Kinder sind zunehmend unsicherer im Wasser. Viele sind nicht eigenständig in der Lage zu schwimmen.

WELT: Sie haben die Anziehungskraft des Wassers erwähnt. Aufgrund der zunehmenden Hitze in den Sommermonaten sind die Freibäder, See- bzw. Ostseebäder immer voller.

Vogt: Ganz klar. Auch wer nicht schwimmen kann, bleibt dem Wasser nicht fern und fährt vielleicht mit dem Paddle-Board raus. Gerade bei Jugendlichen erleben wir oft eine Art Gruppenzwang. Da gehen mehrere Jugendliche zusammen ins Wasser, von denen einer nicht schwimmen kann, es aber nicht zugibt und dann ertrinkt. Das haben wir erlebt.

“Das Problem ist erkannt, nur zeigt aktuell noch jeder auf den anderen.”

WELT: Gibt es denn aktuell Rückmeldungen aus der Politik, sich der Probleme in Bezug auf die vielen Nichtschwimmer im Grundschulalter anzunehmen?

Vogt: Unser Eindruck ist, dass das Thema in allen Parteien als sehr wichtig erachtet wird. Wir waren am Mittwoch zur Anhörung beim Sportausschuss im Bundestag. Das Problem ist erkannt, nur zeigt aktuell noch jeder auf den anderen. Das heißt, die Länder sagen, das ist Sache der Kommunen, der Bund meint, die Länder müssten da stärker agieren und nicht er selbst, der Geld dafür ausgibt, obwohl er das nicht müsste. Wir haben dafür plädiert, das gemeinsam anzugehen und sich um eine gute Infrastruktur zu kümmern. Bislang denkt immer jeder nur an den eigenen Verantwortungsbereich. Es muss doch möglich sein, dass sich auf dem Land Kommunen zusammentun und schauen, dass sie eine Halle erbauen, die mehrere Schulen nutzen können. Dort könnten auch Lehrkräfte arbeiten, sodass nicht jede Schule selbst welche aufbringen muss. Wir dürfen nicht nur reden und großartige Programme erstellen. Es muss gehandelt werden – und am besten federführend durch den Bund. Die Zukunft kann ja nicht so aussehen, dass Schwimmen an manchen Orten Luxus und woanders gar nicht möglich ist.

WELT: Um noch einmal auf die Kosten zurückzukommen: Was darf ein Schwimmkursus Ihrer Meinung nach kosten, wo sehen Sie die Grenze?

Vogt: Bei uns reden wir von einem Jahresbeitrag für die Mitgliedschaft zwischen 50 und 100 Euro. Oft kommt dann noch der Eintritt zur Halle hinzu. Ich habe aber auch von privaten Schwimmschulen gehört, die zwischen 300 und 600 Euro für einen Kurs verlangen. Das kann es aber nicht sein.

WELT: Die Probleme, die die Politik lösen muss, haben Sie angesprochen. Wie steht es um die Eltern – wünschen Sie sich, dass die stärker dafür sensibilisiert werden, dass ihre Kinder das Schwimmen lernen?

Vogt: Ja. Wir tragen dazu bei, indem wir zum Beispiel in die Kindergärten gehen und dort die Kleinen spielerisch über Gefahren aufklären und Baderegeln vermitteln. Das wiederum bekommen die Eltern mit. Auch sonst weisen wir immer wieder darauf hin, wie wichtig die Eltern sind. Selbst wenn sie keine Lehrer sind und das Schwimmen nicht vermitteln können. Bei gemeinsamen Schwimmbadbesuchen oder auch bei Spiel und Spaß daheim in der Badewanne verlieren die Kinder die Scheu vor dem Wasser, gewöhnen sich an die Bewegung darin und lernen dann später auch schneller das Schwimmen.

Anmerkung der Redaktion:

Im bernischen Kantonsparlament haben die Grossrätin Andrea Zryd (SP) und Alain Pichard (GLP) eine Motion eingebracht, welche auf eine Verbesserung der Schwimmfähigkeit der Schülerinnen und Schüler abzielt. Dabei suchen sie die Kooperation mit den lokalen Schwimmclubs und schlagen vor, dass in Einzelfällen der Kanton sogenannte Gutscheine sprechen kann, welche die Nichtschwimmer bei den Schimmclubs einlösen können. Andrea Zryd: «Die Kompetenz dieser Leute ist hoch. Sie soll aber den Schwimmunterricht in der Schule nicht ersetzen, sondern gezielt in Einzelfällen zur Anwendung kommen, dann wenn man bemerkt, dass eine Schülerin in einer höheren Klasse nicht schwimmen kann.»

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